Peter Wolfering. Foto: Streib

Peter Wolfering, der Vorsitzende des Stuttgart-Cannstatter Ruderclubs, blickt im Interview optimistisch in die Zukunft.

Bad Cannstatt - „Über die normale Mitgliederfluktuation hinaus gab es keine Corona-Auswirkungen. Im Gegenteil: Wir haben so viele Kinder wie lange nicht mehr aufgenommen“, sagt der StCRC-Vorsitzende Peter Wolfering im Gespräch über die bisherigen Erfahrungen mit der Pandemie. Ein großes Problem ist der ausgefallene Wettkampfsport.

Herr Wolfering, der Neckar ist breit, auf dem Wasser kann sich ein Einer-Ruderer aber auch mehrere in einem Boot einsam fühlen, sodass Abstandsregeln durchaus einzuhalten sind. Welche Einschränkungen gelten aktuell noch fürs Rudern?

Wir können mit dem Einer und Zweier und Haushalte auch im Dreier aufs Wasser. Es gibt keine festen Rudertermine im Erwachsenen-Bereich. Um den Andrang gering zu halten, haben wir für den Bootsplatz und den Steg die Regel, dass nicht mehr als drei Boote gleichzeitig am Steg beziehungsweise auf dem Bootsplatz liegen. Es gilt die aktuelle Corona-Verordnung. Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht, dass die Mitglieder eigenverantwortlich das Sportangebot wahrnehmen. Das Bootsmaterial wird hinterher gesäubert, insbesondere die Griffe der Ruder.

Wie sieht es bei jüngeren Ruderern aus?

Das Kinder- und Jugendrudern ist aufgrund der notwendigen Aufsichtspflicht anders organisiert, sodass es immer eine Motorbootbegleitung gibt. Das Programm kommt bei der Jugend und den Eltern sehr gut an. Rudern ist eine der wenigen Sportarten, in der dank Outdoor noch eine Menge mehr möglich ist.

Es gab während der Lockdowns auch Zeiten, da mussten die Boote im Schuppen bleiben. Wie sah das Vereinsleben in dieser Phase aus?

Vom 15. März bis 11. Mai 2020 hatten wir keinen Sportbetrieb. Nur das Online-Fitness-Training konnten wir den Mitgliedern, insbesondere den Jugendlichen anbieten. Im vergangenen Winter haben wir das Indoor-Sportangebot wieder online aufgenommen. Rudern war auf dem Neckar dann mit Einschränkungen trotzdem möglich.

Was hat Ihnen am meisten gefehlt?

Das Rudern im Mannschaftsboot und das gesellige Zusammensein. Alle Clubtermine, wie An- und Abrudern, das Sommerfest und das Clubfest, um einige Beispiele zu nennen, fielen aus.

Wie vertreibt man sich stattdessen die Zeit? Wurden die Anlage in Schuss und die Boote auf Vordermann gebracht?

Ja, alle Sportgeräte wurden durchgesehen und bei Bedarf instand gehalten. Ebenso wurden Arbeiten am Bootshaus erledigt, unter anderem der Jugendraum saniert.

Solche Arbeiten sind von Zeit zu Zeit nötig, doch mit dem eigentlichen Sport hat das natürlich wenig zu tun. Haben das alle Mitglieder akzeptiert oder hatte der coronabedingte Stopp auch Austritte und Beitragsrückerstattungen zur Folge oder ist damit noch zu rechnen?

Über die normale Mitgliederfluktuation hinaus gab es keine Auswirkungen. Im Gegenteil: Wir haben so viele Kinder wie lange nicht mehr aufgenommen. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass wir eine sehr gute Betreuung sicherstellen. Hier haben wir im vergangenen Jahr die Anzahl der Betreuer signifikant auf sieben Personen erhöht. Bei Kleinbooten ist Kinderrudern besonders betreuungsintensiv, aber für die Jugend tun wir alles.

Endlich mal erfreuliche Nachrichten in der Corona-Krise. Gab es an anderen Stellen Einbußen? Schließlich fiel mit Sicherheit die Pacht des Vereinslokals weg.

Auch wenn wir zum Teil deutliche Einschränkungen bei den Einnahmen haben, sind wir ganz gut über die Runden gekommen. Paradoxerweise konnten wir das Geld, das wir gerne im Sportbetrieb für Regatten und Trainingslager investieren, coronabedingt nicht ausgeben. Dass die Duschen nicht genutzt werden durften, machte sich ebenfalls bemerkbar. Die Mannschaftsboote, also Vierer und Achter, konnten nur in der Sommerzeit gerudert werden. Dadurch gab es ein reduziertes Angebot, zum Beispiel beim Wanderrudern. Trotz alledem konnten wir eine große Sommerwanderfahrt für die Jugend durchführen.

Wie schwer wiegt es, dass der Stuttgarter Stadtachter gleich zweimal gestrichen werden musste?

Es ist wie ein Zeitschnitt: Zwei Jahre sind einfach ersatzlos aus dem „Stadtachterleben“ gestrichen worden. Dadurch, dass ein Training im Achter zurzeit nicht denkbar ist, wird es interessant sein, wie die Vereine durch die „achterlose“ Zeit gekommen sind.

Ist es vielleicht auch eine Chance, den Wettkampf zu überdenken, schließlich meldeten zum Hauptrennen, dem Achter, immer weniger Boote?

Die Zeit der Pause ist vielleicht gar nicht schlecht, auch um Inhalte des Angebotes, der Präsentation zu überdenken. Das tun wir. Dass sich nur wenige Boote zum Stadtachter anmelden, hat meines Erachtens nichts mit einer fehlenden Attraktivität des Wettkampfs zu tun. Eher muss in den Vereinen deutlich mehr auf Breite gearbeitet werden, damit rein quantitativ auch ein Vereins-Achter wieder besetzt werden kann. Hier sehe ich, auch mit dem Blick über den Tellerrand zu den Nachbarvereinen, dass hier eine Menge getan wird. Ich bin daher sehr gespannt auf das Meldeergebnis für den Stadtachter 2022.

Schauen wir mal auf die Jugendarbeit. Ein Jahr quasi ohne Wettkämpfe ist zur Gewinnung und Entdeckung von Talenten nicht wirklich förderlich.

Das ist für mich das Hauptproblem im Wettkampfsport: In der Jugend verlieren wir ein bis zwei Jahrgänge, die nicht mehr auf Juniorenregatten starten konnten. Damit wird ein kontinuierlicher Aufbau jäh unterbrochen. Ob das einfach so übersprungen werden kann, Nachwuchs in Form vieler Kinder ist ja bereits vorhanden, müssen erst die Folgejahre zeigen. Am Willen im StCRC fehlt es keinesfalls. Unsere Anzahl an Betreuern spricht hier bereits eine andere Sprache. Wir sind da sehr zuversichtlich.

Kann die verlorene Zeit, die nun schon mehr als 13 Monate andauert, wieder aufgeholt werden?

Für die verlorenen Junioren-Jahrgänge im Wettkampf: Nein!

Rechnen Sie damit, dass so mancher Nachwuchscrack wegen der Pause phlegmatisch geworden ist, keine Lust mehr hat sich zu quälen und kürzertreten wird?

Die Gefahr besteht. Denn es fehlen die Wettkämpfe. Nur Training und dann im Kleinboot, das ist auf die Dauer langweilig. Und eine Motivation mit Zielen in der Zukunft – nächstes oder übernächstes Jahr – ist bei Jugendlichen schwer vermittelbar.

Jede Krise kann auch was Positives mit sich bringen. Fällt Ihnen was ein?

Das Gute liegt so nah. Wir planen eine neue Bootshalle: Durch das sehr gute Sportangebot in der Breite, wie in der Spitze rudern 50 Prozent mehr Aktive als noch vor wenigen Jahren. Trotz regelmäßiger Anpassung unserer Boote an den Bedarf sind die Bootslagermöglichkeiten ausgeschöpft. Hierbei werden wir von den zuständigen Ämtern der Stadt Stuttgart sehr gut unterstützt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Die Geselligkeit in Form von Rudern in Großbooten und das Feiern gemeinsamer Feste. Sie macht das Vereinsleben und das gesellschaftliche Zusammenleben aus.

Die Fragen stellten Torsten Streib und Sebastian Steegmüller.

Die Corona-Pandemie hat Deutschland nun schon seit mehr als einem Jahr fest im Griff – und dies in allen Bereichen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens. Auch der Sport ist durch die Schließungen von Hallen und Sportanlagen stark betroffen. Wie sich die Sperrungen auf die einzelnen Abteilungen und auch Monospartenvereine ausgewirkt haben, wollen wir in der Serie „Sport und Corona – wie wirkt sich die Krise aus?“ beleuchten. Je eine Sportart/Abteilung eines Vereins wird exemplarisch herausgepickt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) und die Schwierigkeiten, Nöte, Ängste und möglicherweise auch Lichtblicke in loser Folge beschrieben.

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