In der Spielstätte Nord wagen sich Schauspiel-Studierende furchtlos an den „Rand“, den verrückten Bühnenessay von Kiki Miru Miroslava Svolikova.
Am Rand ist die Hölle los. Da kriechen Kakerlaken aus den Ritzen und treiben Schweißperlen auf die Stirn des Kammerjägers, der sich selbst als „Kakerlakenpriester“ sieht und auch so ausschaut: Strahlenkranz, Diadem, Christuskreuz und Bischofsornat, fast wie das Kitschbild eines Heiligen, wäre seine Tracht nicht so verstaubt und vergammelt und dazu heillos mit Insignien überladen.
Dort, wo Marginalisierte hausen
Gegen das Bild seiner Heiligkeit spricht zudem der eklatante Missbrauch des Weihrauchs. Nicht zur Ehre des Herrn schwenkt der merkwürdige Voodoo-Pope den Kessel, sondern zum Ausräuchern des Ungeziefers, das an Mauern und Wänden nistet. Dort, wo Marginalisierte hausen, lebt es sich nicht gut, es kann schmuddelig werden, unbequem und gefährlich, sei’s am physischen, geografischen, politischen oder sozialen Rand – oder eben am „Rand der eigenen Vorstellung: wo gehe ich noch mit und wo nicht mehr?“ Diese Frage stellt die 1986 geborene, aus Wien stammende Dramatikerin Kiki Miru Miroslava Svolikova in ihrem verrückten Bühnenessay und reicht sie ans Publikum weiter. Die Antwort: Nicht überall kann man mitgehen, weder bei der Lektüre des Stücks noch bei der Inszenierung im Nord, der Außen-Spielstätte des Stuttgarter Staatstheaters.
Manches leuchtet ein, manches nicht. Es schwirrt einem der Kopf, wenn man liest und sieht, was der Autorin alles zum Phänomen des „Rands“ einfällt, wie sie ihre mal schlichten, mal klugen Einsichten zur Peripherie surreal verknüpft und von Textinsel zu Textinsel hüpft. Assoziativ wuchert die Fantasie der Autorin dahin, ihr Personal reicht vom besagten Klerikal-Kammerjäger über Mickey Mouse und das von Ausrottung bedrohte letzte Einhorn bis hin zu arbeitslosen Soziologen, verlorenen Astronauten und einem liebeshungrigen Terroristen, der nicht weiß, wohin mit seiner Knarre und seiner Wut. Das Drama ist so durchgeknallt, dass man es für die Ausgeburt einer halluzinierenden KI halten könnte, die beim Thema Rand ihren – pardon – Rand nicht halten kann.
Aber es steckt doch ein kreativer Mensch hinter der Zentrifuge aus Themen, Theorien, Popkultur – und er verrät uns auch, was ihn in der Jugend geprägt hat: das Spiel mit Tetrissteinen. Ältere Semester würden sie in der Natur suchen, doch wer wie Svolikova mit Computern aufgewachsen ist, spart sich den Weg ins Freie: Das einzige Habitat der bunten Spielsteine ist der Rechner, wo wir mit ihnen daddeln und die Zeit totschlagen können. Unter der Regie von Magdalena Schönfeld kommen sie jetzt aber leibhaftig zum Orgasmus: In schwarzen Trikots, mit Reifrock und Halskrause reiben sich drei Spieler und Spielerinnen so ausdauernd lustvoll aneinander, dass sich ihre Körpergrenzen auflösen und sie, analog zum Computerspiel, eine nahtlose Gemeinschaft bilden. Die Kopulation der Steine führt zur Negation der Ränder, eine Utopie, die Svolikova mit der Dystopie konfrontiert, mit der Panik am Rand der Festung Europas, wo man nachts „taub wird vom Bellen der Hunde“, wie der „Unbeteiligte Beobachter“ festhält.
Die Schauspiel-Truppe ist famos
Im Nord sind es acht Studierende der Stuttgarter Schauspielschule, die sich in den Schleudergang wagen: Mika Pavle Kuruc, Philip Süs, Nico Voigtmann, Mara Suter, Annalisa Weyel, Lotte Henning, Leonie Wegner und Vittoria Mensah. Toll kostümiert von Clara Rosina Straßer, meistern sie den an Elfriede Jelinek geschulten Text. Jedes Wort, jede Redewendung kauen sie so lange durch, bis die in unserer Sprech- und Denkroutine verborgenen Grausamkeiten sichtbar für alle zutage liegen. Zugleich erkundet das Oktett mit juveniler Spielfreude die Ränder des zerklüfteten Svolikova-Trails – und sollten wir bei dem schrägen Trip nicht immer mitgehen wollen oder können, liegt das nicht an den famosen Spielleuten, sondern an dem verwirbelten, nicht immer ganz nachvollziehbaren Drama, das wie auf Koks ist. Wir indes sind es nicht: Das am Rand liegende Theater im Norden verlassen wir nicht ganz so berauscht.
Rand: Weitere Vorstellungen im Nord am 10., 12., 13., 14., 18. und 19. Februar.