Im November haben die Bürger von Oberweier gegen die Deponie demonstriert – coronakonform, versteht sich. Foto: privat

Beinahe durch die Hintertür wollte der Landkreis Rastatt eine Deponie bei Gaggenau so umbauen, dass dort auch PFC-belasteter Boden entsorgt werden kann. Eine neu gegründete Bürgerinitiative wehrt sich dagegen – mit ersten Erfolgen.

Gaggenau-Oberweier - Seit Jahren wird rund um Rastatt und Baden-Baden darüber diskutiert, wie man mit einer riesigen Fläche an PFC-belastetem Ackerland umgeht – mehr als 2500 Hektar sind nachweislich kontaminiert, sehr wahrscheinlich durch das Ausbringen von Papierschlämmen. Nun verfolgt das Landratsamt Rastatt das Ziel, die bestehende Deponie in Oberweier, einem Teilort von Gaggenau, so umzubauen, dass dort zumindest der verunreinigte Bodenaushub entsorgt werden kann, der bei der Erschließung neuer Bau- oder Gewerbegebiete anfällt. Bei der derzeit bevorzugten Variante wäre dann in der Deponie namens „Hintere Dollert“ Platz für 670 000 Tonnen solchen Materials – das würde ungefähr 16 Jahre lang reichen.

Doch eine Bürgerinitiative macht seit dem Bekanntwerden der Pläne im vergangenen Oktober mächtig Druck. Deren Sprecher Dietrich Knoerzer ist noch immer fassungslos, dass ihnen das Vorhaben „einfach untergejubelt“ werden sollte. Denn für das Projekt liegt schon eine Machbarkeitsstudie vor, während ein vorgeschriebenes Gutachten über alternative Standorte erst später angefertigt werden sollte – erst vor wenigen Tagen hat das Landratsamt nun mitgeteilt, dass dieses vorgezogen würde. Das ist der erste Erfolg der Bürgerinitiative. Daneben war in den Haushalt des Abfallwirtschaftsbetriebes bereits Geld für die Umbauplanung eingestellt, ganz so, als gebe es schon eine Entscheidung; auch dieser Posten wurde jetzt nach massiver Kritik vorerst aus dem Etat gestrichen.

Jahrzehntelang wurden schon Abfälle in Oberweier entsorgt

Und im Zuge der Debatte ist den Einwohnern von Oberweier erst vor Weihnachten deutlich geworden, dass auch in der Vergangenheit schon PFC-belastete Abfälle aus der Papierindustrie, die vor allem im nahen Murgtal ansässig ist, auf der Deponie gelandet sind. Die Behörden räumen das ein. Laut Michael Janke, dem Sprecher des Landratsamtes, geht man von mehr als 300 000 Tonnen angeliefertem Material zwischen 1985 und 2004 aus: „Angaben darüber, ob und wie viele Abfälle PFC-haltig waren, gibt es aber keine.“ Das Bewusstsein, dass diese Stoffe gefährlich für den Menschen und die Umwelt sein könnten, gab es damals kaum.

Michael Janke betont allerdings, dass die Deponie bereits seit 1979 so aufgebaut gewesen sei, dass kein Sickerwasser nach draußen gelangen konnte; und seit 1986 werde dieses Sickerwasser durch eine Anlage gereinigt – es seien also „zu keinem Zeitpunkt Emissionen aus der PFC-haltigen Ablagerung in die Umwelt und auch explizit nicht ins Trinkwasser“ gelangt. Derzeit werde die Reinigung nochmals deutlich optimiert, unabhängig von den Deponieplänen.

Laut Studie gibt es keine relevanten Auswirkung auf Umwelt

Und in der Machbarkeitsstudie habe das Ingenieurbüro Roth & Partner bestätigt, dass die künftige Aufnahme des PFC-haltigen Bodens keine relevanten Auswirkungen auf die Umwelt habe. Die vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung steht aber noch aus. Die Fläche könnte 2030 in Betrieb gehen, die Kosten für den reinen Umbau lägen bei rund fünf Millionen Euro. Eigentlich war geplant gewesen, die Deponie nach 50 Jahren des Betriebs 2028 zu schließen. „Wir haben die Belastung lange genug getragen“, sagt Dietrich Knoerzer: „Jetzt sind mal andere dran.“

In Baden-Württemberg gibt es laut einer Sprecherin der Stabsstelle PFC am Regierungspräsidium Karlsruhe bisher noch keine solche Entsorgungsmöglichkeit. Das erhöht bei der Bürgerinitiative natürlich die Angst, dass irgendwann trotz aller gegenteiliger Beteuerungen auch PFC-Boden aus anderen Teilen des Landes nach Oberweier gebracht werden könnte. Der Landkreis Rastatt sucht seit langem nach einer Lösung – wer bauen und einen Keller ausheben will, muss bisher die kontaminierte Erde weit weg transportieren lassen in eine dafür geeignete Deponie etwa in Nordrhein-Westfalen. Nach den Worten von Jörg Peter vom Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Rastatt bei der Präsentation im Oktober kostet die Entsorgung bisher zwischen 80 und 120 Euro pro Tonne. In Gaggenau-Oberweier könnte die Erde für 30 bis 50 Euro pro Tonne gelagert werden. Nicht belasteter Aushub koste nur um 18 Euro.

Auch vergiftete Fische sind in Oberweier deponiert worden

Dietrich Knoerzer ist sich aber nicht so sicher, wie es um die Sicherheit der Deponie tatsächlich bestellt ist. Er erinnert daran, dass die Einwohner in der Vergangenheit auch ungefragt andere Giftstoffe auf der Deponie hinnehmen mussten. So seien etwa nach dem Sandoz-Unglück 1986 vergiftete Fische in großer Zahl nach Oberweier gekommen. Auch sonstige Abfälle von Sandoz und dem Dow Chemical-Standort in Rheinmünster seien dort entsorgt worden. Er hält die Deponie deshalb grundsätzlich für einen Umweltskandal – die Anlage müsse dringend saniert werden. Bei einer Unterschriftenaktion haben sich 90 Prozent der Bevölkerung von Oberweier hinter die Forderungen der Bürgerinitiative gestellt.

Lesen Sie hier: Immer mehr Flächen sind belastet

Ganz grundsätzlich wächst das Problem der PFC-haltigen Ackerlands in der Rheinebene weiter, weil ständig neue belastete Flächen entdeckt werden – erst vor kurzem kamen 114 weitere Hektar im Landkreis Rastatt dazu. Auf den bekannten Äckern existiert seit einigen Jahren ein „Vorerntemonitoring“; die Früchte dürfen erst in den Handel gelangen, wenn klar ist, dass die PFC-Grenzwerte eingehalten werden. Doch auf den nachträglich entdeckten Flächen gibt es dieses Monitoring natürlich nicht. Es könne deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass auch belastete Lebensmittel in den Markt gelangen, räumt Michael Janke ein. Die Bauern würden aber teils von selbst kritische Kulturen, wie Erdbeeren oder Gemüse, nicht mehr anbauen, oder sie würden auf eigene Kosten Prüfungen veranlassen.

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