Seit Donnerstag können 146 Kinder mit Behinderung nicht mehr zur Schule. Für sie stellten Eltern symbolisch 146 leere Stühle ins Rathaus. Das steckt hinter der ungewöhnlichen Aktion.
Die Stimmung ist bedrückend gewesen. Vor der Sitzung des Schulbeirats am Dienstagmittag hatten Eltern 146 leere Stühle vor den Mittleren Sitzungssaal im Stuttgarter Rathaus gestellt. Sie sollten die Kinder symbolisieren, die seit Donnerstag nicht mehr in der Schule waren.
Denn die Stadt hat dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) als einem der Hauptträger für Schulbegleitungen fristlos gekündigt. Der Grund ist nach Angaben der Stadt Abrechnungsunstimmigkeiten. Der ASB hat daraufhin seine Mitarbeitenden direkt abgezogen. Ohne die Unterstützung ihrer Schulbegleitungen können die 146 Mädchen und Jungen mit Behinderung aber nicht am Unterricht teilnehmen.
„Wir wollen unsere Gesichter zeigen und deutlich machen, dass wir diese Ungerechtigkeit nicht hinnehmen“, sagte Anna Linder. Sie ist Mitglied im Vorstand des Gesamtelternbeirats und vertritt dort die sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ). Ebenso wie viele andere Mütter, Väter und Kinder, die zu der Aktion gekommen waren, trug sie ein Pflasterkreuz auf der Brust – als Symbol für die vielen pflegenden Eltern. Der gemeinsame Protest machte ihnen Mut. „Dass so viele gekommen sind, auch Menschen, die keine behinderten Kinder haben, tut gut“, sagte Anna Linder.
Kinder legen aus Papier gebastelte Tränen nieder
Immer wieder war die Forderung zu hören, die Stadt müsse sich erklären und entschuldigen. Daran wollten viele teilhaben – deutlich mehr, als Zuhörer in den Saal passten. Für Verärgerung sorgte zudem, dass Rollstühle aus Gründen des Brandschutzes nicht in den Raum durften. „Wir haben dafür Verständnis. Aber das hätte früher kommuniziert werden müssen“, sagte Verena Herfter vom Gesamtelternbeirat.
Die Stadt reagierte. Die Sitzung wurde per Livestream in einen größeren Saal übertragen. Außerdem durften die Kinder ihre Tränen, die sie gebastelt hatten, in die Mitte des runden Ratstisches legen, sodass die Beiratsmitglieder die Botschaften lesen konnten. „Meine Schulbegleitung passt immer auf mich auf“ oder „Ich habe eine Schulpflicht!“ und auch „Wir wollen nicht mehr zu Hause sitzen!“ war darauf zu lesen.
Wirkungsvolle Aktion ohne Trillerpfeifen und Transparente
Der GEB hatte bewusst zu einem stillen Protest aufgerufen. Aus Rücksicht auf die Kinder mit Behinderung verzichteten die Teilnehmenden auf Transparente und Trillerpfeifen. Doch um so wirkungsvoller war die Aktion. Eltern forderten die Schulbürgermeisterin Isabel Fezer auf, auch direkt an die Kinder ein paar Worte zu wenden. Denn diese seien nicht gekommen, um eine Sitzung auf einem Bildschirm zu verfolgen.
Die Bürgermeisterin ging darauf ein. Stellvertretend für alle betroffenen Mädchen und Jungen entschuldigte sie sich bei mehreren Kindern persönlich und versprach, alles dafür zu tun, dass alle Kinder so bald wie möglich wieder in die Schule können. „Dieses Thema ist mir sehr wichtig“, versicherte Isabel Fezer.
Schon im Vorfeld hatte die Stadt in einer Pressemitteilung erklärt, dass man mit Hochdruck daran arbeite, den Kindern den Schulbesuch wieder zu ermöglichen. Für etwa 40 Prozent der Mädchen und Jungen sei bereits eine alternative Schulbegleitung gefunden, hieß es am Montagnachmittag. Der Gesamtelternbeirat (GEB) konnte diese Zahl nicht nachvollziehen. Es gebe lediglich für einzelne Kinder eine Notbetreuung, erklärte das Gremium in einer Stellungnahme.