Vielerorts knackten die Spritpreise über Nacht die Zwei-Euro-Marke. Foto: Roland Böckeler

Am ersten Tag nach dem Ende des Tankrabattes blieben die meisten Zapfsäulen im Kreis verwaist. Viele Autofahrer hatten zuvor noch einmal vollgetankt. „Wir hängen alle am Tropf der Konzerne“, klagt ein Tankstellenbetreiber.

Gähnende Leere hat am Donnerstagvormittag vor den Zapfsäulen im Rems-Murr-Kreis geherrscht. So auch an einer Dorftankstelle im Westen. Vor dieser steht der Inhaber und schimpft: „Gestern sind wir noch überrannt worden.“ Er berichtet davon, dass die Kunden teilweise mit mehreren Autos oder mitgebrachten Kanistern vorgefahren seien. Das alles nur, um noch ein letztes Mal die Steuervergünstigung auf Kraftstoffe abzugreifen: „Und jetzt herrscht hier tote Hose.“

Erhöhungen gab es schon im Vorfeld

Verwunderlich ist das nicht. Denn seit Donnerstag ist der dreimonatige Tankrabatt vorerst Geschichte. Die Folge: Heftige Preissprünge an allen Orten. An der kleinen Dorftankstelle kostet der Liter Super E10 stolze 31 Cent mehr als am Vortag, beim Diesel sind es immerhin 13 Cent. Rechnerisch hätte der Preis sogar um 35,2 Cent beziehungsweise um 16,7 Cent steigen können – so hoch war nämlich die steuerliche Entlastung der Bundesregierung. Allerdings waren die Preise bereits in den zwei Wochen zuvor deutlich in die Höhe gegangen, wie eine Untersuchung des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs (ADAC) zeigt. Schon am Mittwochmorgen, als der Tankrabatt noch galt, hatte der Liter Diesel an den meisten Orten mehr als 2 Euro gekostet. Beim Diesel sei von den preisdämpfenden Wirkungen des Tankrabatts an der Zapfsäule kaum mehr etwas zu spüren, teilt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) mit. Beim Superbenzin E10 sei nur die Hälfte des Tankrabattes an die Kunden weitergegeben worden, wie das RWI vorrechnet: Im Vergleich der Monate Mai und August – also vor und während der Entlastung für die Autofahrer – ergab sich eine Differenz von rund 18,5 Cent.

Nach Ende des Tankrabattes müssen Autofahrer also noch tiefer in die Tasche greifen als zuvor. Doch wie viel bleibt davon überhaupt bei den Tankstellenbetreibern hängen? „100 Euro pro Liter, ist doch klar“, sagt der Inhaber der Dorftankstelle sarkastisch. Namentlich möchte er nicht genannt werden und seine Geschäftszahlen seien ohnehin Privatsache. Nur so viel lässt er durchblicken: „Den Reibach machen die Mineralölkonzerne. Der Tankrabatt ist schon direkt mit seiner Einführung überfahren worden. Wir alle – Tankwarte und Kunden – hängen bloß am Tropf.“

Dennoch bekommt er den Ärger der Kunden ab, wenn die Preise wieder einmal nach oben geklettert sind. „Die Außenstehenden wissen komischerweise immer mehr als die, die sich damit selbstständig gemacht haben“, beklagt er den Klatsch und Tratsch auf der Straße. Kein Verständnis hat er auch für die Politik der Bundesregierung und wirft die Frage in den Raum: „Das Neun-Euro-Ticket und auch der angebliche Tankrabatt wurden als Entlastung für den Bürger angekündigt, aber wer bezahlt das alles?“ Dieser Schuss sei nach hinten losgegangen, „jetzt zahlen wir die Zeche dafür“.

Der Tankrabatt hätte bleiben sollen, sagt ein Pächter

Während des dreiviertelstündigen Gesprächs betreten lediglich zwei Kunden den Innenraum. „Ich habe gestern völlig vergessen, zu tanken“, sagt eine junge Motorradfahrerin und ärgert sich: „Da bin ich jetzt selber schuld.“ Wenig später meint ein Mann an der Kasse ganz schelmisch: „Das ist nur ein Firmenwagen, die Rechnung zahlt der Chef. Meinen Privatwagen habe ich gestern schon vollgetankt.“ Als sein Mercedes vom Hof braust, herrscht wieder Stille.

Das gleiche Bild bietet sich an den Tankstellen an der Höhenstraße mitten in Fellbach. Am Mittwoch hatte das Gerücht die Runde gemacht, dass eine davon abgesperrt worden sei, da kein Sprit mehr vorrätig wäre. Allerdings war das Geschäft nur in der Nacht zuvor wegen eines Pächterwechsels geschlossen gewesen. Beim Blick auf die Preisanzeige, die mittlerweile mehrfach die „2“ ganz vorne stehen hat, zuckt der neue Pächter bloß mit den Schultern: „Das liegt nicht an mir, sondern am Konzern und auch am Staat. Ich bin an die Preisvorgaben gebunden.“ Er hätte sich eine Fortführung des Tankrabatts gewünscht. An den vergangenen Tagen sei die Tankstelle überdurchschnittlich hoch frequentiert gewesen. Dass die Kunden noch einmal die Gelegenheit genutzt hätten, um ihren Tank günstig zu füllen, sei nur logisch: „Sie müssen ja zur Arbeit kommen, viele sind auch erst aus dem Urlaub zurückgekommen.“

Auf den großen Ansturm folgt auch hier eine fast schon gespenstische Ruhe. „Da wird schamlos Kasse gemacht und uns das Geld aus den Taschen gezogen“, echauffiert sich ein Kunde über die enormen Preissprünge. Ein Rentner hingegen gibt sich ganz lässig: „Wieso hätte ich mich gestern ewig anstellen sollen, bloß um 30 Cent zu sparen? Das zahlen sowieso meine Erben.“ Es sind zwei von nur fünf Kunden, die in dieser Stunde kommen. Am Tag zuvor seien geschätzt 500 Kunden pro Stunde gekommen, klagt der Pächter. Der Sprit sei für ihn zwar nur ein Nebengeschäft, aber wichtig, um Kunden in den Shop zu locken: „Deshalb tut uns dieser plötzliche Rückgang sehr weh.“

Den Autofahrern wird es in den kommenden Tagen noch mehr weh tun beim Gang an die Zapfsäule. Ihnen geben sowohl der Dorf- als auch der Stadttankwart den gleichen Tipp: Am Nachmittag und nachts könne man an der Tankstelle noch vergleichsweise gute Preise machen.

Und was kommt nach dem Tankrabatt?

Der Blick ins Ausland
 Während die Literpreise in Deutschland vielerorts wieder die Zwei-Euro-Marke knackten, verzichtet Italien weiterhin auf die volle Energiesteuer für Diesel und Benzin. Frankreich erhöhte den Nachlass an der Zapfsäule sogar von 18 auf 30 Cent. Angesichts der steigenden Energiekosten hatte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil zuletzt eine Verlängerung des Tankrabatts gefordert. Gegenwind kam ausgerechnet vom Automobilclub ADAC. „In Zeiten knapper Kraftstoffe und des Anlasses zum Spritsparen wäre das das falsche Signal“, sagte ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand. Berufspendler sollten auf anderem Wege entlastet werden, etwa durch eine Erhöhung der Entfernungspauschale.

Die weitere Entwicklung
Durch den Preisanstieg in den vergangenen Wochen habe sich die Mineralölwirtschaft bereits ein Polster verschafft, so der ADAC. Bis die Aufhebung der Steuersenkung die Kunden erreicht, könnte es noch einige Tage dauern. Dann würden die Preise abschmelzen, prognostiziert auch der Bundesverband Freier Tankstellen (BFT).