Die Stadt will die Seelbergstraße zum Teil zur reinen Fußgängerzone machen. Das Radiologie Zentrum Stuttgart stellt sich die Frage, ob der Standort dann noch sinnvoll ist.
Das gesamte Bahnhofsviertel in Bad Cannstatt wird für knapp sechs Millionen Euro auch im Hinblick auf die Fußball-Europameisterschaft 2024 aufgewertet. Unter anderem soll die Seelbergstraße zum Teil in eine Fußgängerzone umgewandelt werden – auch, um das Problem der Falschparker in den Griff zu bekommen (3000 Strafzettel im Jahr). Das wirft für das Radiologie Zentrum Stuttgart die Frage auf, ob die rund 200 Meter lange Einkaufsstraße noch der richtige Standort ist. „Wir wollen gerne weiter unsere Aufgabe wahrnehmen. Aber die Rahmenbedingungen werden zusehends schwieriger“, sagt Dr. Bendix Kemke.
Rund 60 000 Patienten im Jahr aus der gesamten Region
Seit nunmehr 40 Jahren hat sich die Gemeinschaftspraxis bestehend aus zehn Ärzten in der Radiologie und der Nuklearmedizin einen guten Ruf erworben. Nach eigenen Angaben zählt die Einrichtung rund 60 000 Patienten pro Jahr und bis zu 200 000 Arztkontakte. Die Patienten kommen nicht nur aus Stuttgart, sondern der gesamten Region. Eine wichtige Anlaufstelle ist das Zentrum im Bereich der Krebs-, Tumor- aber auch der Herz-Diagnostik. Zudem werden neurologische Krankheiten wie Multiple Sklerose, Epilepsie, Parkinson oder auch Demenz untersucht. Ebenso stehen chronische Leiden des Bewegungsapparates wie etwa Bandscheibenvorfälle oder Überlastungsschäden im Mittelpunkt. Und nicht zuletzt orthopädische Untersuchungen wie bei verletzten Sportlern.
Patienten sind oft nicht mehr selbstständig mobil
Und man fungiert als eine von nur zwei Corona-Diagnostik-Praxen im Versorgungsgebiet Stuttgart und eine von sieben in ganz Baden-Württemberg. Dabei werden coronabedingte Lungenschäden per CT oder Röntgen geprüft. Hinzu kommt die ebenfalls im Haus befindlichen rheumatologischen und neurologischen Schwerpunktpraxen. Allen gemeinsam ist in den meisten Fällen eine schwere oder chronische Erkrankung: „Sie sind stark geh-eingeschränkt und somit immobil“, erklärt Kemke. Viele sind zudem auf eine Begleitung angewiesen. Die unmittelbare Nähe zum Bahnhof Bad Cannstatt ist daher nur in selteneren Fällen von Vorteil. Vielmehr ist mehrmals wöchentlich der Rettungsdienst vor Ort.
Monatliche Energiekosten haben sich verfünffacht
Allerdings haben sich bereits seit 2013 die Anfahrtsmöglichkeiten verschlechtert. Mit dem ersten Umbau der Seelbergstraße fielen auf einer Seite die Parkplätze weg. Seitdem fehlen aus Sicht der Mediziner vor allem Kurzzeitstellplätze. Das praxiseigene Parkdeck mit knapp 25 Plätzen reicht nicht aus, „wird zudem oft missbraucht. Mehrmals wurde auch bereits die Schranke beschädigt“, sagt Kemke. Ein eigenes Pförtnersystem einzurichten, lässt das deutsche Gesetz indes nicht zu. Denn dieses wäre dann umsatzsteuerpflichtig, „aber wir sind ja keine Parkhausbetreiber“. Und nicht zuletzt treiben den Mediziner auch die steigenden Energiekosten um. Die teuren Spezialgeräte benötigen viel Strom. Die monatlichen Energiekosten haben sich laut Kemke verfünffacht. Allerdings sind in den geplanten staatlichen Energiefördertöpfen des Bundes radiologische und nuklearmedizinische Großpraxen nicht als energieintensive Betriebe aufgelistet.
Neue Fußgängerzone versperrt die Anfahrt
Mit dem geplanten Umbau des Bahnhofsquartiers rechnen die Mediziner nun mit einer weiteren Verschlechterung der Situation. Die Befürchtung: Die neue Fußgängerzone versperre nicht nur die Anfahrt, sondern werde zudem als Aufenthaltszone missbraucht. Bereits jetzt kämpfe man vor allem während der Volksfestzeit auf dem Cannstatter Wasen mit massiven Müllproblemen. „Wir würden gerne weiter die Menschen in Bad Cannstatt und den gesamten Bereich im Nordosten der Landeshauptstadt und der Region Stuttgart versorgen“, sagt Kemke. Aber dafür müssten die Rahmenbedingungen stimmen. „Es ist nichts Konkretes, aber man muss sich seine Gedanken machen“, spielt er offen mit der Idee, den Standort Bad Cannstatt zu verlassen.
CDU warnt: Dürfen medizinischen Standort nicht verlieren
Probleme, die auch die CDU bereits beschäftigt haben. „Es kann nicht das Ziel sein, dass dieser Medizin-Standort aufgrund der geplanten Umgestaltungen abgewertet wird“, sagt der Chef der Cannstatter Bezirksbeiratsfraktion Roland Schmid. Dabei denkt er nicht nur an das Radiologische Zentrum, sondern an alle rund 30 in diesem Bereich niedergelassenen Fachärzte. Betroffen sei auch das ansässige Postzentrum sowie die Bundesagentur für Arbeit.
Mit der Sperrung der Bahnhofstraße für den Autoverkehr und der Abschaffung aller kurzzeitigen Haltemöglichkeiten müsse man mit einem anhaltenden „Rundverkehr“ über die Bahnhof-, Seelberg- und Frösnerstraße rechnen. Die CDU sieht darin keine Verbesserung, wie sie auch in einem Antrag im Gemeinderat verdeutlicht.
Laut Kassenärztlicher Vereinigung Baden-Württemberg würde ein Wegfall des Radiologie Zentrums Stuttgart zwar zu keiner Unterversorgung führen. In der Region Stuttgart gibt es nach deren Angaben 15 radiologische Praxen, davon vier in der Landeshauptstadt. Dennoch „würde dies für die betroffenen Personen einen Verlust bedeuten“, heißt es vonseiten der Vereinigung, vor allem in Bad Cannstatt. Zudem sind alle anderen Praxen auch budgetiert und können die Aufgaben der ambulanten Strahlentherapie gar nicht übernehmen (circa 2500 Patienten pro Jahr). Generell gilt eine Anreise von 140 Kilometern bis zur Fachpraxis für die Patienten als zumutbar. Daher sei ein Standort laut Kemke „fast überall in Stuttgart oder der Region möglich“.