Normen sind in Coronazeiten auch obsolet – schon lange vor der Pandemie bekundete aber das Performance-Duo NAF, Fender Schrade (li.) und Nana Hülsewig: „Norm ist Fiktion“. Ihre Performance-Reihe entwickelt sich stetig weiter – jetzt kam „Norm ist Fiktion #5/1“ im Theater Rampe zur Uraufführung. Foto: REGINA BROCKE/NAF

Reifröcke, Fischteppiche und Musik: Wie das Performanceduo Nana Hülsewig und Fender Schrade (NAF) mit „Norm ist Fiktion #5/1“ dem Stuttgarter Theater Rampe einen glamourösen Saisonauftakt beschert hat.

Stuttgart - Bitte einzeln eintreten. Und den Reifrock anlegen. Und die Maske nicht vergessen. Dies sind keine Anweisungen für ein exzentrisches Kostümfest, sondern Regeln für den Besuch der Performance „Norm ist Fiktion #5/1“ am Samstag zum Saisonauftakt im Theater Rampe in Stuttgart.

Auf dem Boden im Gang zum Vorstellungssaal liegen Reifen mit Bändern und einem Gummiring in der Mitte, der sich an die Taillengröße der Zuschauer anpasst. Sie bekommen durch das ungewohnte Gestell gleich eine ganz andere Haltung. Vornehm schreitend, vorsichtig schwingend, bewegen sie sich im schummrigen Raum, werden gleichsam Teil des Kunstabends.

Poetischer kann man wohl kaum mit den Corona-Abstandsregeln umgehen. Nana Hülsewig und Fender Schrade vom Performanceduo NAF integrieren sie einfach in ihre Performance und machen Kunst(geschichte) daraus. Denn der Reifrock ist nicht nur Abstandshalter, sondern auch Kostüm und historische Gesellschaftskunde, trugen ihn doch seit dem 16. Jahrhundert die hochwohlgeborenen Damen des Adels.

Ein lebendes Porträt

Die Künstler spielen damit auch an andere in der Vergangenheit aufkommende Formen an, die an diesem Abend zu entdecken sind – NAF posieren im haarigen Fellanzug, stolz dreinblickend, auch als tableau vivant, eine im 18. Jahrhundert beliebte Mode, Werke der Malerei mit lebenden Personen nachzustellen. Fellnatur trifft auf Geschichtskunst. Natur-Kultur, der Gegensatz bestimmt das Tun der Künstler.

Das haarige Paar rührt sich nicht – und auch nicht die Musiker Hannah Mehler und Tom Heinzer, die auf der Treppe im Zuschauerraum sitzen – sie beobachten die Beobachter, und die schauen sich jetzt ganz schön um. Betrachten Gemälde an einer Stellwand – Porträts von Menschen mit geschlechtsorganhaften Nasen, darunter sind auch zwei Figuren mit Frisuren, wie NAF sie tragen.

Kunstvoll gewebte Vorhänge mit Pflanzenmotiven, die vom Bühnenhimmel herabhängen, ein kreisrunder Teppich (entstanden unter Mitarbeit von Samuel Fiedler Täuber) mit allerlei Tieren, die ein interessantes Sexualleben führen. Schnecken zum Beispiel. Oder Seepferdchen, die ein Leben lang ein Paar bleiben und bei denen Kinderaufziehen Männchensache ist. Und natürlich „392“, das sechs Meter lange, aus mehreren Keyboards zusammengesteckte Musikgerät aus lauter schwarzen Tasten, das musikalische Archiv von NAF, das später zum Einsatz kommt.

Ein Sprung in den Stuttgarter Eckensee

Begleitet wird dieses Schauen von einer sanft wogenden Melodie, dem Beginn der „Casta Diva“-Arie aus Bellinis 1831 uraufgeführter Oper „Norma“. Die ertönt in Endlosschleife in dem Video „Fontaine“. Eine Performance, bei der NAF sich von geschlossenen Türen des Stuttgarter Opernhauses nicht weiter beeindrucken lassen. Sie wenden sich achselzuckend ab und zuerst rennt Nana Hülsewig beherzt los und springt in den Eckensee, dann Fender Schrade. In ihrer feinen Ausgehkluft benehmen sie sich wie ausgelassene Teenager, hüpfen, offenbar immer den Rhythmus, die Melodie der Arie im Kopf, passend zur Musik im Nass umher. Die Leute starren erstaunt, der Schwan auf dem See würdigt sie keines Blickes.

Bei der Installation allein bleibt es nicht, nach einer Weile erste Laute – Zirpen, Schnalzen, Schnarchen, Schmatzen, Klopfen. Sind das Menschenlaute? Oder Tiergeräusche? Unklar. Die Sängerin im schönen bodenlangen Spitzenkleid und überlangen aufgeklebten Augenbrauen, die hübsch wippen, geht umher, beschaut sich das Publikum, später wird sie in ein Mikrofon sprechen, singen, spitze Töne ausstoßen, man hört etwas vom tiefen Einatmen, Schmerz fühlen, inspiriert von Texten der US-Naturwissenschaftshistorikerin und Frauenforscherin Donna Haraway, die über Feminismus ebenso nachdenkt wie über Primaten und Cyborgs.

Nana Hülsewig und Fender Schrade in Bewegung

Auch NAF geraten in Bewegung, zeigen, wie aus Naturwesen Kulturmenschen in Smoking und Lackschuhen werden, sie schlagen auf dem Keyboard Töne an. Fender Schrade albert mit der Sopranistin Hannah Mehler herum, Tom Heinzer steht derweil am Keyboard, Beats erklingen, die den Boden unter den Füßen beben lassen.

Discoklänge treffen auf Naturlaute, auf hohen Gesang, auf Donna Summers „Love To Love You Baby“, zu dem das Paar zu tanzen und einen lustigen Striptease hinzulegen beginnt, sich, wieder ganz natürlich kreatürlich geworden, umschlingt und auf dem Boden rollt. Mann und Frau, Kunst und Natur, Pop und Klassik, vermeintliche Gegensätze, Dualismen – all dies wird klug, aber nie besserwisserisch oder gar moralisch bevormundend angespielt, angezweifelt, ausgespielt in diesem einstündigen Kunstabend.

Streng sind NAF nur in ihrem Kunstanspruch. Nach dem Applaus stehen sie, als sei alles ein Traum gewesen, wieder da als tableau vivant. Der junge Mann, der sich neben ihrem Podest niedergelassen hatte, kann nicht mehr aufstehen, weil NAF nun zwischen den Bändern seines Reifrockgestelles posieren. Also entledigt er sich seines Abstandshalters an Ort und Stelle, die Künstler bleiben, was sie sind – lebende Kunstwerke.

Info

Weitere Vorstellungen: 7.-10. Oktober, jeweils um 20 Uhr. Karten: 07 11/62 00 90 90 und per E-Mail: karten@theaterrampe.de

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