Emma Aicher bejubelt ihre Silbermedaille – es ist schon ihre zweite. Und es könnten weitere Plaketten hinzukommen. Foto: Michael Kappeler/dpa

In einem dramatischen Rennen hat Emma Aicher die erste Medaille für das deutsche Olympiateam geholt. Womöglich war Abfahrtssilber in Cortina für die 22-Jährige nur der Anfang.

Aus Emma Aicher anhand ihrer Gesten, ihrer Mimik und ihrer Worte schlau zu werden, ist nicht immer einfach. Ebenso wenig, daraus etwas über ihren Gefühlszustand herauszufinden. Die 22-Jährige ist keine Frau der großen Worte – und auch nicht der großen Emotionen. Aber an diesem Sonntagnachmittag bei den Winterspielen von Mailand und Cortina d’Ampezzo war alles anders.

Als im Zielraum des Tofane Alpine Skiing Centre die Medaillengewinnerinnen der olympischen Abfahrt Aufstellung nahmen, war auch Emma Aicher dabei. Und als sie dann als Zweitplatzierte das Podium betreten durfte, strahlte sie übers ganze Gesicht, reckte die rechte Hand nach oben und zeigte wenig später stolz ihre Medaille in die Kameras und in Richtung Publikum. „Ich bin“, sagte sie, „sehr, sehr zufrieden.“ Denn: „Es ist wunderschön, wenn man auf dem Podium stehen darf.“

Ehe sie diese Gewissheit hatte, dauerte es schier unendlich lange. Es war eine Phase, in der sich die sonst so coole Sportlerin, die für den SC Mahlstetten startet, selbst nicht wiedererkannt hatte. „Ich bin eigentlich nie nervös. Aber heute im Ziel war es brutal“, gab sie zu und fügte dann wieder gewohnt trocken hinzu: „Ich ging mir selber schon auf den Sack, weil ich so nervös war.“

Bevor die Nervosität eingesetzt hatte, war da auch ein Moment der Enttäuschung. Denn als die 22-jährige Emma Aicher mit Startnummer 10 das Ziel erreicht hatte, sah sie: Wäre sie nur vier Hundertstelsekunden schneller gewesen, wäre sie zumindest zeitgleich mit der neuen Olympiasiegerin gewesen. „Ich bin wild gefahren, bei jeder Welle hat es mich aufgerissen“, sagte sie und war später sicher, bei der Videoanalyse die vier Hundertstelsekunden zu finden. Zudem dachte sie im Moment der Zieleinfahrt, „dass sich das nicht ausgeht mit einer Medaille“.

Im Ziel war Emma Aicher zunächst enttäuscht. Foto: Michael Kappeler/dpa

Ihr Coach Andreas Puelacher wusste schnell, wo sein Schützling die Goldspur verlassen hatte: „Der Sprung oben ging zu weit, das waren die vier Hundertstelsekunden.“ So triumphierte die Abfahrtsweltmeisterin von 2025, Breezy Johnson aus den USA, in einem Rennen, dass immer dramatischer wurde.

Lindsey Vonn, die trotz Kreuzbandrisses um Gold kämpfen wollte, stürzte und musste mit dem Helikopter abtransportiert werden. Mutmaßlich hat sie sich erneut eine Knieverletzung zugezogen. Es entstand eine lange Pause, danach stand von den Topfavoritinnen noch Sofia Goggia oben. Die Lokalmatadorin legte keinen perfekten Start hin, holte dann aber auf – ehe sie doch hinter Aicher ins Ziel kam. Und für die 22-Jährige wurde immer klarer, dass sie eine Olympiamedaille sicher hat. Noch eine.

Zweite Silbermedaille für Emma Aicher

Vor vier Jahren in Peking holte sie schon einmal Silber – im Team-Event. Aicher war damals gerade einmal 18 Jahre alt, fuhr erst im zweiten Jahr für den Deutschen Skiverband (DSV). Weil sie in Schweden als Tochter einer schwedischen Mutter und eines Vaters aus Mahlstetten (beide waren als Zuschauer in Cortina) geboren wurde, war sie erst einmal für das Drei-Kronen-Team erfolgreich gewesen. Dann erfolgten der Umzug ans Ski-Internat nach Berchtesgaden und der Verbandswechsel.

Sie habe damals schauen wollen, wie der deutsche Verband arbeitet, sagte sie – und sei dann einfach geblieben. Weshalb nun der deutsche Alpin-Sportdirektor Andreas Ertl jubeln durfte: „Erster Wettkampf und gleich zugeschlagen – sensationell. Emma ist einfach ein Wettkampftyp.“ Puelacher bezeichnete sie gar als „coole Henne mit einem sehr, sehr schnellen Schwung“. Und Teamkollegin Kira Weidle-Winkelmann, die Neunte wurde, sagte: „Es war so cool, wie sie heute abgeliefert hat. Das ist schon die ganze Saison über sehr bemerkenswert.“

Die gebürtige Stuttgarterin war enttäuscht, hofft aber auf weitere zwei Rennen: die Team-Kombination und den Super-G. Noch mehr Chancen hat Emma Aicher, die in dieser Saison im Weltcup je einen Sieg in der Abfahrt und im Super-G gefeiert hat. Im Slalom stand sie zudem mehrfach auf dem Podium. „Ihre Stärke ist, dass sie alle vier Disziplinen fahren kann, sie hat noch einige Tage vor sich“, sagte Ertl.

Aicher aber will von weiteren Plaketten erst mal nichts wissen. „Ich fokussiere mich nicht auf die Medaillen, sondern auf mein Skifahren“, sagte sie – und schob auch den Gedanken an den nächsten Trainingstag erst einmal beiseite. „Jetzt“, sagte sie am Sonntagnachmittag in Cortina, „will ich erst einmal diesen Tag genießen.“ Und man konnte dabei tatsächlich sehen, wie glücklich sie ist.