Einen Überblick über die neuen Weihnachtsfilme und -serien bei Netflix und Co. finden Sie in unserer Bildergalerie Foto: Netflix, Disney+

Früher war mehr Lametta? Von wegen! Die Kinos sind zwar geschlossen, der Streamingdienst Netflix produziert aber Weihnachtsfilme am Fließband. Doch lohnen sich all die festlich geschmückten Märchen, Romanzen und Komödien wirklich?

Stuttgart - In den alten Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, war Weihnachten ein turbulentes Riesenspektakel. Nicht nur, weil einem da keine Pandemie das Fest vermieste und zur Rechenaufgabe machte (Darf Onkel Herbert noch kommen und verstoßen wir dann bereits gegen die Corona-Regeln?). Nein, einst durfte in Weihnachtsfilmen Bruce Willis noch in Hochhäusern barfuß durch Scherben robben, ein frecher Junge zu Hause Einbrecher übertölpeln, damals wurden aus nachts gefütterten Knuddeltieren noch Monster und verschränkten sich am Flughafen von Heathrow spektakulär Schicksale miteinander.

Disney hat keine Chance gegen den Netflix-Weihnachts-Overkill

Zwar beschert der kalifornische Streamingdienst Netflix seine Abonnenten in diesem pandemiegeplagten Jahr mit acht neuen Weihnachtsfilmen und -serien und schmückt Märchen und romantische Komödien mit reichlich Lametta. Es ist aber kein neues „Stirb langsam“, kein „Kevin – Allein zu Haus“, kein „Gremlins“ und kein „Tatsächlich Liebe“ dabei.

Gegen den Netflix-Weihnachts-Overkill kommen selbst der sich traditionell für die Familienunterhaltung zuständig fühlende Micky-Maus-Konzern und sein Streamingdienst Disney+ nicht an. Dort ­begnügt man sich damit, zwei neue Weihnachtsfilme ins Angebot zu nehmen: „Noelle“ mit Anna Kendrick als Weihnachtsfrau und „Die gute Fee“ mit Jillian Bell als Feen-Azubi, die mit ein paar Jahren Verspätung einer Alleinerziehenden (Isla Fisher) einen Herzenswunsch erfüllt (ab 4. Dezember). Und Amazon ist mit dem Paketeversenden gerade so beschäftigt, dass man sich in diesem Jahr ansonsten aus dem Weihnachts(-film)geschäft raushält und kein neues Amazon-Prime-Original in Auftrag gegeben hat.

Eine knurrige Oma rettet Luke Mockridges Weihnachtsfilm

Doch was hat Netflix da eigentlich im Angebot? Da wäre zum Beispiel „ÜberWeihnachten“, der Beitrag aus Deutschland: Luke Mockridge (richtig, der Comedian, der sich vor einem Jahr im ZDF-Fernsehgarten zum Affen gemacht hat), spielt den frustriert-erfolglosen Songwriter Basti, der Weihnachten nach Hause fährt und dort erfahren muss, das seine Ex-Freundin jetzt mit seinem Bruder zusammen ist. „ÜberWeihnachten“ basiert auf dem Buch „7 Kilo in 3 Tagen“, inszeniert ist anfangs zwar ganz hübsch, wie große Erwartungen auf die Kleinstadt-Tristesse treffen, der Film scheitert dann aber an überforderten Schauspielern und einem einfallslosen Drehbuch. Allein Carmen-Maja Antoni als knurrige Oma Hilde rettet die dreiteilige Miniserie, die eigentlich ein überlanger Spielfilm ist.

Wie eigentlich alle Weihnachtsfilme und -serien, die Netflix neu im Angebot hat, versucht sich auch „ÜberWeihnachten“ an der Geschichte der Läuterung eines Weihnachtsmuffels, an einer Variation von Klassikern wie Dr. Seuss’ Kinderbuch „Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat“, das von einer grünen Kreatur erzählt, die zumindest anfangs alles hasst, was Freude macht, oder von Charles Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“, in der dem geizigen Ebenezer Scrooge das Herz erwärmt wird. Dieses Erzählmuster findet sich zum Beispiel auch in der Serie „Dash und Lily“, einer Teenieromanze, die zwischen guter Musik und guten Büchern in New York City angesiedelt ist. Der Grinch dieser Story ist Dash, der wie Basti von seiner Freundin verlassen wurde, von einer etwas übermotivierten Weihnachtsenthusiastin namens Lily aber wieder auf den richtigen Weg gebracht wird.

Weihnachten in Hawaii, auf dem Schloss und am Nordpol

Und das sind längst nicht alle romantischen Komödien, die Netflix in Santa-Claus-Kostüme gesteckt hat. In „Alles Gute kommt von oben“ ist der Grinch mal eine Verwaltungsangestellte, die einen US-Luftwaffenstützpunkt in Hawaii schließen und damit eine alljährliche Bescherungsaktion stoppen soll, sich aber in einen smarten Offizier verliebt und am Ende doch wieder an Weihnachten glaubt.

In „Holidate“ bekommt man es dann gleich mit zwei Scrooge-Nachfolgern tun, die weder an Weihnachten noch an die Liebe glauben, am Ende aber beides finden. Weil immerhin die wunderbar spröde Emma Roberts eine der Hauptrollen spielt, ist diese romantische Nummernrevue zumindest noch etwas erträglicher und weniger zuckersüß als die krude weihnachtliche Verwechslungskomödie „Prinzessinnentausch: Wieder vertauscht“, in der eine künftige Königin, eine Bäckerin und eine böse Prinzessin die Rollen tauchen – alle drei gespielt von Vanessa Hudgens.

Zuhause bei Mr. und Mrs. Claus

Und wer glaubt, dass es noch klebriger nicht geht, hat noch nicht sein Glück mit den Weihnachtsmusicals „Dolly Parton’s Christmas on the Square“ oder „Jingle Jangle: Abenteuerliche Weihnachten“ versucht, die für Menschen jenseits des Einschulungsalters kaum verträglich sind. Das gilt leider auch für das Märchen „Christmas Chronicles: Teil 2“, in dem Kurt Russell und Goldie Hawn als Mr. und Mrs. Claus am Nordpol Kinder um sich scharen und zu wahren Gläubigen machen. Wer da nicht zum Grinch wird, muss schon sehr von Weihnachten beseelt sein.

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