Getroffen: Michael Kühner beim Fechttraining des PSV Stuttgart. Foto: /Torsten Streib

PSV-Abteilungsleiter Michael Kühner spricht auch über Probleme im Nachwuchsbereich und großen Zusammenhalt.

Bad Cannstatt - Die Corona-Pandemie hat Deutschland nun schon seit mehr als einem Jahr fest im Griff – und dies in allen Bereichen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens. Auch der Sport ist durch die Schließungen von Hallen und Sportanlagen stark betroffen. Wie sich die Sperrungen auf die einzelnen Abteilungen und auch Monospartenvereine ausgewirkt haben, wollen wir in der Serie „Sport und Corona – wie wirkt sich die Krise aus?“ beleuchten. Je eine Sportart/Abteilung eines Vereins wird exemplarisch herausgepickt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) und die Schwierigkeiten, Nöte, Ängste und möglicherweise auch Lichtblicke in loser Folge beschrieben.

„Wir sollten alle etwas demütiger sein und nicht alles, wie bislang im Sport, als selbstverständlich hinnehmen“, sagt PSV-Fechtabteilungsleiter Michael Kühner im Gespräch über die bisherigen Erfahrungen mit Corona.

Herr Kühner, weniger Möglichkeiten zum Fechten bringen mehr Zeit für Fernsehauftritte. Als ehemaliger Leiter der Mordkommission sind Sie häufig im ZDF bei „Hallo Deutschland“ zu sehen und beschreiben alte, meist aufgeklärte Mordfälle.

Ja, das stimmt. Das ZDF ist auf meine Bücher „Trümmermorde“ und „Mord im Aufschwung: Spektakuläre Verbrechen im Stuttgart der Nachkriegszeit“ aufmerksam geworden und hat mich gefragt, ob ich Interesse hätte, in der Sendung „Hallo Deutschland“ mehrere historische Mordfälle aus Stuttgart zu reproduzieren.

Das ist sicherlich eine spannende Sache, ebenso wie das Trainieren von Kaderathleten, die laut Verordnung als einzige derzeit an die Waffen dürfen. Ist das aktuelle Training aber überhaupt mit einem normalen Training zu vergleichen?

Unsere Kaderathleten sind derzeit sechs Mädchen und drei Jungs in der Altersklasse U 17 bis U 19. Die Inhalte laufen wie sonst auch ab, nur fehlt ihnen der Vergleich beziehungsweise das Üben mit den älteren FechterInnen, die nicht mehr im Kader sind und deshalb auch gezwungen sind, zu pausieren. Dieser Austausch mit erfahrenen und auch noch stärkeren Fechterinnen und Fechtern bringt sehr viel und fördert die Leistung. Generell findet das Training natürlich unter strengen Hygienebedingungen statt. Ich und unser fest angestellter A-Trainer Chris Weber müssen viel Koordinationsarbeit und Organisation leisten, schließlich müssen wir uns wegen der Inzidenzwerte flexibel auf die unterschiedlichen Schulzeiten der Fechterinnen und Fechter einstellen und dementsprechend die Trainingszeiten darauf abstimmen.

Sie sprachen die Leistung an. Kann diese auch nachlassen, weil aufgrund fehlender Wettkämpfe die Motivation schwindet und nur Proben für den Ernstfall Langeweile erzeugt?

Es ist erstaunlich, wie begeistert und eifrig die Fechter und Fechterinnen vier Mal die Woche bei der Sache sind. Klar, Fechten ist gerade das einzige, was sie an Freizeitbeschäftigung haben. Vor allem für die Mädels ist es ärgerlich, sowohl im U-17- wie im U-20- Bereich, dass keine Wettkämpfe stattfinden. Sie haben ein enormes Leistungsvermögen und ich denke, sie könnten in der Mannschaft deutschlandweit ganz vorne angreifen. Doch sie werden aufgrund von Corona des Erfolges beraubt und das nun schon seit fast zwei Jahren. Besonders hart trifft uns die Situation bei unseren U-17-Mädels. Denn, wenn voraussichtlich alles wieder normal läuft, sind sie in die nächste Altersstufe der U 20 aufgerückt und können erst wieder bei Wettkämpfen um gute Platzierungen kämpfen. Zwei verlorene Jahre – keine deutsche Meisterschaften, keine internationalen Turniere, keine Europameisterschaften und jahrelang daraufhin trainiert, sehr bitter für die jungen Athletinnen.

Um Kaderathlet zu werden, bedarf es Grundkenntnissen und Fertigkeiten, die man sich in einer technisch und koordinativ anspruchsvollen Sportart wie Fechten im Kindesalter holt. Deren Training ist seit längerem ausgesetzt.

Das stimmt. Unsere Frischlinge sind auch seit gut einem Jahr ohne richtiges Fechttraining. Nur in einem sehr eingeschränkten Zeitfenster von ein paar Wochen konnte innerhalb des letzten Jahres gefochten, verstärkt eben, auch über Videos, Übungen zur Fitnesserhaltung angeboten werden. Generell so in der dritten Klasse, also im Alter von acht bis neun, ist es günstig, um spielerisch an die Sportart Fechten herangeführt zu werden. Das machen wir über unsere Kooperationen Schule und Verein.

Doch diese Kooperation gibt es aktuell nicht.

Da haben Sie Recht, die Kooperation ist derzeit tot. Das bedeutet, dass wir in diesem Jahr keine neuen Kinder dazugewinnen konnten. Diese Zusammenarbeit bringt immer so um die 10 bis 15 Kinder jährlich.

Generell, haben Sie in der Abteilung einen Mitgliederrückgang zu beklagen?

Nein, da können wir uns glücklich schätzen. Niemand ist ausgetreten und niemand wollte seinen Beitrag zurück, weil man schließlich nicht seinem Sport nachgehen konnte. Irgendwas scheinen wir dann doch richtig zu machen und die Fechtabteilung des PSV ist eine große Solidargemeinschaft.

Und wie sieht es mit den Finanzen aus, gab es Einbußen?

Wie gesagt, die Beiträge fließen wie gehabt und auch ansonsten sind wir finanziell gut durch die Krise gekommen. Außerdem hat uns die Stadt Stuttgart die Miete in der Scharrena, die wir natürlich auch eingeschränkter nutzen, vorerst erlassen. Außerdem gab es ja auch Zuschüsse vom Gemeinderat und auch der Landessportverband hat die Unterstützung für den Trainer weiterlaufen lassen. Einzig unser VW-Bus, den wir vor Corona für Fahrten zu Turnieren in ganz Europa teuer angeschafft haben, steht einsam und verlassen auf dem Parkplatz. Gerade mal für knapp 2000 Kilometer war er im Einsatz.

Sollte die Krise vorbei sein, wann wird dann alles in der Fechtabteilung des PSV wieder so sein wie vor der Pandemie?

Schwer zu sagen, ich mit meinen 73 Jahren und unser junger Trainer Chris Weber mit dem ganzen Trainerteam werden alles daran setzen, die Abteilung wieder so erfolgreich aufzustellen wie vor der Pandemie. Am schwierigsten wird es sicherlich sein, die U 13 und U 15, für die Wettkämpfe wichtig für die Motivation und die Leistungsentwicklung sind, wieder auf Kurs zu bringen. Dies gilt auch für die Acht-, Neunjährigen. Für diese Anfänger sind erste Wettkämpfe und Erfolge das Elixier und der Antrieb, um mehr erreichen zu wollen. Es liegt also eine spannende Zeit vor uns, wir werden es auf jeden Fall anpacken.

Können Sie der Krise auch etwas Gutes abgewinnen?

Auf jeden Fall. Ein großes Dankeschön an die Stadt Stuttgart beziehungsweise das Amt für Sport und Bewegung, das uns, sofern es die Verordnungen zugelassen haben, immer die Möglichkeit gegeben haben, in der Scharrena zu trainieren. Denn in städtischen (Schul-)Sporthallen hätten wir keine Zugangsberechtigung bekommen. Da wären selbst Kaderathleten ausgesperrt gewesen. Zusätzlich hat die Krise gezeigt, dass wir alle etwas demütiger sein sollten und nicht alles selbstverständlich ist. Wenn etwas nicht mehr so ist, wie es war und plötzlich wegbricht, merkt man erst, was einem fehlt. Und es wird von Monat zu Monat schmerzhafter: Lassen Sie es mich mit den Worten des Schriftstellers Guy de Maupassant sagen: ‚Denn es sind die Begegnungen mit den Menschen, die dem Leben seinen Wert geben’. Und da freuen wir uns, wenn die ganze Fechter-Familie des PSV wieder zusammen ist.

Die Fragen stellte Torsten Streib.

Die Corona-Pandemie hat Deutschland nun schon seit mehr als einem Jahr fest im Griff – und dies in allen Bereichen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens. Auch der Sport ist durch die Schließungen von Hallen und Sportanlagen stark betroffen. Wie sich die Sperrungen auf die einzelnen Abteilungen und auch Monospartenvereine ausgewirkt haben, wollen wir in der Serie „Sport und Corona – wie wirkt sich die Krise aus?“ beleuchten. Je eine Sportart/Abteilung eines Vereins wird exemplarisch herausgepickt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) und die Schwierigkeiten, Nöte, Ängste und möglicherweise auch Lichtblicke in loser Folge beschrieben.

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