Er war wahrscheinlich der Mensch, der am meisten über Stuttgart wusste. Nun künden nur noch Bücher von seinem Wissen: Herbert Medek ist überraschend mit 70 Jahren gestorben.
Tourismusheld. Die Auszeichnung ereilte Herbert Medek voriges Jahr bei der CMT. Für seine jahrzehntelange Arbeit als Tourismusführer und Erforscher seiner Heimatstadt. Ein Held? Nun das ist keine Kategorie, in der Medek dachte. Da war er Schwabe im besten Sinne, knitz, widerborstig, um die Ecke denkend, nicht eitel, aber durchaus selbstbewusst – und ein Dickschädel. Was ihm zupass kam bei seinem Brotberuf als oberster Denkmalschützer der Stadt.
Wer mit ihm unterwegs war, sah die Stadt mit neuen Augen. Tausendmal vorbeimarschiert, und doch nie entdeckt. So wie in der Nesenbachstraße. Da liegt das letzte erhaltene Gerberhaus des Viertels; es liegt versteckt in einem privaten Hinterhof. Medek kennt es natürlich, verschafft sich Zutritt, deutet auf die Balkone zum Trocknen der Felle und den Abgang zum früheren Wasserlauf. Im Heusteigviertel verweist Herbert Medek auf ein winziges Häuschen, das 1830 erbaut worden war und eine Wurstküche beherbergte – die zwei Kamine und die venezianischen Fenster geben ihm ein sehr ungewöhnliches Aussehen.
Er sah und wusste alles über Stuttgart
Wann immer man mit ihm spazieren ging, staunte man, was der Mann alles wusste. Und das schon, bevor jeder einen Taschencomputer mit dem Wissen der Welt mit sich herumtrug. Was die KI heutzutage ausspuckt, hatte Medek im Kopf. Wahrscheinlich ist es sogar so, dass die KI alles, was sie über Stuttgart weiß, aus Medeks Büchern gelernt hat.
Schon 1983 hatte er begonnen, Menschen durch die Stadt zu führen. Touristen, aber auch Einheimische. „Wenn ich vor 25 Jahren Führungen gemacht habe, wussten die Leute vieles schon. Das kommt heute fast nicht mehr vor. Viele stammen nicht mehr von hier. Und in der Schule lernst du vieles, aber wenig über den Ort, wo du lebst“, hat er uns mal erzählt. Obwohl Heimat ein solches Megathema sei, hatten wir eingewendet. Die Antwort sagt viel aus über ihn: „Kein Begriff wurde so missbraucht wie Heimat. Aber die Weise, wie man sich früher in der Grundschule mit dem engsten Umfeld befasst hat – das hat sich geändert.“ Die Welt sei größer geworden, „aber dein Lebensumfeld ist dennoch begrenzt. Deshalb hielte ich es für besser, wenn zumindest das Interesse geweckt werden dürfte. Nicht nur die Geschichtsdaten pauken von irgendwelchen Schlachten, sondern lieber erzählen, was hier passiert ist. Und natürlich kann man in Bad Cannstatt lernen, was die Weltgeschichte angeht. „Schon vor 250.000 Jahren gab es zur Zeit des Homo steinheimensis Cannstatter, die Mammuts gevespert haben. Da hat von Stuttgart noch keiner was geahnt.“
Man ahnt, er ist 1955 in Bad Cannstatt geboren. Doch immer hat er die ganze Stadt im Blick gehabt, nicht nur sein geliebtes Cannstatt. Er kämpfte dafür, dass die Weißenhofsiedlung Weltkulturerbe werden sollte. Aber er kümmerte sich auch um das nicht so Offensichtliche, das Spektakuläre auf den zweiten Blick.
Im Verschönerungsverein engagierte er sich, war maßgeblich daran beteiligt, dass die Kleindenkmale erfasst wurden, 2121 Objekt sind es. Und 307 Stäffele. Sein Motto und seinen Wunsch: „Die Stadt braucht engagierte Bürger!“, hat er stets mit Leben gefüllt. Die Tourismusführer der Stadt hat er ausgebildet, nach seinem Ruhestand weiter selbst die Schönheiten der Stadt gezeigt. Und sein Wissen weitergegeben. Immer mit einem Lächeln. Und den ihm angeborenen Witz. „Egal, wie der Plan ist – mit einem Schnäpsle wird er besser!“, hat er mal gesagt. Jedem, dem die Stadt am Herzen liegt, sollte auf sein Wohl ein Schnäpsle trinken. Herbert Medek ist am 1. Januar im Alter von 70 Jahren gestorben. Nun wird er da oben vom schönen Stuttgart erzählen. Mal sehen, wie gottgefällig künftig auf die Stadt der Hügel geschaut wird. Die nun ohne ihren Helden auskommen muss.