Hans-Georg Wehling, Politologe Foto: dpa - dpa

Die Landtagspräsidentin Muhterem Aras genießt als mögliche OB-Kandidatin einen hohen Stellenwert. Den Grünen bieten sich aber noch andere Optionen.

StuttgartWird nach dem überraschenden Rückzug des amtierenden Oberbürgermeisters Fritz Kuhn die Landtagspräsidentin Muhterem Aras (54) für die Grünen in die Stuttgarter OB-Wahl am 8. November ziehen? Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen und im Jahr 2004 selbst schon Stuttgarter OB-Kandidat mit dem Grünen-Parteibuch, könnte so einer Entwicklung viel abgewinnen. „Ich bin ein großer Fan von Muhterem Aras“, sagte Palmer unserer Zeitung, „meiner Meinung nach wäre sie dem OB-Amt in Stuttgart absolut gewachsen.“ Mit ihren persönlichen Eigenschaften, ihrem Werdegang und ihren Erfahrungen sei sie für die Aufgabe qualifiziert - „und damit hat sie aus heutiger Sicht auch Chancen, die Wahl zu gewinnen, obwohl wir natürlich die Gegenkandidaten noch nicht kennen“, sagte Palmer. Dem streitbaren Grünen auf dem Tübinger OB-Sessel imponiert nach eigener Auskunft, wie es Aras geschafft habe, in das Amt der Landtagspräsidentin hineinzuwachsen, und wie sie die Landespolitik und ihren persönlichen Werdegang als Migrantin, die in jungen Jahren aus Anatolien kam, gerade jungen Menschen vermittle. Palmer rechnet es Aras auch hoch an, dass sie in der Debatte über Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik ihm wegen seiner Thesen nicht einfach rechtspopulistische Haltung unterstellt habe, wie es andere getan hätten. Sie habe sich mit seinen Äußerungen sachlich auseinandergesetzt.

Palmer kannte Aras aber schon früher, nämlich aus seinem OB-Wahlkampf in Stuttgart, als sie Stuttgarter Stadträtin war. Drei Jahre später wurde sie sogar Fraktionsvorsitzende der Grünen im Gemeinderat zusammen mit Werner Wölfle. Was die Wahlchancen von Aras angeht, sagte Palmer: „In einer großen Stadt wie Stuttgart kann man grundsätzlich gewählt werden, ob man nun mit Vornamen Muhterem heißt oder etwa Frank.“ Aber er habe keine Empfehlungen auszusprechen, was die Kandidatenfindung der Grünen angehe. Der Ball liege bei der Parteiorganisation. Deren Sache sei es, sich mögliche Bewerberinnen und Bewerber anzuschauen und sich geschlossen hinter jemanden zu stellen. Könnte Palmer (47), dessen zweite Amtszeit in Tübingen bis 2022 währt, also doch an einer erneuten OB-Kandidatur in Stuttgart interessiert sein? Dazu sagte er: „Es gibt diesbezüglich keinerlei Kontakt. Als OB bohrt man, wie auch Kuhn sagte, dicke Bretter – und ich habe in Tübingen den Bohrer noch im Brett. Da will ich noch weiter bohren.“ Hauptsächlich möchte er Tübingen bis 2030 zur klimaneutralen Stadt machen. Er selbst versteht sich nach wie vor als grünen Aktivposten und Garanten für erfolgreichen Wahlkampf. Innerparteilich hat er bisweilen allerdings heftige Kritik für manche Thesen und Vorstöße geerntet. Zuletzt tat die Fraktionschefin im Rathaus, Gabriele Nuber-Schöllhammer, den Namen Palmer ab, was die Kandidatur in Stuttgart angeht. Doch ist das letzte Wort gesprochen? Ein anderer früherer OB-Kandidat der Grünen in Stuttgart, Rezzo Schlauch, äußerte sich nur knapp: „Ich würde es für einen Fehler halten, wenn man von vornherein einen Kandidaten ausschließen würde“, sagte er, ohne das speziell auf Palmer zu münzen. Spontan denkt er an zwei Namen – die er nicht nennt. Ein intimer Kenner der Grünen-Landespartei, der seinen Namen nicht nennen will, sagte unserer Zeitung, am besten geeignet wäre tatsächlich Palmer, doch dessen Nominierung sei den Stuttgarter Grünen nicht zuzutrauen. Aras wäre sicherlich eine hervorragende Wahl. In seinem Blickfeld seien außerdem Finanzstaatssekretärin Gisela Splett (52) und vielleicht die Stuttgarter Abgeordnete Thekla Walker (50), haushalts- und finanzpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag. Die Landesvorsitzende Sandra Detzer (39) habe letzten Endes wahrscheinlich höhere Ambitionen.

Zu hören ist in Grünen-Kreisen auch der Name Petra Olschowski (54). Die Staatssekretärin im Landesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst ist seit kurzer Zeit Parteimitglied. Aber wahrscheinlich steht niemand bei den Überlegungen momentan öffentlich so im Fokus wie Muhterem Aras.

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