Immer unterwegs: Der 21-jährige Majan pendelt zwischen seiner Heimat Schorndorf und Berlin. Foto: Danny Jungslund

Endlich! An diesem Freitag ist das Debütalbum des Schorndorfer Rappers Majan erschienen. „Skits“ scheut sich nicht davor, traurig, verletzlich und melancholisch zu sein. Und trotzdem gibt es Glücksgefühle.

Schorndorf - Es brodelt mal wieder im Deutsch-Rap. Neben den leider üblichen Entgleisungen aufgepumpter Cisgender-Männer (Cisgender ist das Gegenteil von Transgender) kommen jetzt auch noch die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Rapper Samra hinzu. Der Hashtag #DeutschrapMeToo trendet, allein auf der offiziellen Seite sind inzwischen mehr als 200 Berichte über sexuelle Übergriffe bei Konzerten, in Tourbussen oder Hotelzimmern eingegangen. Daran kann man verzweifeln. Doch solange es Rapper wie Majan gibt, muss man den Deutsch-Rap nicht verloren geben. Der Schorndorfer hat mit seinen 21 Jahren eine Reife, die manche seiner Kollegen nie erreichen werden, seine Sprache ist reflektiert, sein Gebaren kommt ohne Alphatier-Klischees aus.

Melancholie und Euphorie, Höhenflüge und Abstürze

Und seine Musik spricht für sich. Seit er 2019 mit seinen ersten Songs debütierte, damals ganz frisch von der Schule, hat sich viel getan. Ein Song mit Cro, Auftritte mit Max Herre, die Gründung seines eigenen Labels Schere Stein Papier, Duette mit Clueso oder Lea. Heute erscheint sein erstes Album „Skits“. Und zeigt einen Künstler, der schon mit seinem Debüt auf eine bemerkenswerte Reise zurückblicken kann. Melancholie und Euphorie, Höhenflüge und Abstürze hat er in den Songs verarbeitet, ein Zeugnis der letzten zwei Jahre, die sein Leben vollständig auf den Kopf gestellt haben.

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„Es ging von null auf hundert für mich, ich war viel unterwegs, hatte aber nie die Möglichkeit, das alles mal sacken zu lassen“, sagt er. „Ich war früher der Typ, der einfach immer Zeit hatte. Und mit einem Mal war das vorbei. Anfangs hatte ich Angst, dass meine Freunde damit nichts anfangen können und sich abwenden, weil sie es nicht verstehen. Ich wollte nicht mal drüber reden, damit niemand denkt, ich sei abgehoben oder so was.“ Majan macht sich Gedanken. Vielleicht zu viele. Aber er macht sie sich. Die Coronapandemie hat ihm Zeit gegeben, Dinge zu verarbeiten, in den richtigen Kontext zu setzen.

Das Klavier steht in der Garage der Eltern

„Skits“ ist seine Chronik seit 2019, ein ambivalentes Album, das düster und verkatert startet und sich ins Licht vorarbeitet. „Ich fliege sehr hoch und falle sehr tief. Das wollte ich in die Songs einfließen lassen.“ Von Anfang an passt Majan nicht in das enge, testosterongeschwängerte Deutsch-Rap-Korsett. Das liegt an seiner außergewöhnlichen Stimme, aber auch an seiner Vorliebe für das Klavier. Das steht immer noch in der Garage seiner Eltern und war die Geburtsstätte vieler Songs. Ein klassischer Rap-Song neben einer Piano-Ballade und einem Pop-Hit? Für Majan nur der Anfang. „Ich bin in letzter Zeit noch offener geworden – vor allem durch den Austausch mit Künstlern aus anderen Genres. In meiner Jugendzeit habe ich fast nur Hip-Hop gehört und war hier und da ganz schön eingefahren.“

Majan lebt in Schorndorf und Berlin. Er reist viel, ist oft mit dem Zug unterwegs. Berlin hat den Künstler verändert, natürlich. Aber nicht mehr oder weniger, als ihn ein Umzug nach Wuppertal verändert hätte. „Alles, was ich erlebe, fließt in meine Musik ein. Also auch Berlin. Ich weiß nur immer nicht so genau, wie sich das manifestiert.“

Barrieren zwischen den Geschlechtern sind aufgelöst

Allein an seinem Verständnis von Geschlechterrollen könnte der deutsche Rap gesunden. Majan entstammt einer Generation, der es zunehmend egal ist, wer wen liebt und wer sich wie definiert. Come as you are, liebe, wen du willst, benimm dich ­gefälligst, und akzeptiere ein Nein. Barrieren zwischen den Geschlechtern sind aufgelöst, praktisch nonexistent.

Dafür steht er mit ­seiner Musik seit Anfang an, das zeigt er auch im Video zu seiner neuen Single „Deine Haut/Gone“, in dem ein weibliches ­Liebespaar zu sehen ist. „Ich will nicht nur tolerant sein, sondern das auch zeigen“, so Majan. „Noch wichtiger wäre es mir aber eigentlich, wenn man aus Liebe und Sexualität keine große Sache macht. Ich wollte einfach eine ganz normale Beziehung zeigen. Für mich macht es keinen Unterschied, ob das zwei Frauen, zwei Männer oder eine Frau und ein Mann sind.“

Ein Künstler, der seinen Weg noch sucht

Majan, ein willkommenes Gegengewicht zu den Niederungen des Genres. Ein aufgeschlossener, neugieriger, selbstreflektierter, manchmal aber wahrscheinlich auch zu selbstkritischer Künstler, der seinen Weg noch sucht. „Ich bin noch nicht da angekommen, wo ich hinwill.“ Er lächelt. „Aber das trifft sich gut, denn ich weiß auch noch gar nicht genau, wo ich eigentlich hin will.“

Majan: Skits. Sony Music.

Majan in 3 Songs

1975
Das Lied, mit dem alles anfing: Majan schickt 2019 ein Demo der Aufnahme an Cro – einfach so, auf gut Glück. Der ist begeistert, schreibt eine Strophe und rappt den Song gemeinsam mit Majan ein. Ein erster kleiner Sommerhit.

Beifahrersitz
2020 ist Majan in Berlin angekommen. Die Künstlerin Lea erkennt sein Talent und holt ihn für ihre Single „Beifahrersitz“ an Bord. Der Song hält sich zehn Wochen in den deutschen Charts.

Dead or alive
Im Sommer 2021 der nächste Coup: Für „Dead or alive“ holt sich Majan einfach mal Clueso ins Studio. Ein nächster großer Schritt auf dem Weg nach weit oben.

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