Das in die Jahre gekommene Gebäude zwischen Kesselstraße und B 10 wird für rund 26 Millionen Euro von den Stadtwerken umgebaut. Foto: Stadtwerke Stuttgart/Magdalena Schneider

Die Stadtwerke Stuttgart werden im Sommer 2023 ihren Firmensitz in die Kesselstraße in Wangen verlegen. Das umgebaute Trost-Gebäude wird ein Vorzeigeobjekt der Nachhaltigkeit.

Auf dem ehemaligen Firmengelände der Firma Trost in der Kesselstraße 23 wird gearbeitet. Hier entsteht „ein neues Zuhause für die Energiewende“ verkündet ein Plakat. Die Stadtwerke Stuttgart (SWS) bauen das in die Jahre gekommene Gebäude zum neuen Stammsitz um. „Unter den Rahmenbedingungen auf dem Arbeits- und dem Materialmarkt kommen wir gut voran. Wir wollten zu Beginn des Jahres 2023 umziehen. Jetzt wird es Sommer 2023 werden“, sagt Peter Drausnigg, der technische Geschäftsführer der SWS. Insgesamt rund 500 Stadtwerke- und Stuttgart-Netze-Beschäftigte werden in Wangen unterkommen. Mitarbeitende sämtlicher technischer und kaufmännischer Bereiche sowie jene des Kundencenters werden erstmals unter einem Dach vereint sein. „Um schnell reagieren zu können, werden wir vier weitere dezentrale Betriebsstandorte im Stadtgebiet aufrechterhalten, für 60 Mitarbeitende“, sagt Drausnigg.

Zeichen der Nachhaltigkeit

Mit dem Umbau wollen die Stadtwerke ein Zeichen in Sachen Nachhaltigkeit setzen, ein Vorbild für die Energiewende sein. „Dass wir in ein Bestandsgebäude ziehen, macht viel aus: Wir sparen sehr viel CO2, da wir nicht neu bauen müssen.“ Der Fokus der SWS-Gruppe liegt nun darin, im Bestand ein ganzheitliches Nachhaltigkeitskonzept umzusetzen – eine Herausforderung, vor der nun die meisten Unternehmen stehen. Es setzt sich aus fünf Bausteinen zusammen: einem zukunftsweisenden Energiekonzept, Nachhaltigkeit beim Bau und Betrieb, innovative Mobilitätsangebote und moderne Arbeitskultur. Zudem wird das Kundenzentrum neue Maßstäbe setzen.

Wärme aus Abwasser gewinnen

„Wir werden Nachhaltigkeit vorleben“, nennt Drausnigg das Hauptziel. So wird in den Toiletten auf Warmwasser verzichtet, ein ausgeklügeltes Lichtkonzept mit Bewegungsmeldern eingebaut, Büromöbel aus recycelten Materialien werden gekauft und die Lastenaufzüge geben Energie ab, wenn sie nach unten fahren. „Es sind kleine Maßnahmen, die helfen Kilowattstunden zu sparen oder Energie intelligent zu nutzen.“ Rund 80 Prozent der Wärme werden aus dem Abwasser gewonnen – mittels einer Wärmepumpe. Diese wird mit lokal erzeugtem Solarstrom betrieben. Für die fehlenden 20 Prozent werden weitere regenerative Optionen geprüft. Das begrünte Dach und die Fassade des künftigen Mobilitäts-Hubs werden mit Fotovoltaik bestückt. Zudem wird getestet, ob an der Fassade Folienmodule angebracht werden können, auch kleine Windräder sind eine Option. Die zukunftsweisende Energienutzung verbinden die Stadtwerke mit ihrem Auftrag, den Stuttgartern die Energiewende schmackhaft zu machen. „Wir machen unser neues Zuhause zum Showroom unseres Knowhows“, sagt Drausnigg.

Energiewende zum Anfassen

Im neuen Kundencenter im Erdgeschoss soll jeder sehen, was machbar ist. Der rund 300 Quadratmeter große Vielzweck-Raum im speziell dafür konzipierten Store-Flair ersetzt das Kundencenter im Tagblattturm. Geschäfts- und Privatkunden, Vereine, Verbände und Schulklassen sollen die gesamte Palette der Energiewende zum Anfassen und Ausprobieren hautnah erleben. „Wir werden beispielsweise alle Energieströme vom Keller bis aufs Dach in Echtzeit sichtbar machen oder durch dreidimensionale Darstellungsmöglichkeiten das Prinzip der Wärmegewinnung durch Abwasser veranschaulichen.“ Es können individuelle Fotovoltaiklösungen für Hausbesitzer geplant, Kunden beraten, aber auch Veranstaltungen gefeiert werden.

Innovatives Mobilitätskonzept

Mit ihrem Mobilitätskonzept liefern die Stadtwerke auch Ideen für andere Nutzer: Auf der freien Fläche an der B 10 wächst das 7500 Quadratmeter große Mobilitätshub aus dem Boden. Das innovative Parkhaus ist nicht nur für Autos vorgesehen. Ladesäulen, E-Roller, 100 Fahrrad-Stellplätze inklusive Lademöglichkeiten sowie Sharing-Möglichkeiten sollen den Beschäftigten den Umstieg auf alternative Verkehrsmittel erleichtern. „Es ist uns wichtig, Anreize für eine nachhaltige Mobilität zu setzen. Das Jobticket gibt es bereits.“ An der Umspannstation am Karl-Benz-Platz stehen E-Bikes, E-Scooter und E-Roller für die letzte Meile von Untertürkheim an die Kesselstraße bereit. Zudem gehöre das Homeoffice zur Arbeitswelt der Zukunft, insofern werden nicht alle Mitarbeiter zur selben Zeit in der Kesselstraße arbeiten.

Wer jedoch in die neue Firmenzentrale kommt, soll sich wohlfühlen. „In den Räumen wollen wir eine offene Arbeitskultur schaffen“, beschreibt Drausnigg die Anstrengung, mit der die Architekten aus den langen Gängen mit den abzweigenden Büros moderne, freundliche Arbeitsinseln schaffen wollen. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und demonstrieren, was man aus einem Altbestand entwickeln kann.“

26 Millionen Euro investiert

Die Stadtwerke haben rund 26 Millionen Euro in den Umbau investiert. Mit dem Eigentümer wurde ein Mietvertrag über 20 Jahre, mit der Option auf 30 Jahre zu verlängern, abgeschlossen. Auch ein Vorkaufsrecht besteht. „Wir wollen langfristig in der Kesselstraße bleiben und uns integrieren“, sagt Drausnigg.