Zwischen Sitcom, Boulevard-Komödie und bürgerlichem Trauerspiel: Das Musical „Abenteuerland“ mit Hits der Band Pur hat im Stuttgart Premiere gefeiert. Lohnt sich der Besuch?
Als die Nacht am tiefsten ist, als alles böse zu enden droht, schallt durch den Stuttgarter Hauptbahnhof, in den sich die Theaterhaus-Bühne gerade verwandelt hat, eine Lautsprecheransage: „Auf Gleis 11 fährt ein der ICE 220 nach Karlsruhe“, schwäbelt der Ansager unverdrossen.
Und weil das die Stimme Hartmut Englers ist, weiß man, dass doch noch alles gut gehen wird. Denn wo Hartmut Engler ist, ist immer auch ein Happy End in Sicht. Auch bei dem Musical „Abenteuerland“ mit den Hits der Band Pur.
Mix aus Warmherzigkeit und Pur-Hits
Am Donnerstag fand im Theaterhaus die Stuttgarter Gala-Premiere des Musicals statt, das dort bis zum 22. März gastieren wird. Martin Flohr, der „Abenteuerland“ geschrieben und produziert hat, gelingt es grandios, den Markenkern der aus Bietigheim-Bissingen stammenden Band in ein Musical zu übersetzen. Er beschert dem Publikum einen Mix aus Wehmut, Warmherzigkeit, Glückseligkeit, Selbstironie – serviert mit 30 der größten Pur-Hits.
Der Zweiakter erzählt von den Schirmers, die einem wie ein Ableger von „Diese Drombuschs“ oder anderen Musterfamilien aus längst vergangenen seligen TV-Zeiten vorkommen. Die Ehe von Petra (Carolyn Soyka) und Robert (Markus Neugebauer) hat in den vergangenen Jahren an Glanz verloren. Während sie sich um den Haushalt und die Pausenbrote der schon fast erwachsenen Kinder Anna (Mascha Volmershausen) und Alex (Cedric Schröter) kümmert und nur ab und zu von ihrer Freundin Beate (Jana Stelley) vom Alltagstrott abgelenkt wird, steckt er in einer Midlife Crisis, hat nur noch Zeit für seine Arbeit und sein Rennrad – und vergisst sogar Petras Geburtstag.
Der Schirmer-Nachwuchs hat derweil ganz andere Probleme: Die 16-jährige Anna wird an der Schule gemobbt, der 18-jährige Alex träumt von einer Karriere als Popstar. Und dann gibt es noch Lena (Regina Venus), die Großmutter, die zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes wieder auf Partnersuche geht und online Karl (Frank Bahrenberg) kennenlernt: Für eine neue Liebe ist es nie zu spät.
Sitcom, Boulevard-Komödie, bürgerliches Trauerspiel
Von all den Sorgen und Nöten, Hoffnungen und Träumen der drei Generationen erzählt das Musical in zwei Akten. Und während der erste Teil wie eine Mischung aus Familien-Sitcom und Boulevard-Komödie daherkommt, wird der Ton im zweiten Teil düsterer und ernster. Und fast verwandelt sich „Abenteuerland“ dann in ein bürgerliches Trauerspiel, als es in einer furiosen Szene auf einmal um Untreue, einen Selbstmordversuch, ein schwules Coming-Out und eine ungewollte Schwangerschaft geht. Doch wie in jedem Pur-Song lauert auch in dem Musical die Chance auf ein gutes Ende.
Nach rund drei Stunden gibt es Standing Ovations für die Show, den Cast und die Macher von „Abenteuerland“. Während des Finales mit dem Song „Funkelperlenaugen“ und dem anschließenden Medley aus Hits wie „Lena“ oder „Hab mich wieder mal an dir betrunken“ kommt auch die Band Pur auf die Bühne. „War das geil oder war das geil?“, fragt Sänger Hartmut Engler und zeigt sich begeistert von all den Menschen, die auf und hinter der Bühne mit diesem Musical die Pur-Hits zu neuem Leben erweckt haben.
„Abenteuerland“ ist ein Jukebox-Musical
„Abenteuerland“ ist ein so genanntes Jukebox-Musical, weil sich die Story an insgesamt 30 Pur-Stücken entlang hangelt und diese in die Handlung einbaut. Martin Flohr setzt dieses Familienmelodram wunderbar virtuos aus den Geschichten zusammen, die in Songs wie „Herzbeben“, „Wenn sie diesen Tango hört“, „Graues Haar“, „Allein vor dem Spiegel“, „Drachen sollen fliegen“ oder „Hör gut zu“ stecken.
Pur-Fans dürfen sich außerdem in „Abenteuerland“ über einige Anspielung auf die Geschichte und die Herkunft ihrer Lieblingsband freuen. Die Gruppe, die Alex mit seinem Freund Tom gründet, heißt zum Beispiel Crusade, und der Club, in dem sie bei einem Bandwettbewerb auftreten, Opus: Bevor Pur Pur hießen, nannte sich die Band erst Crusade und dann Opus.
„Abenteuerland“: Termine bis 22. März in Stuttgart
Und eine ganz eigenwillige Erklärung dafür, für was der Name Pur steht, hat das Musical auch noch parat: Petra und Robert Schirmer, sitzen irgendwann wieder auf jener Bank, auf der sie einst die Liebe fanden, die ihnen nun irgendwie abhanden gekommen ist. Ins Holz haben sie damals ihre Initialen geritzt: Petra und Robert – oder kurz „PUR“. Als sie die verschrammten Buchstaben betrachten, werden sie nostalgisch: „Etwas abgerockt, aber immer noch da. So wie wir.“
Abenteuerland. Das Musical gastiert bis zum 22. März im Theaterhaus in Stuttgart. Tickets gibt es hier.