Ray Lynch wird 80 Jahre alt und gibt zum Geburtstagsfest ein Debüt: Bei der Feier in der Alten Kelter in Vaihingen stellt sich der Stepptänzer und Pädagoge als Buchautor vor.
Es braucht schon eine Pandemie, um ein Energiebündel wie Ray Lynch an den Schreibtisch zu fesseln. Jahrelang hat der Tänzer, der mit der gleichen Begeisterung unterrichtet, mit der er sich selbst bewegt, ein Buchprojekt mit sich herumgetragen. Während des Corona-Stillstands konnte er endlich seine Idee zu Papier bringen.
Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag an diesem Freitag will der Tänzer das fertige Buch präsentieren, über dessen Inhalt er immer nur geheimnisvolle Andeutungen machte – auch bei der Verabredung zum Gespräch. „Über dieses Thema ist bisher kaum etwas geschrieben worden, aber es betrifft uns alle tagtäglich“, weckte Ray Lynch Neugierde.
Spezialist fürs Wachsein
Nun sitzt der Noch-79-Jährige im Foyer seiner Tanzschule in einem Hinterhaus an der Hauptstraße in Stuttgart-Vaihingen und zeigt stolz einen dünnen Vorab-Auszug. „Weck mich – aber bitte sanft“ heißt sein Buch und schildert 31 Methoden, um seine Liebsten aus dem Schlaf zu holen.
Wie man Menschen mit Hilfe des Tanzes aufweckt, dafür ist Ray Lynch seit Jahrzehnten Spezialist. „Meine Kurse sind so lebendig, dass jemand, der das zum ersten Mal erlebt, vielleicht Angst bekommt“, sagt der Pädagoge und lacht. 1975 eröffnete er mit seiner Frau Sabine an der Fangelsbachstraße seine erste Tanzschule, damals standen Mambo, Hustle und Cha Cha Cha hoch im Kurs. Später ließen sich immer mehr von seiner Begeisterung für den Stepptanz anstecken. Für eine Eintragung ins Guinness-Buch hat Ray Lynch 1998 Stuttgart zum Steppen gebracht; bis heute klackern in seiner Tanzschule die Absätze.
Im Leben wie im Tanz: Achtsam mit anderen umgehen
Braucht’s bei so viel Stepp-Erweckung noch eine Aufweck-Fibel? „Ich kenne keinen Menschen, der das nicht braucht“, sagt der Autor. „Mir geht es auch darum, wie wir uns wieder mit der Familie verbinden und über die Bedürfnisse der uns nahe stehenden Menschen nachdenken. Ich will zurück an die Wurzeln einer Beziehung.“ Aufmerksamer miteinander umzugehen, das ist eine Anregung, die sein Buch geben will.
Präsentieren wird er die Neuerscheinung bei der Feier zu seinem Geburtstag in der Alten Kelter in Vaihingen. Mit einem Bett auf der Bühne und zwei Verbündeten testet Ray Lynch gleich ein paar der Aufweck-Szenarien aus seinem Buch und hofft, schon am ersten Abend möglichst viele Exemplare zu verkaufen. „Das ist das größte Geschenk, das mir alle machen können: Kauft Bücher und verschenkt sie“, sagt die Stuttgarter Stepplegende und fügt mit einem Lachen und einem Fingerzeig ins Tanzschul-Foyer an: „Ich hab schon alles, mein Haus ist voll.“
Auch für Operninszenierungen choreografierte Ray Lynch
Geschenke vom vergangenen runden Geburtstag hat er im Blick wie das selbst gebaute Marionettentheater, in dem statt Puppen Steppschuhe an Fäden baumeln. An der Wand daneben erinnern Urkunden, Zeitungsausschnitte und Programmzettel an die großen Ereignisse in Ray Lynchs Karriere, die mit einem Auftritt als Sänger am 24. April 1964 in der Brooklyn Academy Fahrt aufnahm und auch auf der Stuttgarter Opernbühne in Axel Mantheys Inszenierung von „Ariadne auf Naxos“ Spuren hinterließ.
Ein dickes Fotoalbum hat Ray Lynch mitgebracht. Beim Durchblättern finden sich alte Aufnahmen, die ihn als langen Schlacks in Uniform zeigen. „Militär war nichts für mich“, blickt er zurück. Als seine in Georgia stationierte Einheit aufgeteilt wurde, hatte der junge Schwarze Glück: „Die eine Hälfte ging nach Vietnam, die andere nach Deutschland“, sagt Ray Lynch, der 1965 in Vaihingen stationiert wurde. Nach dem Militärdienst blieb er und tourte als Sänger der Bamboos of Jamaica durch Europa, bis er den Stuttgartern mit der noch heute von seiner Ex-Frau geführten New York City Dance School ordentlich Beine machte. „Viele fragen mich: Wann schreibst du endlich ein Buch über dein Leben? Aber warum sollte ich das tun? An meinem Leben kann ich nichts mehr ändern“, sagt Ray Lynch. Lieber wolle er mit seinem Aufweckbuch etwas zurücklassen, das andere Leben ändern könne. „Mein Buch hilft, mit Freunden und Familie besser zusammenzukommen.“ Er selbst wird weiterhin die Menschen mit Tanz zusammenbringen. „Tanz ist fantastisch, er spricht Körper, Geist und Seele an und er ist auch Kommunikation mit anderen“, sagt Ray Lynch. Je zwei Kurse in Stepp- und Jazztanz gibt er selbst noch an drei Abenden in seiner Schule; an den Wochenenden bietet er hier eine Ausbildung an, die auch Bühnenkünstler aus anderen Sparten für ein besseres Körpergefühl absolvieren.
Er will Menschen zusammenbringen
Außerdem unterrichtet er seit 45 Jahren an der Merz-Schule. Früher tanzte er dort mit den Kindern bis ins Teenageralter, heute nur noch mit den Grundschülern. „Die Älteren wollen das nicht mehr lernen“, sagt Ray Lynch, „die lassen nur noch ihre Finger tanzen – übers Smartphone. Dabei wäre es besser, wenn sich alle mehr bewegen würden.“
Info
Buch
Ray Lynch: „Weck mich – aber bitte sanft“. 76 Seiten. 25 Euro. Erhältlich über die Tanzschule Ray’s World of Dance.
Künstler
Als Raymond Lynch in Brooklyn geboren, erhielt er bereits als Vierjähriger ersten Unterricht in der Tanzschule seines Onkels. Später besucht er unter anderen die Fred Astaire Ballroom School. Auch während des Armeedienstes tritt er als Sänger und Tänzer in den Recreation Clubs auf und tourt nach der GI-Zeit durch ganz Europa. 1975 gründet er die New York Dance School in Stuttgart, seit 19 Jahren unterrichtet er in Rays World of Dance in Vaihingen.
Preis
Für seine „Verdienste um Tanz, Pädagogik, Gesang und Entertainement“ hat das Land Baden-Württemberg dem Ausnahmetalent in Sachen Steppkunst 2021 die Staufermedaille verliehen. Ray Lynch wollte die Auszeichnung nicht wie vorgesehen im Weißen Saal des Neuen Schlosses entgegennehmen, sondern lud die damalige Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski in seine Tanzschule ein.