Paul-Ludwig U. informierte im Sommer 2019 das Landeskriminalamt Baden-Württemberg über die mutmaßliche Rechtsterrorgruppe S. – im Februar 2021 nahmen Ermittler 13 Mitglieder der Gruppe fest. Foto: dpa

Im Prozess gegen die mutmaßliche Rechtsterrorgruppe Gruppe S. hat einer der Angeklagten ausgesagt. Er habe geglaubt, dort träfen sich Gleichgesinnte mit Faible für frühere Zeiten. Deshalb habe er die rechtsextremen „Wodans Erben“ auch erst spät gegoogelt.

Stuttgart - So also sieht ein Unschuldiger aus. Zumindest behauptet das Thorsten W. von sich. Die nackenlangen Haare über die handtellergroße Tonsur am Hinterkopf nach hinten gekämmt. Blaue Augen, unter denen sich Tränensäcke bilden. Olivgrüne Armeejacke, blaues T-Shirt, Jeans.

„Das ist mir zu heftig, ich will mit dem ganzen Quatsch nichts zu tun haben“, habe er seiner Freundin gesagt, als er am 8. Februar 2020 abends aus Minden nach Hamm zurückkam. Um 11:38 Uhr, so beobachtete es ein Mobiles Einsatzkommando, war er in Minden zu dem Treffen der mutmaßlich rechtsterroristischen Gruppe S. gekommen, bei dem – wie Anführer Werner S. geschrieben hatte – „bei Brot und Wein“ Krieg besprochen werden sollte.

Von Terror, Umsturzplänen gar, berichtet Thorsten W. vor den Richtern des Stuttgarter Oberlandesgerichtes, habe er an diesem Tag gar nichts mitbekommen. Der Generalbundesanwalt wirft den zwölf Angeklagten vor, Anschläge auf Politiker, Asylbewerber und Muslime geplant zu haben. All’ das habe am 8. Februar keine Rolle in Minden gespielt, sagt W. Stinksauer sei er gewesen: Weil er immer davon ausgegangen sei, dass der heutige Mitangeklagte Thomas N. seit Juli 2017 seinen Rat für die Gründung einer Mittelaltergruppe suchte. Solchen Märkten und Messen gehöre W.s Leidenschaft, einem Vertreter der „nordischen Darstellung“, also von Wikingern und Nordmännern, wie er erklärt.

„Geschichtsfans“ und „Ordensdarstellung“

„Wodans Erben“, die „Vikings“ und auch die Bruderschaft Deutschland seien für ihn keine rechtsradikalen Gruppen, sondern Geschichtsfans wie er gewesen. „Völlig normale Namen“ in der Szene, aber keine gewaltbereiten, rechten Gruppen. Die Bruderschaft habe er als „Ordensdarstellung“ eingestuft, als christliche. Erst als er im Haus von Thomas N. in Minden an diesem bewölkten, kalten Samstag hörte, wie die anderen elf aus der Gruppe S. auch „rechte Unmutsäußerungen“ von sich gaben, sei er misstrauisch geworden. „Geht’s gar nicht ums Mittelalter?“, habe er sich gefragt. Abends habe er dann zu Hause „Wotans Erben“ gegoogelt – und „das hat mir dann gereicht, was ich gesehen habe“. Sechs Tage später dann „morgens um sechs das SEK im Haus“, Vernehmungen und Untersuchungshaft. „Da ist mir erst richtig klar geworden, um was es da ging.“

Immerhin sei er seit fast 30 Jahren im öffentlichen Dienst beschäftigt und „stehe zur Freiheitlichen Demokratischen Grundordnung“. Der 51-jährige habe „weder etwas mit rechts noch etwas mit links“ zu tun. 1992 schloss W. die Ausbildung zum Polizeivollzugsbeamten im mittleren Dienst mit „ausreichend“ ab. Aus gesundheitlichen Gründen wechselte er in den mittleren Verwaltungsdienst Nordrhein-Westfalens. Ab 1995 arbeitete er im Polizeipräsidium Hamm als Regierungsamtsinspektor, bearbeitete dort Verkehrsordnungswidrigkeiten.

Irgendwann soll der Spitzel angeregt haben, gegen Moscheen vorzugehen

Was er denn mit seinem Kumpel Thomas N., den einzigen, den W. vor dem Mindener Treffen gekannt haben will, über Politik gesprochen habe, will der Vorsitzende Richter Herbert Anderer wissen. Ähnlich politisch kritisch wie er selbst sei N.. Konkreteres, als dass es mit N. wie in Minden um Armut und Flüchtlinge gegangen sei, lässt W. nicht raus.

Nur: Irgendwann, als ihm dämmerte, dass das kein Treffen von Mittelalterfans war, da habe der Paul-Ludwig U. gesagt, „man muss gegen Moscheen vorgehen“. So etwas wie im australischen Christchurch, wo ein Rechtsradikaler bei einem Angriff auf zwei Moscheen im März 2019 insgesamt 51 Menschen tötete, 50 verletzte. W. will den Anschlagsplan kritisiert haben: „Das wäre doch Schwachsinn gewesen.“

Überhaupt: Am Informanten des Landeskriminalamtes, der mit seinen Aussagen bereits im Sommer 2019 die Ermittler auf die Spuren der Gruppe S. brachte, lässt W. kein gutes Haar. Dabei verbrachte er in den fast viereinhalb Stunden des Treffens intensiv Zeit mit U., der bereits am Vorabend bei Gastgeber N. eintraf: Nach 15 Minuten sei der gegangen, als W. und sein Kumpel N. über Mittelalterzeugs sprachen. Mit seinen zahlreichen Straftaten habe der sich gebrüstet.

Thorsten W. belastet den Polizeispitzel stark

Bei den Besprechungen habe U. zwei Plätze rechts von ihm gesessen. Drogenkonsum unterstellt W. dem Polizeispitzel: Bei den fünf Raucherpausen des Treffens habe U. unentwegt etwas aus einer silbern eingeschlagenen Klopapierrolle geraucht. Aufmerksamkeit habe der erhaschen wollen, sich in den „Mittelpunkt gedrängt“.

Nur: Als W. die Teilnehmer des Treffens anhand von Fotos identifizieren soll, erkennt er U. nicht. „Nein, kenne ich nicht. Wüsste ich auch nicht, ob der da war“, sagt W. ohne zu zögern, als das Foto gezeigt wird, dass Polizisten während der erkennungsdienstlichen Behandlung U.s bei der Festnahme der 13 Mitglieder der Gruppe S. sechs Tage nach dem Treffen in Minden machten.

Einschlägiger „Freundeskreis“

Als Spezialkräfte W. am 14. Februar 2020 morgens festnahmen und sein Haus durchsuchten, fanden sie 168,4 Gramm Marihuana, 28,7 Gramm Tabak-Marihuana-Gemisch und 15 fertige Joints. „Zum Eigenkonsum“, räumte W. bei seiner ersten Vernehmung ein. In Nordrhein-Westfalen sind deshalb weitere Verfahren gegen W. anhängig. Seine Freundin sprach in ihrer Vernehmung von depressiven Verstimmungen, von Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen.

Ermittler fanden heraus, W. sei Anhänger der rechtsextremen „Identitären Bewegung“, Abonnent der Zeitschrift „Junge Freiheit“, die sich als Sprachrohr der „Neuen Rechten“ sehe. 2006 trat W. dem „Freundeskreis der Truppenkameradschaft der 3. SS-Panzer-Division Totenkopf“ bei. Auf einer Internetplattform teilte er den Post: „Wir müssen von Zeit zu Zeit Terroranschläge verüben, bei denen unbeteiligte Menschen sterben. Das primäre Ziel eines solchen Anschlages sind nicht die Toten, sondern die Überlebenden, denn die gilt es zu lenken und zu beeinflussen.“

Bei den Richtern wohl auch deshalb fragende Blicke, als W. darstellt, er habe U. widersprochen, als der gegen „Moscheen vorgehen“ wollte. So was solle man besser sein lassen, will er gesagt haben.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: