Wenn Hund oder Katze krank werden, hilft häufig nur der Gang zum Tierarzt. Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/Karen Focht

Ob Unfall oder Magendrehung: an wen sollen sich Tierhalter mit ihren geliebten Vierbeinern an Wochenenden wenden? 18 Tierarztpraxen haben sich im Kreis zu einem Notdienstverbund zusammengetan – denn das System Notversorgung ist am Limit.

Wenn es Hund oder Katze am Wochenende plötzlich schlecht geht, ist mitunter schnelle Hilfe gefragt. Eine weite Autofahrt in die nächste Tierklinik ist nicht nur mit zusätzlichem Stress für das Tier verbunden – bei so manchem echten Notfall überlebt das Tier die lange Fahrt eventuell gar nicht.

Im März haben sich im Landkreis Böblingen deshalb einige niedergelassene Tierärzte zu einem Kreisnotdienstverbund zusammengeschlossen, um eine Notversorgung gewährleisten zu können. „Wir sind 18 Tierarztpraxen und bewerkstelligen so die tierärztliche Notversorgung am Wochenende und an den Feiertagen“, erklärt Lena Schwab, Tierärztin und Praxisinhaberin aus Holzgerlingen. Jede beteiligte Praxis übernehme dabei über das Jahr verteilt verschiedene Notdienste. Ob Ehningen, Leonberg oder Waldenbuch – die teilnehmenden Tierärzte praktizieren in ganz verschiedenen Orten.

Es gibt auch immer weniger Tierkliniken

Denn fest steht: um das System der tierärztlichen Notversorgung steht es nicht gut. Die aktuellste Tierärztestatistik von 2021 zeigt auf: In Deutschland nimmt die Zahl der Tierkliniken, die 24-Stunden erreichbar sein müssen, stetig ab. Waren es im Jahr 2016 noch 146 Kleintierkliniken, so ist die Zahl im Jahr 2021 auf 80 geschrumpft. In Baden-Württemberg gibt es (Stand 2021) noch zwölf tierärztliche Kliniken.

Lena Schwab hat sich mit 27 Jahren in die Selbstständigkeit gewagt. /privat

Und auch die Zahl der niedergelassenen Tierärzte sinkt, berichtet Heidi Kübler, Präsidentin der Landestierärztekammer Baden-Württemberg. Zudem nehme die Bereitschaft zum Notdienst bei den Kollegen immer mehr ab, unter anderem, da sich im Notdienst in den letzten Jahren unerfreuliche Vorfälle mit Tierhaltern häuften, sagt sie. In Einzelfällen sei es sogar schon dazu gekommen, dass Tierärzte massiv körperlich bedroht worden seien.

Viele Tierärzte finden keinen Nachfolger

Dabei gilt, dass Tierärzte durch die Berufsordnung zum Notdienst eigentlich verpflichtet sind. „Leider haben wir einen starken Nachwuchsmangel, viele Praxen werden nicht mehr übernommen“, erklärt Lena Schwab, die bereits mit 27 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und die Praxis ihres Vorgängers übernommen hat, die Dramatik der Lage.

Auch tierärztliche Mitarbeiter zu finden, sei sehr schwierig geworden. Seit Monaten sucht die 34-jährige Mutter zweier Kleinkinder für ihre Praxis Nachwuchskräfte – bislang jedoch ohne Erfolg. Die Aussicht auf die zusätzlichen Notdienste steigere die Attraktivität des Jobs nicht gerade. „Die starke körperliche und vor allem auch psychische Belastung in unserem – eigentlich wunderbaren – Job, schreckt ebenfalls viele ab“, bilanziert Schwab. Die Work-Life-Balance sei dem tierärztlichen Nachwuchs nämlich sehr wichtig. „Der tierärztliche Beruf ist halt doch kein ,9 to 5 Job’.“ Manchmal werde es am Abend einfach später, was für das familiäre Umfeld auf Dauer natürlich belastend sein könne. Doch einen blutenden Hund schicke man kurz vor dem Ende der Sprechstunde nicht einfach nach Hause.

Ohne familiäre Unterstützung wäre dies jedoch oft nicht ohne Weiteres möglich. „Ohne meine Eltern wären wir total aufgeschmissen. Sie springen immer ein, wenn es klemmt, wenn ein Kind krank ist, ein Kollege ausfällt oder ich selbst länger arbeiten muss. Da muss die ganze Familie zusammen halten, sonst geht es nicht“, erklärt die 34-Jährige, deren Mann auch beruflich stark eingespannt ist. All diese Faktoren machen es Berufsanfängern schwer. „In meinem Alter gibt es kaum Kollegen, die eine eigene Praxis übernehmen wollen. Und damit wird natürlich auch die Notdienstversorgung immer schwieriger“, erklärt Schwab.

Ein Notdienstring bringt Vorteile mit sich

Die Tierärztin ist deshalb froh, dass es die großen Tierkliniken in Stuttgart-Plieningen oder Ludwigsburg-Oßweil gibt, die viele der Notfälle abfangen. Und nun eben den neuen Notdienstverbund. „Durch den Zusammenschluss im Notdienstring ist es für uns etwas besser geworden, da pro Jahr etwas weniger Dienste pro Praxis anfallen“, sagt sie. „Die Praxen hier im Kreis haben aber oft nur einen oder wenige Tierärzte. Nicht selten heißt es dann, dass sie zwölf Tage am Stück durcharbeiten müssen, ohne einen freien Tag. Gerade die Praxisinhaber sind da natürlich am stärksten betroffen, weil Arbeitszeitschutz gibt es hier praktisch nicht.“

Welcher Tierarzt des Verbunds gerade Notdienst hat, erfahren Tierhalter auf einer neuen Webseite: www.kleintiernotdienst-bb.de .

Schnelle Hilfe für Hund, Katze und Co.

Notfall
Im Notfalldienst werden tierische Patienten nach einem Unfall, mit lebensbedrohlichen Erkrankungen oder starken Schmerzen behandelt. Routinebehandlungen, Impfungen oder Behandlungen von Erkrankungen, die bereits länger bestehen und nicht lebensgefährlich sind, sind keine Notfälle und gehören nicht in den Notfalldienst.

Tierärzte
Samstags und sonntags sowie an Feiertagen jeweils von 8 Uhr bis 20 Uhr bieten niedergelassenen Tierärzte im Landkreis Böblingen eine tierärztliche Notversorgung an. Unter www.kleintiernotdienst-bb.de ist ersichtlich, wer gerade Dienst hat.

Kliniken
In der Nacht zwischen 20 Uhr und 8 Uhr sind die Tierkliniken AniCura Tierklinik Stuttgart Plieningen, Hermann-Fein-Straße 15, und die Kleintierklinik in Ludwigsburg-Oßweil , Karl-Heinrich-Käferle-Straße 2, durchgängig für Notfälle verfügbar. va