Ein Schild mit „Wir schließen“ vor einem Laden. Auch im Südwesten werden Unternehmen geschlossen, weil sich keine Nachfolger finden oder die Übernahme als unattraktiv gilt. Foto: dpa/Jens Kalaene

BWIHK-Präsident Christian O. Erbe sieht Probleme in der Nachfolge von Unternehmen. Das gefährde auch den Mittelstand im Südwesten. Doch was lässt sich dagegen tun?

Der Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK), Christian O. Erbe, warnt davor, dass viele Unternehmen in der nahen Zukunft vor dem Aus stehen. „Schätzungen ergeben, dass in Deutschland in den kommenden fünf Jahren im ungünstigsten Fall rund 250 000 Unternehmen schließen müssen, wenn sie keine Nachfolge finden“, sagte Erbe unserer Zeitung.

Sorgen bereiten Erbe Branchen wie Hotellerie, Gastronomie, Tourismus und Einzelhandel, die noch unter den Folgen der Coronakrise litten. Auch die Automobilindustrie und viele kleinere Zulieferer seien durch den Strukturwandel besonders getroffen. „Hier ist die Frage, wie zukunftssicher diese Unternehmen für eine Übergabe aufgestellt sind. Ob sich Familienmitglieder das noch antun wollen oder überhaupt Käufer zu finden sind“, sagte Erbe, der als BWIHK-Präsident 650 000 Unternehmen im Land vertritt.

Das größte Problem ist, überhaupt eine Nachfolge zu finden

Laut einer Umfrage der Förderbank KfW unter mehr als 11 000 kleineren und mittleren Firmen in Deutschland war für drei Viertel der Befragten das größte Problem, überhaupt eine Nachfolge für ihr Unternehmen zu finden – selbst wenn sie den Verkauf der Firma an Externe oder an Beschäftigte in Betracht zogen. Kaufpreis, Bürokratieaufwand und rechtliche Komplexität (je 30 Prozent) oder Finanzierungsfragen (16 Prozent) spielten eine vergleichsweise geringe Rolle, Mehrfachnennungen waren möglich.

Einer der größten Fehler sei, Übernahmen zu spät oder zu vage zu planen, heißt es bei der Handwerkskammer Region Stuttgart, die Unternehmen bei der Nachfolge mit zwei Moderatoren unterstützt. Der Nachfolgeprozess könne viele Jahre dauern. „Idealerweise sollte man sich mit 55 die ersten Gedanken machen – dann hat man noch die Möglichkeit, die eine oder andere Weiche zu stellen“, sagt der Moderator Thomas Schmitt. Nur vier von zehn Betrieben schafften eine Übergabe innerhalb der eigenen Familie. Emotionale Aspekte spielten eine entscheidende Rolle. „Es geht um die Weitergabe eines Lebenswerks“, so Schmitt.

Laut Erbe ist die Gefahr, dass der Mittelstand im Südwesten durch Unternehmensaufgaben geschwächt werde, nicht zu unterschätzen – „gerade weil die Wirtschaft auf den Schultern kleinerer und mittlerer Unternehmen ruht“. Der BWIHK-Präsident forderte, spezielle Landesförderprogramme für Betriebsübergebende neu aufzulegen: „Ziel muss sein, dass möglichst viele Übergaben tatsächlich funktionieren.“

Laut einer KfW-Studie wollen sich bis Jahresende rund 224 000 Inhaber mittelständischer Firmen zurückziehen. Jeder dritte Mittelständler in Deutschland ist über 60 Jahre alt – noch vor 20 Jahren war es nur jeder achte.