Nach Ansicht von Bildungsverbänden gibt es beim digitalen Wandel an Baden-Württembergs Schulen Versäumnisse. (Symbolfoto) Foto: dpa/Britta Pedersen

Bildungsverbände haben ihre Probleme mit der Arbeit des Kultusministeriums und wollen mehr eingebunden werden. Das wehrt sich gegen die Kritik. Ein Lehrer spricht über den Job als Netzwerkberater – und fühlt sich alleine gelassen.

Stuttgart - Bildungsverbände aus dem Südwesten kritisieren das Kultusministerium für Versäumnisse beim digitalen Wandel an Baden-Württembergs Schulen. Das Ministerium vermittelt nach Einschätzung der Bildungsexperten zwar Betriebsamkeit, doch die Substanz der Aktivitäten halten sie für zu gering, wie Bildungsverbände am Montag mitteilten. „Wenn wir die letzten viereinhalb Jahre nüchtern betrachten, müssen wir sagen: Für die Qualitäts- und Zukunftsentwicklung der Schulen im Land geht eine verlorene Legislaturperiode zu Ende“, bilanzierte Matthias Wagner-Uhl, der Vorsitzende des Vereins für Gemeinschaftsschulen.

Die Verbände kritisieren zu viele Alleingänge des Ministeriums und wollen mehr in aktuelle Prozesse eingebunden werden. Im Bundesland gebe es genügend Expertise, die Aufgabe der digitalen Transformation gemeinsam zu lösen. Viel Expertise von außen verpuffe in den Mühlen der Verwaltungsorgane, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.

Sprecherin spricht von engem Kontakt mit Bildungsverbänden

Mit Konferenzen und Schalten gebe es einen engen Kontakt mit den Bildungsverbänden in Baden-Württemberg, betonte eine Sprecherin des Kultusministeriums. Durch Projekte wie dem Digitalpakt und einer digitalen Bildungsplattform sei zudem die Aussage einer verlorenen Legislaturperiode nicht nachvollziehbar.

Vor allem viele Lehrer, die nebenher als Netzwerkberater arbeiten, seien überfordert bei der Einrichtung von Geräten und den zusätzlichen Gesprächen mit Eltern und Schülern, heißt es beim Verband Bildung und Erziehung. Der stellvertretende Vorsitzende Oliver Hintzen erzählt von einem Lehrer, der in der vergangenen Zeit mehr als 500 Geräte einrichten musste. Im Medienentwicklungsplan seien eigentlich viel weniger Stunden für die Arbeit der Netzwerkberater vorgesehen - zurzeit häuften sich die Überstunden.

Arbeit als Netzwerkberater laut Lehrer nicht alleine machbar

Ein Lehrer an einem Gymnasium, der anonym bleiben möchte, hat in diesem Jahr 150 Geräte einrichten müssen. Für eins braucht er nach eigenen Angaben etwa eine halbe Stunde - zusätzlich muss er Schüler und Kollegen mit den Geräten vertraut machen. Er findet klare Worte an das Kultusministerium: „Wir werden mit diesem Schwung an Geräten alleine gelassen.“ Die Arbeit als Netzwerkberater sei nicht mehr von einer Lehrkraft machbar, sagt der 40-jährige Mathe- und Physiklehrer.

Er fordert einen IT-Betreuer pro Schule. Die Forderung ist nicht neu. Doch das Kultusministerium und die Kommunen werden sich bei der Finanzierung nicht einig, heißt es bei den Bildungsverbänden. David Warneck von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schlägt daher ein Gesetz vor mit einem klaren Finanzierungsmodell.

Nebenaufgabe frisst viel Zeit

„Die müssen IT-Berater finden, die bereit sind, sich in das System einzufinden. Ich merke aber nicht, dass es da Fortschritte gibt“, sagt der Lehrer. Durch die Nebenaufgabe habe er kaum Zeit, Unterricht vorzubereiten und Materialien auf den neuesten Stand zu bringen: „Natürlich leidet der Unterricht in meinen eigenen Fächern.“

Das Kultusministerium will mit einer zusätzlichen Vereinbarung Schulen beim digitalen Wandel helfen. Demnächst wollen Bund und Land den Schulträgern in Baden-Württemberg mit 65 Millionen unter die Arme greifen. Das Geld soll der IT-Administration an Schulen zugutekommen.

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