Kleine Kinder sind weniger empfänglich für das Coronavirus – doch es kommt trotzdem zu zahlreichen Ausbrüchen in Kitas. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Obwohl kleine Kinder als wenig anfällig für Ansteckung und Übertragung des Virus gelten, sind derzeit allein in Stuttgart 54 Kitas von Quarantäne betroffen. Dabei zeigt sich, von wem die Infektionen meistens ausgehen.

Stuttgart - Es ist wohl guter Wille, der eine Erzieherin in einer Stuttgarter Kindertagesstätte antreibt. Die Personaldecke ist extrem dünn. Also erscheint sie zur Arbeit, obwohl sie Erkältungssymptome verspürt. Wie sich kurz darauf herausstellt, war das ein Fehler: Ein Corona-Test fällt positiv aus. Die gesamte Einrichtung wird geschlossen, Dutzende Kinder müssen in Quarantäne. Eine Woche später sind 18 Erzieherinnen, Kinder, Eltern und Geschwister positiv. Manche sind krank, andere völlig ohne Symptome.

Allein ist diese Kita mit dem Corona-Problem nicht. In Stuttgart sind derzeit an 54 Einrichtungen Gruppen in Quarantäne oder die Türen ganz geschlossen. Das ist fast jede zehnte Kita. Dazu kommen 90 Schulen. „Zahlen, wie viele Kitas landesweit bereits geschlossen wurden, liegen uns leider nicht vor“, sagt eine Sprecherin des Landesgesundheitsamts. Erfasst werden dort nur Schulen. Zum Stand 20. November waren in Baden-Württemberg an 573 der rund 4500 Schulen insgesamt 890 Klassen aus dem Präsenzbetrieb herausgenommen.

Doch wie passt das mit der Annahme zusammen, dass sich die Kleinsten kaum mit dem Coronavirus infizieren und es auch seltener übertragen als Erwachsene? Geändert hat sich nichts an dieser Meinung. Beim Landesgesundheitsamt weist man auf eine Studie aus dem Frühjahr hin. Dabei sind vier Universitätskliniken im Land zum Fazit gekommen, dass sich gerade Kinder unter fünf Jahren kaum infiziert hatten. Das Robert-Koch-Institut vertritt dieselbe Meinung.

Kitapersonal als Hauptinfektionsquelle

Der Stuttgarter Gesundheitsamtsleiter Stefan Ehehalt sagt: „Kitas offen zu halten ist für alle ein Kraftakt. Er lohnt sich gesellschaftlich. Leider wird es aber auch in den nächsten Wochen gewiss zu Quarantäneanordnungen kommen.“ In der Landeshauptstadt machten Kinder unter sechs Jahren nur jeden 50. Infektionsfall aus. „Diese Kinder haben sich in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht in der Kita, sondern im privaten Umfeld angesteckt“, so Ehehalt.

Dennoch: Das Virus wird auch in Kitas weitergegeben. In Stuttgart werden die sogenannten Indexfälle erfasst – also die Ausgangspunkte eines Infektionsgeschehens. Seit Ende der Sommerferien sind da an den Kitas 122 Erzieherinnen und Erzieher vermerkt – und im Vergleich dazu nur 81 Kinder. Allein im November sind 66 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgeführt. Die Gefahr geht also eher vom Personal als von den Kindern aus – und die Entwicklung hat sich mit den insgesamt gestiegenen Zahlen zuletzt sehr beschleunigt.

Insgesamt ist die Zahl der Fälle, in denen es im Land zu größeren Ausbrüchen in Kitas kam, laut Landesgesundheitsamt bislang allerdings überschaubar: Seit Ende der Sommerferien wurden 32 Ausbrüche in Kitas mit 179 Infizierten gemeldet.

Unter den Eltern kommen in solchen Fällen viele Fragen auf. Wer muss wie lange zu Hause bleiben? Wann ist der letzte Kontakt erfolgt? Nicht selten ändern sich Quarantänezeiten, weil spätere Kontakte zu Infizierten klar werden. Antworten gibt es oft erst mit erheblicher Verzögerung.

Post vom Gesundheitsamt erst nach zehn Tagen

In der Stuttgarter Kita bekommen viele Familien erst zehn Tage nach der Schließung Post vom Gesundheitsamt mit den Quarantäneauflagen. Und schon bricht neue Verwirrung aus, berichtet eine Mutter: „Positiv getestete Kinder sollten plötzlich nur noch zehn Tage in Quarantäne sein, während negativ getestete 14 Tage zu Hause bleiben mussten.“ Allerdings ist dieses Vorgehen korrekt. Die zehn Tage gelten jedoch nur für Corona-Positive ohne Symptome. Kinder, die krank sind, müssen zusätzlich 48 Stunden ohne Symptome sein, bevor sie wieder hinaus dürfen. Und wer negativ getestet ist, muss 14 Tage in Quarantäne bleiben, falls sich später noch Symptome zeigen sollten.

Viel Rechnerei und noch mehr Unsicherheit bei den Betroffenen – und ein bitteres Fazit. „Man hätte die Kitas besser komplett dicht gemacht“, sagt ein entnervter Vater aus einer Einrichtung im Landkreis Esslingen. Im ganzen Land überlegen Eltern inzwischen, ihre Kinder in diesem Jahr gar nicht mehr zu bringen – sicher ist sicher. Gesundheitsamtsleiter Ehehalt mahnt alle Beteiligten zur Disziplin: „Die in den Kitas getroffenen Maßnahmen sind wesentlich dafür, das Pandemiegeschehen dort auch weiterhin kontrolliert zu halten.“ Damit die Sache kein böses Ende nimmt. Geringe Ansteckungsgefahr hin, niedrige Übertragungsquoten her.

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