Für Benjamin Gökeler ist die Streuobstwiese ein Ort der Entspannung. Foto: tki

Die Putenhaltung auf der Streuobstwiese ist nicht nur artgerecht, sondern ermöglicht auch den Erhalt der wertvollen Kulturlandschaft.

Streuobstwiesen prägen das Bild der Landschaft am Albtrauf, so auch im Lenninger Tal. Die Obstbäume bieten neben ihren Früchten auch wichtigen Lebensraum für heimische Tiere und Pflanzen. Doch in Oberlenningen gibt es eine Wiese mit besonderen Bewohnern. Etwa 200 Puten picken hier an den herabgefallenen Birnen und Äpfeln. Diese Kombination von Streuobstwiese und Tierhaltung ist für Benjamin Gökeler seit Jahren ein Erfolgsmodell.

„Das Praktische war schon immer ein Ausgleich für mich“, erklärt der 40-Jährige, der als Lehrer am Agrarwissenschaftlichen Gymnasium an der Fritz-Ruoff-Schule in Nürtingen tätig ist. „Ich war von jeher gern draußen“, fügt er hinzu. Ausgehend von ein paar Wiesen, die seinen Eltern gehörten, startete er mit der Direktvermarktung von eigenem Apfelsaft, Kartoffeln und Kürbissen. Über die Jahre kamen immer mehr Wiesen dazu, doch ein Thema begleitete den 40-Jährigen dabei auf Schritt und Tritt. „Ich habe etwas gesucht, das die häufig unrentablen Streuobstwiesen aufwertet“, erklärt Gökeler.

Große pflanzliche und tierische Artenvielfalt

Der Erhalt der Streuobstwiesen sei ihm ein wichtiges Anliegen, da die Kulturlandschaft eine große Artenvielfalt, pflanzlich sowie tierisch, schaffe. Auch die Sortenvielfalt begeistert Gökeler. „Wir haben hier hunderte verschiedene Sorten. Jeder Apfel schmeckt anders und unterscheidet sich komplett von den fünf Sorten, die man im Supermarkt kaufen kann“, erklärt er. Ihm sei es deshalb wichtig gewesen, eine Nutzung zu finden, die den Wert der Streuobstwiese noch immer anerkennt, sagt Gökeler. „Rinderhaltung beispielsweise ist eher eine Art Endnutzung, da wird das Streuobst immer weniger wichtig, bis irgendwann alle Bäume weg sind“, fügt er hinzu.

So kam er dann zu den Puten. Da Streuobstwiesen dem natürlichen Lebensraum der Vögel in Nord- und Mittelamerika sehr ähnlich seien, habe er sich schließlich für die Tiere entschieden, erklärt Gökeler. „Da kam eigentlich nur Gegenwind“, sagt er. Die Tiere, die in Deutschland meist in Ställen mit tausenden Tieren gehalten werden, seien zu anfällig für die Haltung unter freiem Himmel. „Das habe ich dann als Ansporn genommen“, sagt Gökeler. Vor fünf Jahren fing er mit den ersten Tieren an.

Ökologische Landwirtschaft und Bio-Zertifizierung

Das Fazit fällt bislang sehr positiv aus. Bei der Haltung setzt Gökeler auf ökologische Landwirtschaft und Bio-Zertifizierung. Das heißt, die Tiere bekommen keine Antibiotika und keine Hormone. Doch durch das Außenklima seien die Tiere robuster, erklärt Gökeler. „Die Tiergesundheit ist top“, sagt er. Den kleinen Stall auf der Wiese können sie jederzeit verlassen. Durch den Auslauf gebe es zudem viele äußere Reize und Beschäftigung für die Tiere. „Sie können auch ihrem arttypischen Verhalten nachgehen, wie im Dreck unter den Bäumen zu baden“, erklärt Gökeler. All dies führe dazu, dass viele der Probleme der konventionellen Haltung, wie etwa das Federpicken, gar nicht erst auftreten würden, fügt er hinzu.

„All diese Faktoren sind der Grund dafür, dass das Fleisch eine andere Festigkeit und Marmorierung, ja, einfach Qualität hat“, erklärt Gökeler. Das sei auch sein Anspruch an sich und das Produkt. „Es ist einfach etwas G’scheits“, sagt er. Durch die Haltung sei es ihm gelungen, eine weitere Einkommensquelle von den Streuobstwiesen zu erhalten, die wiederum die Pflege und den Erhalt der Streuobstwiesen mittrage.

Sowohl die Haltung als auch das Produkt schätzen

Nach etwa 15 bis 20 Wochen auf der Wiese kommen die Puten zum Schlachtbetrieb. „Es geht mir auch darum, das Tier wertgeschätzt zu vermarkten“, sagt Gökeler. „Es geht darum, Kunden zu finden, die sowohl die Haltung als auch das Produkt schätzen“, erklärt er. Dabei spiele das Konzept „nose to tail“, die Verwertung des ganzen Tieres, für ihn eine wichtige Rolle. „Das funktioniert recht gut“, sagt er.

Vor allem im Sommer und Herbst, wenn neben der Tierhaltung auch die Ernte der Äpfel, Kartoffeln und Kürbisse anstehen, sei es teilweise auch anstrengend. „Meine Frau sagt immer, dass ich in den Schulferien teils weniger zuhause bin als während der Schulzeit“, sagt Gökeler. Die Arbeitstage würden gerade in der Erntezeit früh anfangen und spät aufhören. Tatkräftige Unterstützung finde er bei seinen Kindern, seiner Frau und seinen Eltern, erklärt Gökeler.

Bei all dem Aufwand, den ihm sein Nebengewerbe bringt, sei diese besondere Streuobstwiese für ihn trotzdem ein Ort der Entspannung, an dem er einfach mal den Kopf ausschalten und den Puten zugucken könne. „Es ist ein Paradies für mich, das es zu erhalten gilt“, sagt Gökeler.

Mehr Info

Biohaltung
Nur etwa zwei Prozent der in Deutschland lebenden Puten leben in Bio-zertifizierter Haltung. Für die Tiere sind ganzjährig mindestens zehn Quadratmeter Grünauslauf vorgeschrieben, um den Puten das Ausleben ihres Erkundungsverhaltens zu ermöglichen. Außerdem ist die Herdengröße auf 2500 Tiere beschränkt.

Abnehmer
Zu Benjamin Gökelers Kunden gehören vor allem Privatkunden, aber auch einige Gastronomen, beispielsweise in Köngen oder in Dettingen/Teck. Einzig in der Sterneküche sei es schwierig für ihn, Abnehmer zu finden, da hier meist nur gezielt Teile des Tieres benötigt werden. „Das hat mich überrascht“, sagt Gökeler.

Streuobstland
Über 70 Prozent der Streuobstwiesen in Deutschland befinden sich in Baden-Württemberg. Im Vorland der Schwäbischen Alb befindet sich sogar das größte zusammenhängende Streuobstwiesengebiet Europas. Über 5000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten leben auf Streuobstwiesen.