Spieler 456 ist zurück: Seong Gi-Hun (Lee Jung-jae, vorne) in der zweiten Staffel von „Squid Game“. Foto: Netflix/No Ju-han

Die zweite Staffel der koreanischen Netflix-Serie „Squid Game“ verpackt psychologische Studien und Kapitalismuskritik erneut virtuos in einen Thriller.

Wieder beginnt der Tag mit dem dritten Satz aus Joseph Haydns Trompetenkonzert. Als Gi-Hun die Augen aufmacht, erlebt er ein Déjà-vu. Er findet sich inmitten eines Schlafsaals voller Menschen wieder, die wie er grün-weiße Trainingsanzüge tragen, sich von Haydn aufgeweckt, die Augen reiben – nicht ahnend, was sie hier erwartet. Doch es wird nicht lange dauern, bis Johann Strauss’ Walzer „An der schönen blauen Donau“ die erste Aufgabe einleitet: eine Variante des Kinderspiels „Rotes Licht, Grünes Licht“, das gleich für viele der Teilnehmenden tödlichen enden wird: Willkommen zurück bei „Squid Game“, in einer morbiden Arena, in der die Perversionen des kapitalistischen Gesellschaftssystems wie unter einem Vergrößerungsglas ins grelle Licht gezerrt werden. Willkommen zurück auf einem grotesk-zynischen Spielplatz, der vorführt, zu welchen Grausamkeiten, die menschliche Psyche in der Lage ist, wenn die Wahl lautet: Ich oder die anderen.

Wie viel Euro sind 45,6 Milliarden Won?

Vor drei Jahren erschien die erste Staffel der südkoreanischen Serie „Squid Game“ und verwandelte sich innerhalb weniger Tage vom Geheimtipp zu so einem Internet-Hype, der den Serienerfinder Hwang Dong-hyuk und selbst Netflix völlig überraschte. Die meist gegoogelte Frage lautete damals, wie viel Euro 45,6 Milliarden südkoreanische Won wert sind, Tiktok und die Netflix-Aktie spielten verrückt und Internetprovider verklagten den Streamingdienst, weil er nach der Veröffentlichung von „Squid Game“ viel zu viel Datenverkehr verursachte.

Seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag ist nun die zweite Staffel der Serie bei Netflix verfügbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Hype sich wiederholt, ist ziemlich hoch – und verdient. Denn erneut gelingt „Squid Game“ trotz aller bizarren Verzerrungen ein verstörend nüchternes Abbild all jener psychologischen und soziologischen Phänomene zu liefern, die die Gesellschaft im 21. Jahrhundert prägen.

Suche nach den „Squid Game“-Drahtzieher

Dass Geld nicht glücklich macht, ist zwar eine der perfiden Lügen, mit denen das kapitalistische System all die weniger Glücklichen abzufertigen versucht, die sowieso keine Chance haben, zu Reichtum zu kommen. Im Fall von Gi-Hun (Lee Jung-jae) stimmt das aber tatsächlich. Obwohl er in der ersten Staffel als einziger „Squid Game“-Überlebender mit 45,6 Milliarden Won (rund 30 Millionen Euro) nach Hause geschickt wurde, ist er so schwer traumatisiert, dass er seinen unermesslichen Reichtum nicht genießen kann.

Stattdessen steckt er sein ganzes Geld in die Suche nach dem Drahtzieher, der diese grausam-tödlichen Gladiatorenspiele zur Belustigung für Superreiche veranstaltet, die darauf wetten, wer am Ende übrig bleibt. Zwar gelingt es ihm zunächst nicht, den Mann, der hinter den Spielen steckt, zu finden, aber in der dritten Episode der zweiten Staffel wird er wieder zu Josef Haydn da aufwachen, wo er einen Großteil der ersten Staffel verbracht hat: als einer von 456 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die beim „Squid Game“ ums Gewinnen und damit ums Überleben kämpfen.

Influencer, Rapper und eine Hochschwangere

Virtuos variiert die zweite Staffel das Setting der ersten. Es gibt zwar viele Wiedererkennungsmomente, aber auch einige Verschiebungen in der Dynamik. Etwa dadurch, dass Gi-Hun versucht die Mitspielenden vor den Konsequenzen der Spiele zu warnen und nur solange als schrulliger Verrückter gilt, bis bei „Rotes Licht, Grünes Licht“ die ersten Leichen auf dem Spielfeld liegen. Oder dadurch, dass nun auch die Geschichte einer Soldatin erzählt wird, die sich im roten Overall hinter einer schwarzen Maske versteckt und unter anderem fürs Vollstrecken der Todesstrafen der „disqualifizierten“ Spielerinnen und Spieler zuständig ist.

Inmitten einer großartig durchgestylten Spielewelt aus grellen Farben und geometrischen Formen lässt die Serie mit beklemmender Drastik Psychogramme aufeinander treffen: Hier der Influencer, der mit seinen Krypto-Anlagetipps nicht nur viele seiner Follower, sondern auch sich selbst in den Ruin getrieben hat, oder das schrullige Mutter-Sohn-Gespann. Dort der Rapper, der bei den Spielen auf die bunten Pillen vertraut, die er eingeschmuggelt hat, oder die junge Hochschwangere, die versucht ihren Zustand zu verheimlichen.

Explizite Gewaltexzesse

Auch die zweite Staffel von „Squid Game“ ist damit wieder zugleich bitterböse Parabel auf den Kapitalismus, psychologische Versuchsanordnung und brachial-brutaler Thriller. Und für Menschen mit schwachen Nerven ist die Serie weiterhin nichts – auch weil „Squid Game“ nicht vor expliziten Gewaltexzessen zurückschreckt, die in solchen südkoreanischen Dramen Genrestandard sind.

Der Serienhype „Squid Game“

Serie
Der Südkoreaner Dong-hyuk Hwang hat sich „Squid Game“ bereits vor 15 Jahren ausgedacht. Bei der ersten Staffel, die im September 2021 bei Netflix veröffentlicht wurde, war er Drehbuchautor und Regisseur aller neun Episoden. Die finale dritte Staffel soll im Jahr 2025 erscheinen.

Fortsetzung
Die zweite Staffel von „Squid Game“ ist seit Donnerstag, 26. Dezember 2024, bei Netflix verfügbar.