Quelle: Unbekannt

Der evangelische Pfarrer Wilhelm Kautter verlässt die Gemeinde Hedelfingen – nach 24 Jahren. In seiner Rente zieht er mit seiner Frau nach Leipzig.

HedelfingenSeit 24 Jahren ist Wilhelm Kautter Pfarrer in Hedelfingen. Im August geht er in den Ruhestand. Im Interview blickt er auf die Veränderungen im Pfarrerberuf und im Stadtbezirk zurück.

Herr Kautter, Sie kamen 1995 nach Hedelfingen. Erinnern Sie sich noch, wieso Sie sich für den Ort entschieden haben?
Wir haben damals mehrere Gemeinden angeschaut und uns bewusst für Hedelfingen entschieden. Die Neckarvororte sind bunter. Da pulsiert das Leben. Es war dörflich, aber doch eine Kommune mit städtischem Leben und durch den Hafen offen zur Welt. Wir fühlten uns schnell wohl.

Trug die Kirchengemeinde dazu bei?
Ja. Ich habe sie als lebendig empfunden. Die Gemeinde war in der Kinder- und Jugendarbeit sehr aktiv. Die Kirchenmusik entwickelte sich sehr positiv mit dem Zusammenschluss der Chöre aus Hedelfingen und Wangen. Rohracker kam fünf Jahre später dazu.

War der Anfang schwierig?
Aus vormals zwei Stellen wurden 1,5 Stellen. Meine Kollegin hatte eine halbe Stelle. In der gemeinsamen Investitur haben wir die Predigt aufgeteilt. Das war schön, denn Teamarbeit ist mir wichtig.

Was lag und liegt Ihnen zudem besonders am Herzen?
Was damals nicht so ausgeprägt war, war das Soziale. Deswegen suchte ich den Kontakt zum Emma-Reichle-Heim und zur Diakoniestation. Meine Frau ist ja Diakonin und im sozialen Bereich tätig. Wenig später hat sich eine Sitzwachengruppe gegründet. Es war auch die Zeit, an der wir den offenen Mittagstisch starteten. Wir haben beides ökumenisch organisiert, was mir am Herzen liegt. Der Freundeskreis Suchtkrankenhilfe kam vor 20 Jahren in die Kreuzkirche. In der Kirchenmusik wollte ich, dass der Zusammenschluss von Wangen, Hedelfingen und Rohracker/Frauenkopf gelingt. In vielen Sitzungen haben wir ein gutes Miteinander gefunden. Keiner sollte sich benachteiligt fühlen. Mit Manuela Nägele haben wir eine Musikexpertin und einfühlsame Leiterin, die die Balance zwischen den Stadtteilen hält. So haben wir über Ortsgrenzen hinaus Kontakte gepflegt. Dazu gehört der Freundeskreis Flüchtlinge Rohracker und das Weltlädle in Wangen.

Es gab ja weitere Gruppen, denen Sie die Kreuzkirche öffneten.
Sie meinen die ghanaische Gemeinde. Mit der niederländischen Gemeinde gibt es seit Jahrzehnten eine Zusammenarbeit. Seit einigen Jahren feiert die ghanaische Gemeinde bei uns ihren Gottesdienst und immer wieder feiern wir gemeinsam den deutsch-ghanaisch-niederländischen Gottesdienst. Eine schöne Tradition.

Wie hat sich der Stadtbezirk in den vergangen 24 Jahren verändert?
1995 gab es mehr Fachgeschäfte und Betriebe. Aber es kommen immer wieder Neue hinzu, die sich in der bürgerlichen Gemeinde engagieren. Der Stadtbezirk lebt, auch dank des Gewerbe- und Handelsvereins, mit dem wir ebenfalls zusammenarbeiten. Wir wollen uns als Kirchengemeinde einbringen. So können die Vereine ihre Konzerte in unseren Kirchen durchführen. Zudem hat sich die Kinder- und Jugendarbeit durch die Ganztagesbetreuung in der Kita und Schule verändert. Wir müssen im traditionellen Kindergruppenangebot und in der Kirchenmusik sehr kreativ sein, weil die Kinder und Eltern wenig freie Zeit haben.

Haben sich die Aufgaben der Pfarrer verändert?
Verwaltungsarbeit gab es schon immer. Aber es gibt heute mehr Regeln, Gesetze und Bestimmungen zu beachten und es kommen immer neue Vorschriften hinzu. Dadurch ist der Aufwand größer. Heute ist der Haushalt der Kirchengemeinde zudem stärker budgetiert. Wir müssen schauen, dass wir alles auf die Reihe bekommen.

Haben sich Gottesdienste und kirchlichen Anlässe geändert?
Durchaus. Trauungen, Taufen und manche Beerdigung sind individueller geworden. Brautpaare oder Hinterbliebene kommen mit persönlichen Wünschen, was ich schön finde. Statt eines Traugespräches wie früher sind heute aber oft mehrere und viele E-Mails notwendig. Der Pfarrer ist als Organisator gefragt. Zusätzlich zu traditionellen Gottesdiensten haben wir Team-Gottesdienste organisiert. Wir feiern thematische Gottesdienste, sieben Wochen ohne in der Fastenzeit, Spazierweg-Gottesdienste und wir bieten einmal im Monat einen Abendgottesdienst.

Was ändert sich nach ihrem Weggang?
1995 gehörten 2000 Mitglieder der Gemeinde an, heute sind es 1300. Im aktuellen Pfarrplan bleibt eine halbe Stelle übrig. Das Gleiche gilt für Rohracker/Frauenkopf, sodass meine Rohracker Kollegin Kleinmann die Hedelfinger Kirchengemeinde pfarramtlich betreuen wird. Die Gottesdienste werden ab August gemeinsam und im wöchentlichen Wechsel zwischen Hedelfingen und Rohracker/Frauenkopf gefeiert. Es wird einen größeren Umbruch geben.

Wie muss sich die evangelische Kirche für die Zukunft aufstellen?
Die Gemeinden werden sich stärker vernetzen müssen. Unser Chor ist ein gelungenes Beispiel dafür. Zudem werden wir Ehrenamtliche noch mehr einbinden, ohne sie allerdings zu überfordern.

Werden Sie die Kreuzkirche vermissen?
Natürlich. Mir war es ein Anliegen, die Bedeutung der Kreuzkirche stärker ins Bewusstsein zu rücken. Es ist ein architektonisches Schmuckstück. Die Kreuzkirche wurde während meiner Dienstzeit saniert, erhielt die rote Farbe. Ich bin froh, dass der Förderverein Alte Kirche gegründet wurde, 2018 die Kreuzkirche mitaufgenommen hat und tolle Arbeit leistet.

Wie geht es für Sie privat weiter?
Wir ziehen nach Leipzig, übrigens in die Nähe einer Bauhaus-Kirche, damit werden wir an die Kreuzkirche erinnert. Mein Sohn lebt mit Familie in Sachsen. In Leipzig ist kulturell viel geboten, worüber wir uns freuen. Voraussichtlich bringe ich mich in der dortigen Kirchengemeinde oder im bunten Stadtviertel Möckern ein.

Das Interview führte Mathias Kuhn

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