Tom Cruise als Kampfpilot Pete „Maverick“ Mitchell in „Top Gun: Maverick“, der Fortsetzung des legendären 80er-Jahre-Blockbusters. Foto: picture alliance/dpa/Paramount Pictures/Scott Garfield

Nicht unbedingt der Film der Stunde: die Fortsetzung der Geschichte um den Kampfpiloten Pete Mitchell – „Top Gun: Maverick“. Schnell, schlicht, hochmodern und spektakulär wie ein Düsenjet – lohnt sich ein Kinobesuch?

Er ist alt. Er ist problematisch. Aber er ist der Einzige, der den Job erledigen kann. So fasste kürzlich auf Twitter jemand „Top Gun: Maverick“ zusammen – und traf damit den Nagel gleich in mehrfacher Hinsicht auf den Kopf bei dieser Fortsetzung, die nun erst 36 Jahre nach dem Original in die Kinos kommt. Und trotzdem (oder gerade deswegen?) vergangene Woche bei den Filmfestspielen in Cannes gefeiert wurde wie kaum ein Film der letzten Zeit.

Blockbuster-Kino der alten Schule

Pete „Maverick“ Mitchell (Tom Cruise), der damals in „Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ als Kampfpilot in der titelgebenden bekannten Elite-Jagdflugschule der US Navy seine Spezialausbildung erhielt, ist jedenfalls tatsächlich nicht mehr der Jüngste, auch wenn er in Lederjacke, weißem T-Shirt und Sonnenbrille auf dem Motorrad durch die Mojave-Wüste brausend noch immer eine gewisse jugendliche Lässigkeit verströmt. Bei der Navy fliegt er immer noch, wobei er es über den Rang des Captains nicht hinausgebracht hat. Das hat natürlich mit dem Problematisch-Sein zu tun: An Regeln hält sich Maverick ganz gemäß seinem Spitznamen noch immer nicht gerne; Autoritäten beugt er sich ungern. Unerwartet auf den letzten Karrieremetern noch einmal zu Top Gun nach San Diego zurückbeordert wird er also nicht, weil, sondern obwohl sein Ruf ihm vorauseilt. Doch für eine kurzfristige, hochriskante Mission, bei der im Feindesland eine illegale Plutonium-Anlage ausgeschaltet werden soll, gilt es, in kürzester Zeit die besten Kampfjet-PilotInnen auszubilden.

An Regeln hält sich Maverick immer noch nicht gerne

Und dass zu der jungen Truppe auch Bradley „Rooster“ Bradshaw (Miles Teller), der Sohn seines besten, im Einsatz gestorbenen Freundes Goose, gehört, macht diesen mutmaßlich letzten Job für Maverick zu einem sehr persönlichen. Dass diese Fortsetzung existiert, auf die lange Jahre eigentlich niemand gewartet hat, liegt am gegenwärtigen popkulturellen Nostalgie-Wahn genauso wie an der Hartnäckigkeit von Tom Cruise. Der hat sich deswegen mit engen Vertrauten wie Regisseur Joseph Kosinski („Oblivion“), der die Nachfolge des verstorbenen Tony Scott antritt, sowie „Mission: Impossible“-Mastermind Christopher McQuarrie (der hier am Drehbuch mitschrieb) zusammengetan und setzt – neben jeder Menge „Altes Eisen“-Anspielungen – auf Blockbuster-Kino der alten Schule. Die Action-Flugszenen sind enorm spektakulär und hochmodern, doch was Dramaturgie und Erzählung angeht, ist „Top Gun: Maverick“ vom Original nie weit entfernt, weder in den bombastisch mit Filmmusik von Harold Faltermeyer (der schon 1986 der Komponist war), Hans Zimmer und Lady Gaga unterlegten Zeitlupen und Montagen noch in Themenfeldern wie Tapferkeit oder Rivalität.

Der Sohn des verstorbenen Goose gehört zur Truppe

Fans von früher kommen ohnehin auf ihre Kosten, nicht zuletzt dank des bewegenden Auftritts von Iceman alias Val Kilmer, der seit einer schweren Kehlkopfkrebserkrankung eigentlich nicht mehr wirklich sprechen kann und hier womöglich zum letzten Mal auf der Leinwand zu sehen ist. Auch die legendäre, homoerotisch inszenierte Volleyball-Szene von damals findet natürlich eine Entsprechung, dieses Mal mit einem leicht bekleidet-schwitzigen Football-Match am Strand.

Die Frauenfiguren lassen zu wünschen übrig

Nicht dass hier alles perfekt wäre. Die Frauenfiguren lassen nach wie vor zu wünschen übrig: Für Kelly McGillis’ Charlie oder Meg Ryan als Roosters Mutter war kein Platz, und auch die neuen – Monica Barbaro als Pilotin und Jennifer Connelly als Admiralstochter, Barbesitzerin und Cruise-Romanze – bekommen weder viel Raum noch Persönlichkeit. Und bei Licht betrachtet ist „Top Gun: Maverick“ vor allem eine große Portion verklärter Machismo-Americana-Militärkitsch. Es wundert niemanden, dass das Pentagon dezidiert seinen Segen dazu gegeben hat.

Altmodisch, emotional, temporeich

Doch wie heißt es hier im Film so schön? „It’s not the plane, it’s the pilot“ (auf Deutsch: „Es geht nicht um das Flugzeug, es geht um den Piloten“). Und wie es dem sich gewohnt eitel in Szene setzenden, aber vor Filmstar-Charisma nur so strotzenden Cruise und seinen Mitstreitern gelingt, all das in perfekt aussehende, enorm kurzweilige, altmodisch-emotionale und höchst temporeiche Unterhaltung zu verwandeln, ist schon eindrucksvoll. Und lässt all die Comicverfilmungen, die dieser Tage sonst die großen Leinwände dominieren und die im Einerlei ihrer nur noch aus dem Computer stammenden Bilder immer austauschbarer zu werden drohen, ganz schön alt aussehen.