Pfarrer Ralf Vogel Foto: Mathias Kuhn - Mathias Kuhn

Auftakt am Samstag mit Ingo Zamperoni

ObertürkheimIm Herbst feiert die Nachtschicht-Reihe Jubiläum: Vor 20 Jahren rief Pfarrer Ralf Vogel die besondere Gottesdienst-Staffel in der Obertürkheimer Andreaskirche ins Leben. Mittlerweile hat das Nachtschichtteam Tausende Besucher und prominente Talkgäste an unterschiedlichen Orten begeistert. In der diesjährigen Staffel geht es ums Leben und Zusammenleben in der Stadt. Zum Auftakt sind am Samstag, 11. Januar, ARD-Moderator Ingo Zamperoni und die Daimler Bigband zu Gast im Hospitalhof.

Herr Vogel, die Nachtschichtreihe feiert im Herbst 20-jähriges Bestehen. Welches Thema steht im Jubiläumsjahr im Mittelpunkt?
Das Zusammenleben in der Stadt. Die ganze Nachtschichtreihe steht unter dem Motto „In the City“. In den einzelnen Themenabenden geht es um Kunst und Kultur, um die Anziehungskraft von Metropolen, um Architektur, ums Kennenlernen der Nachbarn und um Integration. Die wahrscheinlich politischste Nachtschicht wird sich zum Jubiläum im Herbst unter dem Motto „Smart City“ um Verkehr und Mobilität in der Stadt drehen.

Den Auftakt macht am Samstag, 11. Januar, um 19 Uhr im Hospitalhof aber ARD-Moderator Ingo Zamperoni zum Thema „Work and Travel“. Was versteckt sich hinter dem Titel?
Der Titel hat uns gefallen, weil junge Menschen gerne arbeiten und reisen. Ingo Zamperoni lebte lange in den USA, wohnt jetzt aber in Hamburg. Er kennt die magische Anziehungskraft der Metropolen, hat aber auch die Schattenseiten der US- Großstädte erlebt und ein Buch darüber geschrieben. Er hat viel in der Welt gesehen und die US-amerikanische Realität erlebt. Es wäre schade, wenn wir diesen Schatz nicht nutzen würden. Sein Buch versucht zu erklären, weshalb Menschen solch einen Präsidenten wählen. Dies erklärt sich auch aus deren trostlosen Lebenssituation. Aber wir wollen auch herausfinden, wie er Hamburg genießt und welche Visionen er von der Stadt der Zukunft hat. Gleichzeitig will ich mit ihm über Themen wie Digitalisierung in der Stadt reden. Nur wenige begreifen, was dies für unser Zusammenleben bedeutet.

Ein toller Auftakt. Wie geht’s weiter?

Am 9. Februar sind wir wieder in der Leonhardskirche, der Vesperkirche, zu Gast. Dabei geht es um Kultur in der Stadt. Fola Dada, Yasemin und Thomas Lupo, der mit Arthelps eine Initiative von Kreativen und Künstlern gründete, die sozial Benachteiligten mit Kunst hilft, sind zu Gast. Ums Zusammenleben in Stuttgart geht es dann am 29. März in der Johanneskirche. Unter dem Motto Patch and Work werden Nachbarschaftsinitiativen eingeladen, die das Zusammenleben vor Ort positiv gestalten. Dazu stellen wir zum Beispiel eine Heidelberger Initiative vor, in der sich Muslime auf tolle Weise in unsere Gesellschaft einbringen.“

Dazwischen kümmert sich die Nachtschicht auch um Stadtplanung.

Genau. Am 8. März kommt Star-Architekt Arno Lederer in die Andreaskirche. Von ihm wollen wir erfahren, wie wir lebenswerten Wohnraum schaffen, mit welchen Visionen wir der Wohnungsnot begegnen und die Stadt der Zukunft gestalten.

Sind weitere Termine in Obertürkheim geplant?

Ja, am 17. Mai, sofern wir nicht auf eine größere Kirche ausweichen müssen, weil mit Hugo Egon Balder und Jochen Busse zwei Zugpferde zu Gast sein werden. Die prominenten Unterhaltungskünstler erzählen über den Spaß am persönlichen und gesellschaftlichen Zusammenspiel.

Damit kehrt die Nachtschicht zu den Ursprüngen in die Andreaskirche zurück. Liegt dies auch an ihrem Andreaskirchenteam, das die Nachtschicht mitträgt?

Natürlich. Hier sind unsere Wurzeln. Das Ensemble besteht aus 40 Leuten, von denen nicht jeder an jedem Termin mitmachen kann. Einige sind seit fast 20 Jahren dabei. Es ist eine stufenlose Spanne von jungen Frauen und Männern von meinen ersten bis zu den frisch Konfirmierten. Dass es gelingt, diese Menschen dafür zu begeistern, ist der größte Erfolg der Nachtschicht. Auch deswegen ist die Anbindung an Obertürkheim wichtig. Aber manchmal brauchen wir einen größeren Saal. Wir wollen keine Besucher wegen Überfüllung heimschicken.

Gehört es mittlerweile auch zum Konzept, an andere Orte zu gehen?

Schon. Es ist schön und wir wollen Kirche erlebbar machen. Wir waren im Daimler-Werk, hatten eine tolle Nachtschicht im Katharinenhospital, waren im Stuttgarter Rathaus, das Theaterhaus gewährte uns Gastfreundschaft und wir sind auf dem Kirchentag vertreten. Dort haben 2018 Frank Plasberg und Esther Schweins mitgewirkt.

Sind auch die Nachtschichtbesucher mitgewachsen?

Ja. Aber es ist auch notwendig, dass wir neue Besucher gewinnen. Wir haben viele treue Nachtschicht-Besucher, die seit Jahrzehnten zu den Gottesdiensten strömen. Aber wir versuchen, uns auch mit anderen Gruppen wie den Nachbarschaftsinitiativen zu verknüpfen. Sie nehmen uns dann als die Kirche wahr, die in der Stadt etwas bewegt. Dadurch können wir das Besucherniveau halten oder ausbauen. Aber es ist wunderschön, immer wieder Gesichter zu sehen, die wir seit vielen Jahren kennen. Die wiederum genießen das Team, wenn sie sehen, wie die einst 14-Jährige sich entwickelt hat und nun selbst junge Mutter ist. Das ist einmalig. Von den Konfirmanden 2019 macht die Hälfte bei der Nachtschicht 2020 mit.

Das Interview führte Mathias Kuhn.

Illustre Gäste in der Nachtschicht

Im Herbst 2000 startete Ralf Vogel, damals mit seiner Frau Cornelia Krause, ein Experiment: die erste Nachtschicht. Am Sonntagabend zur Tatortzeit mit Gesprächen statt Predigt, mit Schlagzeug oder Gitarre statt Orgel, mit Beiträgen vom Nachtschichtensemble, aber auch mit Gesang, gemeinsamen Gebet und dem Segen. Ein Gottesdienst der besonderen Art. Die Nachtschicht-Reihe war geboren. Er lockte viele illustre Gäste in die Obertürkheimer Andreaskirche oder an andere Spielstätten, die die Nachtschicht in den vergangenen 20 Jahren eroberte.

Unter den Prominenten waren lokale Größen wie Fußballstar Marcello Bordon, Wieland Backes, Walter Sittler und Sternekoch Vincent Klink . Wenige Wochen vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten talkte Joachim Gauck mit Vogel, Eckhart von Hirschhausen und Sarah Wiener füllten Säle. Frank Plasberg, Esther Schweins, Sven Plöger und Dunja Hayali standen Rede und Antwort. Doch oftmals begeisterten Persönlichkeiten wie der Soziologe Hartmut Rosa, Meditationstrainer Peter Wild, Neurobiologe Gerald Hüther, Maren Krebs als Mutter eines Downsyndrom-Kindes, die Wolfsforscherin Gudrun Pflüger oder eine Nonne sowie Künstler, die die Gottesdienste musikalisch begleiteten, mehr als „Promis“. mk

Das Nachtschichtprogramm ist unter www.nachtschicht-online.de zu finden.

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