Statt Wintereinbruch kamen Sonnenstrahlen – und rund 150 Narren. Das Rathaus von Michael Makurath ist erobert. Auch wenn er sich wehrte, böse aussah – und auf Donald Trump verwies.
Er zeigte sich kämpferisch und in furchteinflößender Maskerade, aber es nutzte nichts: Am Ende gab sich Ditzingens Oberbürgermeister Michael Makurath am Samstagnachmittag geschlagen – das Rathaus ist nun vorübergehend in Narrenhand. Innen drin gab er den Narren gleichwohl milde gestimmt persönlich die Hand. Die Tradition bleibt also gewahrt.
In den Tagen vorher war nicht sicher gewesen, ob der Rathaussturm der Gesellschaft Titzo, die seit nun sechs Jahrzehnten fester Bestandteil der fünften Jahreszeit in der Stadt ist, wie geplant stattfinden kann. Denn Meteorologen hatten übles Winterwetter angekündigt. Doch während das Sturmtief „Elli“ vor allem den Norden Deutschlands wirklich forderte, machten Schneeflocken um Ditzingen einen Bogen. Mehr noch: Als sich der Umzug mit rund 150 kleinen und großen Faschingsfreunden pünktlich um 15 Uhr in der Marktstraße formierte, gaben die Wolken kurzzeitig blauen Himmel über der Innenstadt frei, und es blitzte sogar die Sonne durch.
Beim Rathaussturm Ditzingen werden die Smartphones gezückt
Das Glockenspiel in der Marktstraße wurde schnell übertönt von den Rhythmen der Los Titzos, die „Rivers of Babylon“ intonierten. Tapfer winkten die kleinsten Titzos in ihren roten Umhängen, während die größeren Umzugsteilnehmer die Besucher links und rechts mit Bonbons und Popcorn versorgten. Smartphones wurden gezückt für Bilder und Videos, nicht nur die Weilemer Hörnleshasa hielten gern kurz still für ein Selfie. Ob Stuttgarter Zigeunerinsel, Neckartalhexen, Hoamerdenger Narra Obacha oder Renninger Schlüsselgesellschaft – der Beistand für Titzo war groß. Auch Vertreter aus Feuerbach, Mundelsheim und Magstadt hatten sich für den Rathaussturm ins Häs geworfen und lächelnd den Temperaturen wenig über dem Gefrierpunkt getrotzt.
Auch einige Zuschauer, viele hatten sich schon länger in der Marktstraße einen Platz mit guter Sicht gesichert, waren kreativ verkleidet, etwa als Milchpackung oder als Dracula, ein Kind kam als kleiner Astronaut stilecht in weißem Raumanzug mit silberner Haube. „Die wollen ins Rathaus rein“, erklärte eine Mutter ihrem Sohn auf dem Weg. „Aber warum?“, fragte er.
Die symbolische Machtübernahme, so das jährliche Ansinnen des Rathaussturms, dass also der Rathausschlüssel in Narrenhände geht und die normale Ordnung für eine Weile außer Kraft gesetzt ist, hätte an sich schnell über die Bühne gehen können. Schließlich ist Michael Makuraths (parteilos) Job gerade wenig freudig angesichts knapper Kassen und vieler Kürzungen. „Ihr könnt jubeln und dann gehen, wir haben kein Geld“, warnte er auch, wie Bürgermeister Ulrich Bahmer im Outfit als Panzerknacker an den Fenstern des Rathauses.
Die Glemshexen ernten Konfetti und erobern das Rathaus
Auch wenn die Titzos „an sich friedlich gestimmt“ seien, wie deren Vorsitzender Christian Eisenhardt betonte, rüsteten sich die Glemshexen dennoch mit gemeinschaftlich geschlepptem Holzpfahl für die Eroberung der Rathaustür – die sich nach Warnschüssen mit der Konfettikanone beim dritten Anlauf dann doch bereitwillig öffnete.
So will es die Tradition. Auch der verbale Schlagabtausch gehört zum unverzichtbaren Ritual. „Uns fehlt nur Geld, das ist bekannt, doch anderen fehlt es am Verstand“, reimte Makurath. Politisch aktuell blickte der OB weit über das Strohgäu hinaus. „Wer euer Vorbild ist, das ist ganz plump. Es ist der blonde Donald Trump. Der denkt auch nicht ans Völkerrecht, wer stärker ist, der hat halt Recht.“
Später ließ Makurath den Grund der diesjährigen Maskerade durchblicken, mit Verweis auf den spektakulären Einbruch in die Sparkasse Gelsenkirchen Ende Dezember. „Gelsenkirchen war nur der Test, wie die Stadtkass’ sich wieder füllen lässt. Als Panzerknacker sind wir beide famos, zieh’n euch den Geldsack aus der Hos’.“
Bürgermeister Bahmer soll auf einem Fahrrad Strom erzeugen
Die Proklamation des Ditzinger Prinzenpaars Rüdiger I. von der Ludwigshöhe & Hanne I. vom Ostermarsch enthielt pragmatischere Ideen zum Aufbessern der Kasse, die auch nicht hinter Gitter führen. Nachdem „zur Enttäuschung vieler Bürgerinnen und Bürger die sehr beliebte Weihnachtsbeleuchtung am Kreisverkehr beim Ditzinger Feuerwehrhaus gestrichen“ wurde, solle doch jeder Gemeinderat leihweise, alternativ von seinem Sitzungsgeld, eine Lichterkette spenden. Bürgermeister Bahmer könne in den Abendstunden direkt vor Ort auf einem Fahrrad den Strom dafür erzeugen.
Um den Haushalt der Stadt weiter aufzubessern, solle Bahmer im Nebengewerbe zum Influencer werden. „Seine Social Media Skills beweist er ja bereits regelmäßig in seinen Beiträgen.“ Die Einnahmen flössen direkt in die Vereinsförderung.
Kritik gehört fest zu einem Rathaussturm, sie kam auch zu städtischen Baustellen: „Gerade der Neubau am Schulzentrum in der Glemsaue verharrt seit Längerem im Ruhemodus“, monierte das Prinzenpaar, die „Proklamation 2026“ mit sechs Paragrafen verlesend. „Der bereits fertiggestellte Aufzugsschacht soll für die kommenden Wochen als Interimsbüro für den OB und seinen Bürgermeister genutzt werden. Nicht dass dieser noch vor der Fertigstellung unter Denkmalschutz gestellt wird.“
Bürger stimmen am Laien in den Schlachtruf „Tit zo, Ti tzo, Ti tzo“ ein
Nach Absage der Sportlerehrung, die vor allem die Ditzinger Nachwuchssportlerinnen und -sportler treffe, dürfte die Chance auf Umsetzung indes hier realistischer sein: „Um den Jugendlichen und Kindern dennoch die verdiente Anerkennung entgegenzubringen, werden die Mitglieder des Gemeinderats aufgefordert, sie bei ihren nächsten Trainingseinheiten aktiv zu unterstützen und bei den Wettbewerben anzufeuern.“
Mehrfach von den Bürgern am Laien durch den Schlachtruf „Tit zo, Ti tzo, Ti tzo“ gestärkt, ging es hernach zur Stärkung ins eroberte Rathaus. Bei Getränken und Knabbereien im großen Bürgersaal rückten die Rathausvertreter und die närrischen Eindringlinge, auch das ist Tradition, friedvoll zusammen. „Danke für den schönen Empfang“, sagte Christian Eisenhardt, bevor Orden den Besitzer wechselten. „Ich wünsche Euch eine tolle Saison,“ hatte Makurath gereimt, „und steig’ danach wieder auf meinen Thron.“ So lange muss er nicht warten. Denn die wahre Rathausarbeit, die überlassen die Titzos dann doch lieber der bewährten Riege. Erst recht in herausfordernden Zeiten wie diesen.