Das Jes-Ensemble in Aktion Foto: Jes

Eine Premiere wenige Stunden vor dem Kultur-Lockdown: Das Jes in Stuttgart präsentiert seine neue Produktion „Paradies“ und erzählt spannend von Menschen, die genau danach suchen.

Stuttgart - „Eine Welt ohne Arschlöcher“, wünscht sich der 16-jährige Kaspar, während die 11-jährige Yuna-Malou von einem „magischen Wohnwagen“ am Meer träumt, mit einem Schokobrunnen davor. Und der erwachsene Lin sehnt sich zurück nach seiner „dicken, kuscheligen Omma“, bei der er Würstchen mit Ketchup bekam, die zuhause tabu waren, weil seine Mutter Vegetarierin war. Im neuen Tanztheaterstück des Jungen Ensemble Stuttgart (Jes) geht es um die Sehnsucht nach dem „Paradies“ oder besser: um die ganz unterschiedlichen Vorstellungen, die die Menschen mit diesem Begriff verbinden. Natürlich stand am Samstagabend auch die Brüchigkeit des Theater-Paradieses im Raum: Heute Premiere, übermorgen Lockdown. Die Mund-Nasen-Schutze der Tanzenden, die Abstandsregeln auf der Bühne verweisen auf die eingeschränkte künstlerische Freiheit.

Im bewährten Duo haben die Jes-Intendantin Brigitte Dethier und der Choreograf Ives Thuwis-de Leeuw wieder mit Tanzprofis und -laien unterschiedlichen Alters zusammengearbeitet und einen expressiven, berührenden und oft auch witzigen Abend geschaffen. Für die Bühnenmusik sorgt Marie-Christin Sommer mit ihrer E-Gitarre und Live-Elektronik – mal mit rockigem und punkigem Strumming, mal mit melancholischen Riffs. Den Kontrast zwischen Wunsch-Paradies und Gefängnis-Realität macht schon das Bühnenbild von Wolfram Stöckl deutlich: Links im Würfel, der aus Stangen zusammengesteckt ist, hat es sich die kleine Josefine gemütlich gemacht. Sie schaukelt am Ende gar in einer Hängematte und vertilgt genüsslich den Apfel, der zuvor als Paradiessymbol spielerisch über die Bühne rollte. Rechts positioniert ist der gleiche Würfel – durch Gummi-Stäbe vergittert, in denen sich die Tanzenden zuweilen verheddern.

Kraftvoll, zackig, selbstbewusst

Mal erzählt das Ensemble auf Stühlen sitzend in persönlichen Geschichten von seinen Sehnsüchten nach Nähe oder Freiheit, mal überführt es seine Emotionen solo oder als Gruppe in mitreißende Körperaktion: gespickt mit Breakdance-Akrobatik und Mikrobewegungen bis in die Fingerspitzen, mal kraftvoll und zackig selbstbewusst, mal das brüchige Terrain des Paradieses auslotend, dann schwankend, fallend, rollend, mit steifen Gelenken gegen die Wand rennend oder auf dem Körper eines anderen balancierend. Die himmlische Service-Hotline, der „heiße Draht zum Paradies“, erweist sich bei der Suche nach dem Sehnsuchtsort als nicht besonders hilfreich. Da gibt schon der rote Apfel vom Baum der Erkenntnis mehr her: „Keine Angst vorm Selberdenken!“, befahl schon Eva ihrem Adam.

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