Alle bereit zum Anpfiff: Hannah Rapp (Mi.) kam nicht ganz freiwillig in die Zunft der Schiedsrichterinnen. Foto: /PhotoPeet/Peter Harich

Die 24 Jahre alte Hannah Rapp vom TSV Heimerdingen hat als einzige unter 90 Unparteiischen den Aufstieg in die Landesliga der Männer geschafft und ist nun beim DFB auf dem Radar.

Dass Hannah Rapp Schiedsrichterin geworden ist, hatte mit einem traurigen Anlass zu tun. Beim TSV Heimerdingen ging es als Jugendfußballerin für sie nicht mehr weiter, da sich ihre Mannschaft 2015 auflöste. „Ich wollte dem Fußball verbunden bleiben, aber meinen Eltern nicht zumuten, mich immer zwei Dörfer weiter zum Training zu fahren“, erklärt die Frau mit den schulterlangen braunen Haaren ihre Entscheidung, sich der Schiedsrichterei zuzuwenden.

Mit verantwortlich dafür war auch ihr Bruder, der schon als Schiedsrichter tätig war. Erleichtert wurde ihre Entscheidung zudem dadurch, dass ein Klassenkamerad dieselbe Idee hatte und sie damit im Neulingskurs Anfang 2016 zumindest ein vertrautes Gesicht an ihrer Seite hatte.

Mittlerweile hat Hannah Rapp mehr als 350 Spiele geleitet, an ihr erstes erinnert sie sich immer noch genau. „Es war ein D-Jugendspiel bei den Mädchen zwischen der TSG Leonberg und den Biegelkickern Erdmannhausen II“, erzählt sie. Seit 2020 hat sie Spiele der Männer in der Bezirksliga gepfiffen, seit zweieinhalb Jahren leitet sie zudem Begegnungen bis zur Frauen-Regionalliga. Als Assistentin an der Linie wird sie sogar in der Zweiten Bundesliga eingesetzt. In dieser Saison führte die Studentin der Physiotherapie ihr Hobby schon ins Möslestadion zum SC Freiburg II und zum Frauen-Duell des FC Ingolstadt gegen den Hamburger SV.

Im Perspektivkader des DFB

Einen besonderen Erfolg konnte sie in dieser Winterpause verzeichnen: Als einzige von rund 90 männlichen und weiblichen Schiedsrichtern aus dem Württembergischen Fußball-Verband (WFV) schaffte sie den Sprung von der Bezirksliga in die Landesliga und darf ab März auch dort Partien der Männer pfeifen. „Ihr Aufstieg ist die Folge ihrer guten Leistungen der letzten zwei Jahre“, lobt David Modro, Obmann der Schiedsrichtergruppe Leonberg.

Und es könnte sein, dass es nicht der einzige Aufstieg für Hannah Rapp in diesem Jahr bleibt: Sie steht im sogenannten Perspektivkader des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und könnte auch hier befördert werden, um in der kommenden Saison Spiele in der Zweiten Bundesliga der Frauen zu leiten. „Im Kader stehen rund 20 Schiedsrichterinnen. Wenn ich die Leistungskriterien erfülle und es freie Plätze in der zweiten Liga gibt, habe ich vielleicht eine Chance“, hofft die 24-Jährige.

So beäugen Männer die Schiedsrichterin

Besondere Spiele hat sie schon im vergangenen Jahr anvertraut bekommen: Zum einen war sie Assistentin beim WFV-Pokalfinale der Frauen zwischen dem SV Hegnach und dem VfB Stuttgart (0:3) und leitete in der Regionalliga die Begegnung zwischen der Bundesliga-Reserve des SC Sand und des Karlsruher SC. „Das war eine technisch hochwertige Partie mit hohem Tempo auf einem kleinen Kunstrasenplatz“, weiß Hannah Rapp noch gut, die einen Unterschied in der Wahrnehmung als Schiedsrichterin zwischen Männer- und Frauenspielen ausgemacht hat: „Bei Männern stehst du in den ersten zehn Minuten immer auf dem Prüfstand. Aber wenn man sich da beweisen kann und ein paar klare Ansagen macht, wird man akzeptiert“, erklärt sie. Fußballerinnen verhielten sich ab und zu etwas nachtragender.

Nicht nur in der Schiedsrichtergruppe Leonberg ist die 24-Jährige eine Exotin: Nur sechs der 152 Unparteiischen sind Frauen. Das möchten Hannah Rapp, die Frauenbeauftragte ist, und Obmann Modro ändern. Natalie Hessenauer und Nathalie Eisenhardt haben in dieser Hinsicht einen starken Anfang gemacht: Erstere pfiff in der Herren-Landesliga und der Frauen-Regionalliga, Letztere gar Herren-Verbandsliga und Frauen-Bundesliga. Beide sind seit Jahren als Schiedsrichter-Beobachterinnen in der Bundesliga tätig. Für die nächsten Neulingskurse wollen Modro und Rapp verstärkt Vereine mit Frauen- und Mädchenteams in den Blick nehmen. Im seit Anfang Januar laufenden Kurs sind unter den 27 Teilnehmern immerhin zwei Frauen dabei.

Frauen haben einen Vorteil

Auch diese beiden dürfen als Motivation schon beim DFB-Frauen-Viertelfinale zwischen der TSG Hoffenheim und dem VfL Wolfsburg am 12. Februar dabei sein, zu der der WFV alle Schiedsrichterinnen aus dem Frauenkader (ab Bezirksliga) eingeladen hat. „Da können dann auch mal Dinge unter Frauen besprochen werden“, sagt Hannah Rapp. Ein bis zwei weitere Abende pro Jahr bietet der WFV ebenso nur für Schiedsrichterinnen an, bei denen diese unter sich bleiben und sich beispielsweise beim gemeinsamen Kegeln austauschen können.

Und da alle Dinge bekanntlich zwei Seiten haben, stellt Hannah Rapp sogar einen Vorteil heraus, der sich aus der geringen Anzahl weiblicher Schiedsrichter ergibt: „Man kann viel schneller aufsteigen und wird viel früher mit besonderen Spielen betraut.“

Bibiana Steinhaus hat es vorgemacht

Bibiana Steinhaus ist die erste und bislang einzige Frau, die in der Fußball-Bundesliga der Männer als Schiedsrichterin ein Spiel leitete. Ihre erste Begegnung in der Eliteliga leitete die heute 45-Jährige am 10. September 2017 mit dem Spiel Hertha BSC gegen Werder Bremen – es folgte weitere 22 Partien in der Bundesliga sowie 13 Begegnungen im DFB-Pokal der Männer. Steinhaus lebt in Hannover und ist seit März 2021 mit dem ehemaligen englischen Schiedsrichter Howard Webb verheiratet.

Der nächste Schiedsrichter-Neulingskurs findet vom 25. Juni (Infoabend) bis zum 17. Juli (Prüfung) dieses Jahres in acht Einheiten in Präsenz im Restaurant Lutz bei der Spvgg Renningen sowie online statt. Anmeldungen nimmt die Schiedsrichter-Gruppe Leonberg entgegen. Nähere Informationen gibt es auf der Homepage unter https://srg-leonberg.de/schiedsrichter-werden/.