Englands Trainer Gareth Southgate steht nach der Heimpleite gegen Ungarn unter Druck. Foto: Jon Super/AP/dpa

Dafür, dass in der Fußball-Szene oft die Nichtigkeit der Nations League beteuert wird, kann sie für heftige Krisen sorgen. Das spüren gerade ausgerechnet Europameister Italien und Vize England.

Mönchengladbach/Wolverhampton - Spottgesänge für Gareth Southgate und wachsende Zweifel an Roberto Mancini: Rund elf Monate nach dem gefeierten Einzug ins EM-Finale stehen die Fußball-Nationaltrainer in England und Italien kräftig unter Druck.

Southgate wird nach der höchsten Heimniederlage der Engländer seit 94 Jahren beim 0:4 gegen Ungarn mit Blick auf die WM in Katar mancherorts schon in Frage gestellt. Mancini hatte seinen Job trotz der verpassten WM-Qualifikation behalten dürfen, nach dem 2:5 in Deutschland steht aber auch er unter kritischer Beobachtung.

Mancini wirke "noch verzweifelter"

"Jetzt muss Roberto Mancini erklären, was er von der Gegenwart und von seiner Zukunft hält", schrieb der "Corriere della Sera", nachdem die Squadra Azzurra in Mönchengladbach erstmals seit 65 Jahren mindestens fünf Gegentore kassiert hatte. Nach dem WM-Aus gegen Nordmazedonien habe der Coach "radikale Entscheidungen getroffen. Das hat alles nichts gebracht". Er wirke "nun noch verzweifelter".

Mancini verwies immer wieder darauf, dass man ihn mit einem Neuaufbau betraut habe. "Wir wussten, dass es auf unserem Weg solche Abende geben wird." Alarmierend wirkte nicht einmal ein Jahr nach dem EM-Triumph aber seine Feststellung: "Der Klassenunterschied zwischen Deutschland und Italien ist zu groß aktuell. Er ist enorm."

Die Stimmung ist deshalb angespannt. Und während die Medien von einer "Alptraum-Nacht" ("La Gazzetta dello Sport"), einem "blauen Desaster" ("Tuttosport") oder einer "historischen Lektion von Deutschland" ("Corriere dello Sport") sprachen, schimpfte Torhüter und Europameister-Kapitän Gianluigi Donnarumma am TV-Mikrofon: "Für so etwas gibt es keine Entschuldigung. So geht das nicht."

Steht ein Endspiel bevor?

Für Mancini dürfte das nächste Nations-League-Spiel am 23. September gegen England noch nicht so etwas wie ein persönliches Endspiel sein. Im Fall von Southgate könnte die Entwicklung bis dahin aber durchaus Fahrt aufnehmen. Einzelne Medien sind sich sicher, dass der englische Coach die beiden Partien nicht verlieren darf, weil der Verband sonst mit Blick auf die im November beginnende WM vielleicht doch handelt.

Die Fans in Wolverhampton verhöhnten Southgate während der Partie schon mit dem Gesang: "Du weißt nicht, was du tust". Was Ex-Nationalspieler Jamie Carragher verärgerte. "Haltet den Mund, ihr Clowns", twitterte der heutige TV-Experte: "Dieser Manager hat das Land zu den beiden besten Platzierungen seit 1966 geführt."

Die "Sun" schrieb: "Würde man nach dieser historischen Demütigung eine Umfrage unter den 28 000 Zuschauern machen, müsste Southgate heute Morgen seine Koffer packen." Dazu stellte das Boulevardblatt eine Umfrage. Mehr als 60 Prozent stimmen Stand Mittwochmittag für Southgates Entlassung, nur 24 Prozent dagegen.

Warnock: Bei Southgate "nicht sicher"

Der in England als Experte allgegenwärtige Ex-Nationalspieler Stephen Warnock sprach sich in der BBC auch schon öffentlich für eine Trennung aus. "Ich bin normal jemand, der keine Trainerentlassungen fordert. Aber ich weiß nicht, ob er noch der richtige Mann ist", sagte er: "Es gibt andere Kandidaten, die dafür besser geeignet sind, und Southgate steht jetzt richtig unter Druck. Diese Mannschaft kann eine WM gewinnen - wenn sie richtig geführt wird."

Kapitän Harry Kane versuchte derweil zu beschwichtigen. Die Niederlage und der letzte Platz in der nun von Ungarn vor Deutschland angeführten Nations-League-Gruppe seien "kein Grund zur Panik. Das Gesamtbild ist immer noch positiv." Auf die Frage, ob man Southgate entlassen müsse, reagierte er bestürzt: "Es ist wirklich enttäuschend, dass diese Frage überhaupt gestellt wird."