Foto: dpa/Daniel Naupold

Die Zahl der Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt sind, nimmt zu. Eine Analyse ergab unterschiedliche Gründe für den Anstieg.

Bad Cannstatt - Stuttgart will attraktiver für Radfahrer werden und hat sich dafür einiges vorgenommen. So werden zum Beispiel langfristig 40 Euro pro Einwohner jährlich für den Radverkehr ausgegeben. Außerdem soll der Ausbau des Hauptradroutennetzes bis 2030 abgeschlossen sein, beziehungsweise in allen Stadtvierteln soll mindestens eine Fahrradstraße auf Nebenstraßen ausgewiesen werden. Grundlage für die Planungen ist das Radverkehrskonzept, das weiter fortgeschrieben wird. Langfristig, so das große Ziel, sollen weniger Autos im Stadtgebiet unterwegs sein und der Radverkehr 25 Prozent des gesamten Verkehrs ausmachen.

Dass sich die Stadt dabei auf einem guten Weg befindet, wird auch an den offiziellen Zählstellen deutlich. Insgesamt 15 gibt es in der Landeshauptstadt. Eine davon liegt auf der König-Karls-Brücke beim Mineralbad Leuze. Hier wurde bereits im September die 1-Million-Grenze geknackt. Im vergangenen Jahr war dies erst zum Jahresende der Fall. Durchschnittlich passierten im laufenden Jahr rund 4000 Radler täglich die Stelle in Bad Cannstatt. Das ist über ein Drittel mehr als 2019. Die städtische Fahrradbeauftragte Eva Adam erklärte dazu: „Die Zahl der Radlerinnen und Radler hat spürbar zugenommen. Gewiss hat auch die Corona-Pandemie dazu beigetragen, dass sich mehr Menschen für das Rad entscheiden.“ So erfreulich aus Umweltgründen das auch sein mag, ein negativer Effekt wird ebenfalls spürbar. Die Polizei registrierte in den vergangenen Jahren steigende Unfallzahlen, an denen Radfahrende beteiligt waren. Oberbürgermeister Fritz Kuhn hatte daher die Verwaltung beauftragt, die Unfälle mit Radverkehrsbeteiligung hinsichtlich Örtlichkeit, Ursachen und Maßnahmen zu analysieren. Die Ergebnisse und die resultierenden Erkenntnisse dieser Analyse sind in einem Sonderbericht Radverkehrsunfälle zusammengeführt.

„Wir wollen, dass alle gut und sicher in Stuttgart unterwegs sind – dazu brauchen alle Verkehrsarten eine geeignete Infrastruktur“, so OB Kuhn. Jeder Unfall sei einer zu viel. Die Analyse ermögliche es, sich ein Gesamtbild über die Sicherheit auf Stuttgarts Straßen im Kontext der steigenden Radverkehrszahlen zu machen. „Es ist jedoch wichtig, das eigene Verhalten im Verkehr zu hinterfragen, egal ob wir hinter dem Lenkrad oder auf dem Sattel sitzen oder zu Fuß unterwegs sind“, betont das Stadtoberhaupt.

Nach dem Auftrag des Oberbürgermeisters haben die Verkehrsbehörde und die Polizei alle Unfälle mit Radverkehrsbeteiligung der Jahre 2017 bis 2019 und im ersten Halbjahr 2020 analysiert. Für 2019 und die ersten sechs Monate des Jahres 2020 wurden Örtlichkeit, Hergang und Ursachen sogar noch vertieft überprüft. Fakt ist: Seit 2017 ist die Zahl der gemeldeten Unfälle mit Fahrradbeteiligung von 503 auf 621 im Jahr 2018 und 568 im Jahr 2019 gestiegen. Im ersten Halbjahr 2020 wurden bei steigendem Radverkehrsaufkommen bereits 310 Unfälle registriert. Das Kfz-Aufkommen war infolge der Corona-Pandemie zeitweise stark reduziert.

Im vergangenen Jahr gab es 87 Schwer- und 425 Leichtverletzte. Tote gab es keine zu beklagen, sehr wohl jedoch bereits zwei in diesem Jahr. Insgesamt wurden in den ersten neun Monaten bei den 538 Unfälle mit Radbeteiligung 47 Personen schwer und 238 leicht verletzt.

Die Unfallentwicklung mit Radfahrenden ist im Kontext steigender Radverkehrsmengen und in Abhängigkeit temporärer Einflüsse (Schönwetterperioden) zu bewerten. Weiterhin ist auch die starke Verbreitung von Pedelecs sichtbar. Gemäß den jährlichen Unfallberichten des Polizeipräsidiums Stuttgart wurden 2017 insgesamt 59 Unfälle mit Pedelecfahrern verzeichnet, in den Jahren 2018 (98) und 2019 (123) gab es eine Steigerung. Im ersten Halbjahr 2020 wurden bereits 82 Unfälle registriert. Von den 310 Unfällen mit Radverkehrsbeteiligung in den ersten sechs Monaten 2020 fanden 61 Prozent mit Kraftfahrzeugen statt, sechs Prozent zwischen Radfahrern, acht Prozent zwischen Fußgängern und Radfahrern und 25 Prozent waren sogenannte Alleinunfälle von Radfahrern.

Der zuständige Bürgermeister Martin Schairer zieht folgendes Fazit: „Die Unfälle mit Radfahrern finden an sehr unterschiedlichen Stellen und unter vielfältigen Umständen statt, dabei gibt es nur wenige Unfallschwerpunkte.“ Die häufigste Ursache sei hier das Ein- beziehungsweise Abbiegen sowie das Kreuzen. Alle gefährlichen Bereiche werden bereits bearbeitet.

Stadt und Polizei planen zudem eine verstärkte Präventionsarbeit, um alle Verkehrsteilnehmer zu mehr Rücksicht aufzufordern und für die Einhaltung der Regeln zu werben. Im Sinne der Prävention wird auch vermehrt auf die Verdeutlichung von Gefahrenstellen oder die Freihaltung von Sichtbeziehungen Wert gelegt. Zugleich sind weitere bauliche Maßnahmen in Planung, die dem steigenden Anteil des Radverkehrs gerecht werden sollen. So soll die Radverkehrsinfrastruktur gemäß dem Beschluss des Gemeinderats im Sinne der echten Fahrradstadt ausgebaut werden. Über 240 Radverkehrsprojekte sind alleine bei den speziellen Radteams der Fachämter in der Planung oder Umsetzung.

Unfälle häufen sich oftmals an komplexen und hochfrequentierten Kreuzungen oder Einmündungen. Hier sind unter Umständen mittel- bis langfristige Maßnahmen wie Anpassungen der Ampelschaltungen oder Umbauten notwendig. Derartige Planungen müssen laut Verwaltung jedoch teilweise im Gemeinderat diskutiert werden, zumal ein Umbau auch sehr teuer werden kann.

„Gerade weil Unfälle mit Autos zu schweren Verletzungen bei den Radfahrern führen können, müssen sich Autofahrende ihrer Verantwortung im Straßenverkehr besonders bewusst sein“, betont Schairer. Angepasste Geschwindigkeit, die Einhaltung des gesetzlich vorgeschriebenen Überholabstands von 1,5 Meter innerorts und zwei Meter außerorts sowie der Schulterblick beim Verlassen des Fahrzeugs vermeiden Unfälle.

Die aktuelle Analyse zeigt aber auch, dass viele Unfälle auch zu schnell fahrende Radler als Ursache haben. Der Anteil stieg binnen eines Jahres von fünf auf 13 Prozent. In sieben Prozent aller Unfälle haben Radfahrer regelwidrig Verkehrsanlagen genutzt. Laut Bürgermeister Peter Pätzold habe die Zahl der Beschwerden über rücksichtslose Fahrradfahrer erheblich zugenommen.

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