Mountainbiker Foto: dpa/F. von Erichsen

Im Wald kommt es immer öfter zu Konflikten, weil Mountainbiker fernab der breiten Waldwege unterwegs sind. Die Natur kommt unter die Räder. Ein Freizeitkonzept soll Abhilfe schaffen.

Uhlbach - Nicht erst seit der Corona-Krise und dem Wegfall von Veranstaltungen und anderen Freizeitmöglichkeiten zieht es die Bürgerinnen und Bürger in die Wälder und auf die Felder. „Einerseits freut uns dies natürlich, aber unvernünftiges Verhalten belastet und gefährdet auch oft die Ökosysteme“, sagt Michael Eick, Naturschutzreferent und Sprecher beim Naturschutzbund (Nabu) Fellbach. Mit Argwohn beobachten Naturschützer, dass Mountainbiker und E-Bike-Fahrer den Wald – auch abseits der offiziellen Wege – erobern. Dabei regelt das Landeswaldgesetz die Rechte im Wald eigentlich eindeutig: Das Radfahren ist auf Wegen unter zwei Metern Breite nicht gestattet. Die Praxis sieht anders aus. Gerade schmale Pfade und unwegsames Gelände scheinen einen besonderen Reiz auf manche Mountainbiker auszuüben und selbst Freizeitradler erobern – oft auch mit E-Bikes – hügeliges Gelände.

In einer gemeinsamen Presseerklärung warnen die Jägerschaft und der Nabu deswegen davor, „dass Waldgebiete zu einem Rummelplatz werden“. Ihre Sorge gilt dem Bereich zwischen dem Kappelberg mit seinen teilweise geschützten Arealen, dem Kernenturm und der Katharinenlinde. Bislang von Wegen noch unberührte Waldgebiete und Klingen würden jetzt von Mountainbikestrecken durchzogen, sagt auch der besorgte Uhlbacher Jäger Siegfried Berner. Der Bereich um die Egelseer Heide ist kein Einzelfall. Auch in Stuttgarts Wäldern sind die Spuren der Radfans unübersehbar. „Durch illegale Trails kann es in einzelnen Bereichen zu Erosionen kommen. Das Errichten von Sprüngen, Schanzen und Steilwandkurven verändert das Waldbild“, erzählt Martin Thronberens, der Pressesprecher der Stadt. Zudem werde die Tier- und Pflanzenwelt ge- oder sogar zerstört. „Vögel ziehen ihre Brut groß, Rehkitze liegen versteckt auf dem Boden und Amphibien wie der Feuersalamander wandern. Außerdem gibt es an vielen Stellen, etwa auf dem Kappelberg oder im Naturschutzgebiet Scillawald, Bereiche mit sehr seltener und empfindlicher Vegetation – Pflanzen, die nur an wenigen Stellen überhaupt noch vorkommen“, erklärt Eick.

Hinzu kommt: Immer wieder kommt es auch zwischen Radlern und Mountainbikern zu Konflikten. Nicht nur ältere Spaziergänger fühlen sich auf Waldwegen unsicher und rasende Rad-Rowdys rufen gefährliche Situationen hervor. Die Kommunen haben gemerkt: Es besteht Handlungsbedarf. „Seit Mitte vergangenen Jahres haben wir einen Waldbeirat, der in öffentlichen Sitzungen diese Themen diskutiert“, erzählt Volker Schirner, der Leiter des Garten-, Friedhofs- und Forstamtes. Als vordringliches Ziel haben die Mitglieder des Waldbeirats ein Freizeitkonzept für Stuttgarts Wälder erkannt. Der Gemeinderat hat dafür Finanzmittel bewilligt. Ein erfahrenes Büro soll nun ein professionelles Konzept erarbeiten. Eine heikle Aufgabe. „Es muss möglichst alle Interessensgruppen unter einen Hut bringen, und mit größtmöglicher Fairness Spielregeln für das Verhalten in den Wäldern aufstellen“, sagt Schirner.

Die Stadt Fellbach geht einen ähnlichen Weg. Sie hat vergangene Woche zu einem „Runden Tisch“ mit unterschiedlichen Vertretern geladen. „Die Interessenlagen sind sehr unterschiedlich“, stellte Fellbachs Bürgermeisterin Beatrice Soltys fest. Das Ziel sei daher, „sich auf den Weg zu machen“ und gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten. Die Mountainbike-Vertreter versuchten klar zu machen, dass es ihnen nicht um eine echte Downhillstrecke gehe, auf der nur mit voller Schutzkleidung geheizt würde, sondern um Touren, die zwischendurch mit technisch anspruchsvollen Trails versehen seien. Die Suche nach einer einvernehmlichen Lösung soll nach der Sommerpause weitergehen.

„Unser Ziel muss es sein, einen rechtlichen Rahmen abzustecken, der sensible Flächen berücksichtigt und die Freizeitströme in der stark frequentierten Landschaft gedeihlich koordiniert“, sagt Eick. Spielregeln allein würden nicht reichen, waren sich alle einig. Sie müssten auch überwacht werden. Theoretisch könnte das Befahren von weniger als zwei Meter breiten Wegen heute bereits mit einer Ordnungswidrigkeit und einem Bußgeld zwischen 10 und 40 Euro belegt werden. „Der städtische Vollzugsdienst und Polizeifahrradstaffeln sind auch vor Ort. Eine Anzeigenaufnahme ist aber schwierig, da Personen häufig unerkannt bleiben und kein Nummernschild am Fahrrad haben“, sagt Thronberens.

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