Hatschi – viele Allergiker leiden bereits unter den Hasel- und Erlenpollen. Foto: dpa/Arno Burgi

Erlen- und Haselblüte sind in voller Ausprägung. Viele StuttgarterInnen leiden unter einer Pollenallergie. Desensibilisierung kann helfen.

Untertürkheim - Die Nase tropft, in den Augen juckt es, Niesanfälle nerven, man fühlt sich schlapp. Durch die frühlingshaften Wetterbedingungen hängen die „Kätzchen“ der Haselsträucher voller Pollen und auch die Erlenblüte erreicht bereits ihren Höhepunkt. Ein Windstoß genügt und Millionen von Pollen fliegen durch die Luft – zum Leidwesen vieler Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die auf den Blütenstaub besonders reagieren. Für sie beginnt jetzt eine fiese Leidenszeit. Kaum jemand kann sich den Pollen entziehen. Jeder atmet die kleinen Teilchen ein. Bei Menschen, die dagegen aber allergisch sind, ist aber etwas im Körper fehlgesteuert. Ihr Immunsystem reagiert überempfindlich auf die eigentlich harmlosen Stoffe – die sogenannten Allergene. Die Schleimhäute schwellen an, die Allergologen müssen niesen und schnupfen, in schweren Fällen bekommen sie auch Atemprobleme.

Wissenschaftler haben festgestellt, dass vor allem in den Städten die Zahl der Allergiker zunimmt. Etwa 50 Prozent der deutschen Bevölkerung haben eine erhöhte Allergiebereitschaft. Doch nur zirka die Hälfte dieser Betroffenen entwickelt allergische Symptome und wird dadurch zum Allergiker. Doch der Anteil der Allergiker nimmt nach Auskunft des Robert-Koch-Instituts zu.

Die Ursachen für eine Pollenallergie sind vielfältig. Es gibt zwar erbliche Vorbelastungen, Umweltmediziner gehen aber auch davon aus, dass die schadstoffbelastete Luft ihren Anteil am Anstieg hat. Schadstoffe wie Diesel-Abgaspartikel können sich an pflanzliche Pollen heften. Diese Mischung auf Blütenstaub gepaart mit Schadstoffen gelten in der Forschung als verstärkende Faktoren. Jeden kann es treffen, warnen die Mediziner.

Und wie kann man sich schützen? „Das wirksamste natürliche Mittel ist, den Kontakt mit Pollen zu vermeiden oder zu verringern“, sagt Thomas Bischof vom Gesundheitsamt der Stadt. Die Gesichtsmaske, die man momentan wegen der Corona-Infektionsgefahr trägt, ist eine Hilfe. „Zudem sollte man sich von Zugluft fernhalten und die Fenster geschlossen halten“, sagt Markus Klett, der Vorsitzende der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Da es im normalen Alltag aber schwer praktikabel sei, Pollen aus dem Weg zu gehen, könnten Medikamente gegen die Symptome eingesetzt werden, sagt der Cannstatter Allgemeinmediziner. Nasensprays, Augentropfen und Rachensprays können die Beschwerden zumindest lindern. „Bei Patienten, die noch stärker geplagt sind, werden Antihistaminika verabreicht und in schwereren Fällen können diese mit Cortison kombiniert werden“, sagt Klett. Aber damit würden nur die Symptome bekämpft. Die Ursachen für die Allergie bleiben.

Die einzige Behandlungsmethode, die ursächlich den Verlauf allergischer Erkrankungen positiv beeinflussen kann, ist die Spezifische Immuntherapie (SIT), auch Hypo- oder Desensibilisierung genannt. Ziel ist es dabei, das Immunsystem an die allergieauslösenden Stoffe zu gewöhnen und den Verlauf der allergischen Erkrankung zu beeinflussen. „In vielen Fällen reagieren die Patienten danach nicht mehr auf die Pollen“, sagt Klett.

Voraussetzung ist ein Test bei einem Hautarzt oder Allergologen. Der Fachmediziner versucht, die auslösenden Allergene zu ergründen. Ein paar Tropfen von unterschiedlichen Allergenlösungen auf die Haut der Innenseite des Arms bringen das Ergebnis: Mit dem so genannten Prick-Test ermittelt der Allergologe, auf welche Stoffe der Patient überempfindlich reagiert. Eine Rötung oder Anschwellung der Hautstelle verrät es ihm.

„Dann können wir mit der Desensibilisierung beginnen“, sagt Klett. Das Immunsystem wird dabei ein wenig überlistet. Während der Anfangsbehandlung spritzt der Arzt den Allergenextrakt unter die Haut. Danach steigert er von Woche zu Woche die Allergendosis. Der wiederholte, kontrollierte Kontakt mit einer allergieauslösenden Substanz soll dazu führen, dass der Körper seine Überempfindlichkeit gegen das Allergen langsam verliert – sich an den Fremdkörper gewöhnt. „Die Therapie beginnt man am besten im Spätsommer. Sie dauert zwischen einem Viertel- und einem halben Jahr“, sagt Klett. Vielleicht müsse man die Therapie nochmals wiederholen. Mittlerweile gebe es auch eine Variante mit Tabletten und Tropfen, die man schlucken muss. Bei entsprechender Indikation werden die Kosten der SIT von der Krankenkasse übernommen.

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