Lena Radke am Ruder-Ergometer auf dem Gelände der Stuttgarter Rudergesellschaft in Untertürkheim. Foto: /Torsten Streib

Lena Radke von der Stuttgarter Rudergesellschaft aus Untertürkheim hat sich für die EM qualifiziert. Deutschland nahm aber nicht teil.

Untertürkheim - Es ist wie früher auf dem Bolzplatz – wer den Ball mitgebracht hat, der durfte bei der Zusammenstellung der Teams als erstes wählen. Im Fall von Lena Radke ist es nicht der Ball, sondern die Box und es geht um die Musikauswahl, die während der zahlreichen, häufig stupiden Trainingseinheiten auf dem Ergometer über die Anlage der Stuttgarter Rudergesellschaft in Untertürkheim erklingt. „Ich habe die Box, also bestimme ich auch die Beats “, lacht die 18-Jährige aus Endersbach. Der Beat muss viel Bass enthalten, das „treibt einen an“. Eine spezielle Richtung favorisiert sie nicht, nur: „deutschsprachige Musik sollte es nicht sein. Das gefällt mir nicht“, schmunzelt Lena Radke. Die Nachwuchs-Ruderin hat wohl die richtigen Töne gefunden – sie schaffte die Qualifikation zu den U-19-Junioren-Europameisterschaften im serbischen Belgrad, die bereits vergangenes Wochenende stattgefunden haben.

Als Erinnerung an die EM bleiben für Lena Radke, die Fantasy-Romane liebt und alle Harry-Potter-Bände „schon mehrmals gelesen hat“, aber nur das schwarz-rot-goldene Trikot mit dem Bundesadler, das sie bestellen durfte und ihr zugeschickt wurde, sowie eine rasante Achterbahnfahrt der Gefühle. Eindrücke von Belgrad beziehungsweise der Strecke indes nicht – sie durfte nämlich nicht teilnehmen. Aufgrund der Corona-Pandemie sagten zahlreiche Nationen, darunter auch Deutschland, den Start ab. „Als ich von der Absage hörte, war ich zwiegespalten. Einerseits wusste ich, ich habe es geschafft und darf nun nicht teilnehmen, andererseits kam die Nominierung für mich durchaus überraschend.“ Auf der entscheidenden Regatta beziehungsweise Ranglistenüberprüfung in Hamburg Ende August, kam die Untertürkheimer Athletin mit ihrer Partnerin Chiara Saccomando aus Breisach im Zweier ohne Steuermann zwar ins Finale, belegte dort aber nur Platz 12. Enttäuschend packte das Duo die Sachen zusammen, begab sich bereits vor der Verkündung der EM-Nominierung auf den Heimweg gen Stuttgart. Auf der Rückfahrt klingelte plötzlich das Handy – am anderen Ende Trainer Steffen Jakob. Mit einer guten und schlechten Nachricht, meldete er sich. Die gute: „Ihr habt es gepackt, seid für die EM nominiert.“ Die schlechte: „Deutschland nimmt an der EM nicht teil.“ Ausschlaggebend, dass das Duo trotz der hinteren Platzierung hätte starten dürfen, war die gute Zeit der beiden am Ergometer – die Norm lag über 2000 Meter bei 7:18 Minuten. Beide wiesen einen Wert von 7:13 Minuten auf. „Die Nominierung stützt sich auf die Leistung auf dem Wasser und dem Ergometer. Und zwar deswegen, weil in den Booten mit Steuermann dessen Gewicht noch dazukommt und mehr physische Leistung gefragt ist. Diese kann über den Ergometer geprüft werden“, sagt Steffen Jakob. Dementsprechend war Lena Radke entweder für den Vierer oder den Achter mit Steuermann vorgesehen.

Die EM hat Radke, die seit 1. September bei der Rudergesellschaft ein Bufdi macht und unter anderem Einsteigerkurse gibt, via Internet verfolgt und erkannt: „Im Achter und Vierer nahmen jeweils nur drei Boote teil. Da hätten wir gute Chancen auf eine Medaille gehabt.“

Auch wenn es in diesem Jahr nicht mit der EM geklappt hat, gibt sie nicht auf. Sie wisse ja nun, dass sie es zu einer solch großen Veranstaltung schaffen kann. „Daraus schöpfe ich neue Motivation und will 2021 bei den Europameisterschaften starten.“ Die Voraussetzungen werden jedoch vergleichsweise schwieriger werden als in diesem Jahr – dann nämlich eine Altersklasse höher bei der U 23 und „ich muss mir noch eine neue Partnerin suchen, Chiara ist zu jung“. Trainer Steffen Jakob ist davon überzeugt, dass sie sich mächtig ins Zeug legen wird, um ihr Ziel zu realisieren. „Sie ist unheimlich willensstark. Man könnte Lena zu jeder Tageszeit anrufen und sie würde sofort ins Training kommen.“

Aus diesem Grund sehe er gute Chancen, dass sie im nächsten Jahr an einem großen Wettkampf teilnehmen würde. Und mit Hilfe der Box und den richtigen Beats wird sie über den Winter am Ergometer versuchen, die Grundlage für die Qualifikation zu legen.

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