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Der Männerchor des Turn- und Gesangverein (TGV) Rotenberg tritt nicht mehr auf. Die Tradition des Singens wird dennoch fortgeführt – allerdings unter neuer Ausrichtung: als gemischtes Pop- und Jazzensemble.

Rotenberg Soll das „G“ aus dem Vereinsnamen verschwinden? Diese Frage haben sich die Verantwortlichen des Turn- und Gesangvereins (TGV) Rotenberg Anfang vergangenen Jahres ernsthaft stellen müssen. Denn der traditionsreiche Männerchor, der 1848 gegründet wurde und in seinen besten Zeiten immerhin mal 40 Sänger zählte, ist allen Werbeaktionen zum Trotz auf ein Minimum zusammengeschrumpft und zudem überaltert. Von 18 Mitgliedern, berichtet Abteilungsleiter Uli Krämer, seien sieben über 80 Jahre alt, vier über 70 Jahre und nur vier jünger als 60 Jahre. „Auftritte waren einfach nicht mehr möglich.“

Krämer, einer der jüngeren Sänger, stemmte sich gegen das drohende Aus. Zusammen mit anderen Chormitgliedern suchte er nach einer Lösung – schließlich wollte man zumindest die für die Gemeinde wichtigen Auftritte beim Käskippergottesdienst, der Weihnachtsfeier des Vereins und an Heilig Abend in der Rotenberger Kirche weiterhin bestreiten können. „Es gab Überlegungen, mit anderen Chören zu kooperieren oder Projekte zu generieren, bei denen uns zusätzliche Sänger unterstützen.“ Letztendlich habe man sich dafür entscheiden, eigenständig weiterzumachen – allerdings mit neuer Ausrichtung. „Mit Volksliedersingen erreicht man heute niemanden mehr“, meint Krämer. Poppiger und jazziger sollte das Repertoire werden und der Chor nicht mehr allein aus Männern bestehen.

Also startete Krämer beim Käskipperfest im Juni vergangenen Jahres einen Aufruf, lud Männer, Frauen und Jugendliche zum offenen Mitsingen ein. „Der Zuspruch war unerwartet groß“, erzählt er voller Stolz. 18 Interessenten sind nach den Sommerferien zur ersten Probe in die Turn- und Festhalle gekommen – und geblieben. „Von absoluten Anfängern bis hin zum erfahrenen Chorsängern ist alles dabei“, berichtet Krämer. Was noch fehlte, war eine Chorleitung. Durch einen „glücklichen Umstand“ kamen die Rotenberger mit Dorota Welz in Kontakt. Die diplomierte Konzertpianistin und Musikpädagogin war sofort angetan: „Etwas völlig Neues aufzubauen hat mich gereizt“, sagt die Stuttgarterin, die noch einen weiteren Chor und ein Frauenensemble in Esslingen leitet.

Aus dem „Sing mit“-Projekt entstand Anfang des Jahres der neue TGV-Chor „Gemischter Satz“. „Derzeit sind 34 Sängerinnen und Sänger dabei, von denen einige als Theaterspieler oder wegen anderer Aktivitäten pausieren“, berichtet Krämer. Der „harte Kern“ seien etwa 20 Singbegeisterte, die seither bei den alle 14 Tage stattfindenden Proben mit großer Begeisterung neue Lieder wie „Hallelujah“, „Killing Me softly“, Good night sweet heart“ und „Fly me to the moon“ einstudieren. „Diese Stücke werden wir bei unserem ersten großen Auftritt zum Besten geben“, verrät der Chorbetreuer. Am kommenden Sonntag ist es soweit.

Die Anspannung ist den Sängerinnen und Sängern so kurz vor dem Konzert nicht anzumerken. Die Stimmung an diesem Probenabend ist gelöst, obwohl intensiv gearbeitet wird – Dorota Welz fordert ihren Chor stimmlich: Tonleitern werden hoch und runter gesungen, Intonation, Rhythmik und Aussprache geübt. „Anfänglich war das eine Umstellung“, räumt Krämer ein. „Aber es gefällt uns.“ Selbst die ungewöhnlichen Lockerungsübungen kommen mittlerweile gut an: „Hinter eines Baumes Rinde ruft die Made nach dem Kinde“, gibt die Chorleiterin vor – und hat dabei einen Finger zwischen den Zähnen. Der Chor spricht nach – so deutlich es eben geht. Das Gleiche noch einmal, diesmal mit herausgestreckter Zunge. Und dann noch einmal ganz normal. „Klingt doch gleich viel besser“, stellt Welz zufrieden fest. Dann wird gesungen – eine Mischung aus traditionellen und modernen Stücken in verschiedenen Stilrichtungen, die teils deutsch-, teils englischsprachig sind. „Es ist das, was ich selber gerne mag“, sagt Welz. Vom Potenzial des „Gemischen Satzes“ ist die Chorleiterin überzeugt. „Wir können fünf-, und sogar siebenstimmig singen.“

Die Frage, ob das „G“ aus dem Vereinsnamen verschwinden soll, stellt sich den Rotenbergern inzwischen nicht mehr. Das „G“, sind Krämer und seine Mitstreiter überzeugt, hat eine Zukunft. „Die Entscheidung für die neue Form war richtig.“ Der kleine Männerchor treffe sich übrigens auch weiterhin zum Singen und zum gemütlichen Beisammensein.

Karten für das Jazz- und Popkonzert des „Gemischten Satz“ am Sonntag, 29. September, um 18 Uhr in der Turn- und Festhalle des TGV Rotenberg, Im Graben 6, gibt es in den Keltern des Collegium Wirtemberg in Rotenberg und Uhlbach. Der Eintritt kostet zehn Euro.

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