Im dritten Teil unserer Serie verrät unsere Autorin, warum die Arbeit als Freiberuflerin nicht endet, wenn der Laptop zugeht – und was ihr hilft, trotzdem loszulassen.
Es ist 23:53 Uhr, ich war mit Freunden aus, hatte einen tollen Abend, bin gerade eben nach Hause gekommen und könnte jetzt einfach ins Bett fallen. Nur noch kurz Zähne putzen, abschminken, fertig. Doch da ist etwas, das mich schon den ganzen Abend beschäftigt. In der hintersten Ecke meiner Gedanken sitzt dieses kleine Ding und pikst mich unablässig: „Du hast den Artikel heute nicht geschafft“, sagt es. „Du wolltest ihn doch heute endlich abgeben. Wenn du es jetzt noch machst, hältst du die Deadline ein. Morgen ist es zu spät“, schreit es.
Ja. Das kleine Ding hat recht. Aber wenn ich mich jetzt hinsetze, komme ich hundertprozentig nicht vor 2 Uhr ins Bett und morgen lange ausschlafen ist auch nicht drin. Der Gedanke: „Ach, hätte ich doch nur die Verabredung heute Abend abgesagt oder heute Nachmittag mal ein bisschen mehr in die Tasten gehauen“, schwirrt in meinem Kopf. Aber er bringt mir jetzt auch nichts mehr.
Ein Tipp, der Ruhe in die Gedanken von Selbstständigen bringt
Abende wie dieser sind keine Seltenheit in meinem Leben. Denn selbstständig sein heißt nun mal auch selbstorganisiert sein. Da ist keiner, der dir sagt, wann und wo du zu arbeiten hast. Aber eben auch keiner, der deine Arbeitszeiten im Blick hat und Pausen- und Ruhezeiten kontrolliert oder dich – beziehungsweise deinen Chef verwarnt – wenn du mal wieder zu lange am Laptop gesessen bist. Nein, die einzige Person, die dich davon abhalten kann, ein ungesund hohes Maß an Arbeitswillen an den Tag zu legen, bist du selbst. Und guess what: Ich bin nicht besonders gut darin.
Trotzdem habe ich mir im Laufe der letzten Jahre ein paar kleine Dinge angewöhnt, die es mir leichter machen, nach Feierabend abzuschalten. Zum einen führe ich über den Tag immer kleine To-Do-Listen, auf denen ich alles abhake, was ich am Tag geschafft habe. Das hilft mir nicht nur dabei, den Überblick zu behalten, sondern gibt mir auch immer wieder das Gefühl, dass ich wirklich etwas geschafft habe. Ein Blick auf die Liste und ich bin sofort etwas beruhigter. Zwar habe ich dann vielleicht nicht den einen Artikel, der mir gerade noch im Kopf herumgeht, geschrieben, dafür aber zwei andere, die ebenfalls wichtig waren.
Arbeiten nach einem Glas Weis bis um 3 Uhr morgens?
Ein weiterer Punkt war, mir klarzumachen, dass bei mir Qualität vor Quantität geht. Wenn ich den Tag über länger mit etwas beschäftigt war und deswegen nicht so weit gekommen bin, wie ich gerne wäre, dann ist das in Ordnung, denn immerhin habe ich sauber gearbeitet. Wenn ich mich von Mitternacht bis 3 Uhr morgens nochmal hinsetze, bestenfalls noch nach einem Glas Wein, ist keinem geholfen.
Ansonsten ist es – das muss man ehrlicherweise leider sagen – einfach Übung. Manchmal, wenn ich wieder im Kopf nicht loslassen kann, nehme ich mir bewusst ein paar Atemzüge, die mich ins Hier und Jetzt bringen, und sage mir dann: Lass es gut sein. Morgen ist auch noch ein Tag und keiner reißt dir den Kopf dafür ab, wenn mal etwas zu spät kommt. Denn, und das muss man an der Stelle mal ganz klar sagen: Ich rette in meinem Job keine Leben. Niemand geht zugrunde, wenn mal etwas nicht so klappt, wie es sollte.
Dennoch gilt natürlich: Jeder hat andere Zeiten, in denen er oder sie produktiv ist. Das ist ja schließlich das Gute an der Selbstständigkeit. Zu merken, dass man sich an manchen Nachmittagen kein Stück konzentrieren kann und stattdessen lieber einen großen Spaziergang macht, ist vollkommen in Ordnung. Und wenn es mich dann aber um 20 Uhr nochmal richtig in den Fingern juckt, weil ich eine tolle Idee für die Reportage habe, an der ich gerade schreibe, dann darf das auch mal sein.
Nur dieses „Oh nein, ich sollte aber noch …“, das einen nach Feierabend manchmal begleitet, ist meiner Meinung nach ungesund. Doch hey, wie bei allem sage ich mir dann: It’s a process. Vielleicht lerne ich das Abschalten also nie perfekt. Aber ich lerne, mich dafür nicht mehr fertigzumachen. Und das ist immerhin ein Anfang.