Tadeusz Matacz ist seit 1999 Direktor der John-Cranko-Schule des Stuttgarter Balletts Foto: dpa

Hochbetrieb auch ohne Schüler – kurz vor Eröffnung des Neubaus der John- Cranko-Schule geht es um die Logistik im Internat , Themen wie Klima und Akustik oder die Gestaltung des Außenbereichs.

Stuttgart - In der Ballettwelt ist es ein klangvoller Name: John-Cranko-Schule. Aus allen Erdteilen zieht es die beste jungen Tänzerinnen und Tänzer nach Stuttgart. Ihr Ziel: Über einen Abschluss an der 1971 als erste staatliche Ballettschule der Bundesrepublik Deutschland gegründeten Cranko-Schule auf die großen internationalen Ballett-Bühnen zu kommen. Ein hartes Ringen, das längst auch die Ausbildungsforen selbst erfasst hat. Schon seit 25 Jahren wird um einen Neubau der Cranko-Schule gerungen. Nun ist es soweit – nach fünf Jahren Bauzeit sollen sich im September die Türen öffnen. Eine neue Ära kann beginnen. Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) freut sich: „Stuttgart wird seinen Ruf als Ballettstadt von Weltrang stärken und eine neue Anziehungskraft entfalten, und das Ballett erhält ein modernes Leistungszentrum für seine anspruchsvolle Nachwuchsarbeit, die das Rückgrat der Kompanie ist.“

„In ein paar Tagen werden die Flügel eingerichtet“, sagt Tadeusz Matacz, seit 1999 Direktor der Cranko-Schule, „dann folgt, wohl in vier Wochen, der sehnsüchtig erwartete Umzug. Somit kann dann die Erprobung der Funktionen des Neubaus stattfinden – leider zunächst ohne Schüler.“

Corona-Pandemie erzwingt Schließung

Die Corona-Pandemie hat nicht nur die für Juni vorgesehene Eröffnung des Neubaus der Cranko-Schule verhindert. Seit März ruht der Schulbetrieb vollständig. Jetzt heißt es von Seiten der Stadt: „Ein Datum für die offizielle Eröffnung ist noch nicht festgelegt es wird aber sicher nach den Sommerferien sein“ – nach fünf Jahren Bauzeit und Kosten von insgesamt knapp 60 Millionen Euro für Stadt und Land. Zehn Millionen Euro der Porsche AG machten 2013 die Deckelung des städtischen Anteils auf 16 Millionen Euro möglich. Eine Million Euro finanzierten die Förderer der Staatstheater Stuttgart.

Keine Doppelzimmer mehr

Bleibt die Cranko-Schule weiter von den Folgen der Corona-Pandemie belastet? Dazu sagt Direktor Tadeusz Matacz den „Stuttgarter Nachrichten“: „Die schmerzlichste Entscheidung war, im Internat von Doppel- auf Einzelzimmerbelegung zu gehen. Auch die reduzierte Zahl der Schüler im Ballettsaal bringt logistische Herausforderungen mit sich. Aber wir müssen üben, und zwar täglich! Daher haben wir für dieses Jahr keine Aufnahmeprüfungen mehr organisiert – um die Gesamtschülerzahl überschaubar zu halten.“

Der Ort

Im Vorfeld des Planungswettbewerbs am heutigen Standort des Neubaus der John-Cranko-Schule zwischen Werastraße und Urbanstraße in Stuttgart-Mitte wurden unterschiedliche Standorte geprüft, unter anderem an der Konrad-Adenauer-Straße in Verlängerung des heutigen Staatstheater-Kulissengebäudes in Richtung Gebhard-Müller-Platz und auf dem Egistuck Areal in Obertürkheim.

Die Herausforderung

Die neue Cranko-Schule ist auf dem Areal des früheren Wasserwerkes entstanden. Umstritten war dabei die Nutzung der an den Neubau angrenzenden Grünfläche. Die Stadt Stuttgart, die Cranko-Schule, die Staatstheater Stuttgart und das Land Baden-Württemberg haben sich auf eine Lösung mit beschränkter öffentlicher Nutzung entschieden. „Im Bereich um das denkmalgeschützte alte Pumpenhäuschen soll ein Gartenprojekt entstehen“, so die Stadt.

Kienzles Verdienst

Das Projekt ist eine Idee der Bezirksvorsteherin und Grünen- OB-Kandidatin Veronika Kienzle. Ihr Verdienst: Die Bürgerinitiative Casa Schützenplatz und die Cranko-Schule werden das Gartenprojekt gemeinsam betreuen. „Damit“, so die Stadt, „entsteht hier ein gemeinsamer Garten und ein Treffpunkt für die Anwohner und Schüler“. „Noch vor der Sommerpause“ will die Stadt das Vorhaben im Gemeinderat vorstellen.

Tanztalente aus aller Welt

Herzstück der 1971 von John Cranko gegründeten Cranko-Schule (seit 1974 trägt die Schule den Namen ihres 1973 gestorbenen Gründers) ist das Internat für Tanztalente aus aller Welt, aktuell aus 29 Nationen. 50 Plätze sind belegt, im Neubau könnten 80 Schüler im Internat aufgenommen werden. Dies verhindert die Corona-Pandemie.

Besondere Verantwortung

In jüngerer Zeit erschütterten Berichte über seelische und körperliche Übergriffe das globale Netzwerk der Ballettschulen. In Stuttgart beantwortet man die „besondere Verantwortung“ (Tadeusz Matacz) mit einem umfassenden Konzept. „Es wird bei den Württembergischen Staatstheatern in einen nachhaltigen Organisationsentwicklungsprozess investiert, der alle Betriebsteile, somit auch die John-Cranko-Schule umfasst“, sagt Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) den „Stuttgarter Nachrichten“. Und weiter: „In einem vorbildlichen Qualitätsmanagement wurden auch alle Prozesse der Schule untersucht; es werden in den Staatstheatern nicht nur Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagement vorangetrieben, sondern auch für diesen sensiblen und verantwortungsvollen Bereich präventiv informiert und geschult, es gibt entsprechende Schutzkonzepte und einen Verhaltenskodex, Vertrauensbeauftragte und einen regelmäßigen internen Austausch unten den Verantwortlichen.“ Deutlich Position bezieht auch Tamas Detrich, Intendant des Stuttgarter Balletts: „Die Arbeit in der neuen John-Cranko-Schule muss hauptsächlich für die Schüler und deren Eltern transparent sein. Jeder Schüler, jeder Schülerin sollte sich bei uns gut aufgehoben fühlen!“

Cranko-Schule in Kürze

1971 wird, initiiert von John Cranko, Gründer des Stuttgarter Balletts, die erste staatliche Ballettschule der Bundesrepublik Deutschland eröffnet. Erste Leiterin ist Anne Woolliams. Nach Crankos überraschendem Tod 1973 erhält die Schule 1974 den Namen John-Cranko-Schule.

1996 wird Reid Anderson Intendant des Stuttgarter Balletts und wirbt von Beginn an für einen Neubau der Cranko-Schule. 1999 wird Tadeusz Matacz Direktor der Schule. 2002 beginnen die Planungen. Unterschiedliche Standorte werden geprüft, unterschiedliche Kostenmodelle erstellt.

2011 gewinnt das Münchner Büro Burger Rudacs (Stefan Burger und Birgit Rudacs) den Architekturwettbewerb für den Neubau der Cranko-Schule auf einem innerstädtischen Hangareal zwischen Werastraße und Urbanstraße.

2013 begründen die Stadt Stuttgart und der Sportwagenhersteller Porsche zur Finanzierung des städtischen Anteils von geplant 26 Millionen Euro eine gemeinsame Stiftung. Die Stadt bringt 16 Millionen Euro ein, Porsche zehn Millionen Euro.

2015 erteilt das Baurechtsamt der Stadt Stuttgart die Baugenehmigung.

2020 wird der Neubau der John-Cranko-Schule eröffnet – nach Informationen der „Stuttgarter Nachrichten“ Mitte September. Der nun 60 Millionen Euro teure Neubau umfasst Unterrichtsräume, mehrere Ballettsäle, ein Internat für den internationalen Ballettnachwuchs mit bis zu 80 Internatsplätzen sowie eine Probebühne, die bis zu 200 Zuschauerplätze bietet.

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