Eine Serie an Graffiti-Schmierereien sorgt in Bad Cannstatt für großen Ärger. Die Polizei zählt 26 Fälle von aufgesprühten linken Parolen. Der Staatsschutz ermittelt.
Die Familie aus der Wildunger Straße in Bad Cannstatt traut bei ihrer Rückkehr aus dem Urlaub ihren Augen nicht: Mehrere Straßenzüge in Stuttgarts größtem Stadtbezirk sind mit Graffiti und Schriftzügen verschandelt. Die zum Teil metergroßen „Kunstwerke“ sind auf Hauswänden zu finden, auf Garagentoren, Müllboxen, in einer Unterführung – und sogar an Kirchenmauern. „Wir sind richtig betroffen von den Schmierereien“, sagt ein Anwohner. Von „linksextremistischen Verschandelungen“ spricht ein anderer.
Von Graffiti zu sprechen, ist fast schon übertrieben. Es handelt sich zumeist um große Schriftzüge, verbunden mit Hammer und Sichel, dem Symbol des Kommunismus, und gezeichnet mit „KJ“, was wohl für „Kommunistische Jugend“ steht. In den Schriftzügen werden Karl Marx, Lenin, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und sogar Josef Stalin gefeiert. Dazu kommen verschiedene kämpferische Sprüche und immer wieder der Aufruf „Heraus zur LLL“, was auf eine entsprechend betitelte Demonstration in Berlin am 11. Januar deuten dürfte. Die drei „L“ stehen dabei für das Gedenken an Liebknecht, Luxemburg und Lenin.
Das gesamte Ausmaß der Schmierereien, die wohl kurz nach dem Jahreswechsel entstanden sind, wird erst nach und nach klar. Laut einer Sprecherin der Stuttgarter Polizei hat man inzwischen 26 Graffiti erfasst – diese Liste müsse aber noch nicht zwingend vollständig sein. Auf manche Schriftzüge sind Polizeibeamte gestoßen, andere haben Anwohner gemeldet. „Betroffen sind vor allem die Wildunger Straße, die Straße Im Geiger und der Ebitzweg“, sagt die Sprecherin. Es seien mehrere Strafanzeigen erstattet worden.
Wie hoch der Sachschaden ist, kann man bei der Polizei noch nicht sagen. Angesichts der Anzahl der Schmierereien sowie deren Größe dürfte er aber beträchtlich sein. Weil angesichts der linksextremen Parolen der Verdacht einer politischen Straftat vorliegt, ermittelt der Staatsschutz. Konkrete Hinweise oder Verdächtige gibt es bisher nicht.
Betroffen ist auch die katholische Liebfrauenkirche in der Wildunger Straße. Pfarrer Andreas Krause ärgert sich über die Schriftzüge – „Viva Lenin“ ist da zu lesen oder „Opium des Volks“. „Das ist in gewisser Weise eine Verschärfung der Situation, denn an der Kirche selbst hatten wir das im Gegensatz zum Gemeindezentrum bisher noch nicht“, sagt Krause. Das Gotteshaus ist denkmalgeschützt, deshalb müsse bei der Entfernung vorsichtig vorgegangen werden. Wann und wie man das bewerkstellige, müsse man noch sehen.
Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler und das Bezirksamt haben über einen Anwohner von den Schmierereien erfahren. „Insofern städtische Flächen betroffen sind, werde ich auf umgehende Entfernung drängen. Auf private oder kirchliche Einrichtungen haben wir hier nur sehr bedingt Einfluss“, schreibt er einem der Betroffenen. Dort muss sich wohl jeder selbst um die Schriftzüge kümmern.