Hans Dieter und Stefanie Haller mit ihrem Leierkasten. Foto: Ulrike Hahn (z)

In Bad Cannstatt erfreuen seit vielen Wochen und Monaten Stefanie und Hans Dieter Haller die Nachbarn mit ihrem Leierkastenspiel. Für Heiligabend haben sie sich etwas Besonderes ausgedacht.

Bad Cannstatt - Die Corona-Pandemie sorgte in den letzten Monaten auch dafür, dass Menschen phantasievoll sind und sich überlegen, wie sie anderen eine Freude machen können. Schon im Frühjahr hat das Stefanie Haller gemacht. Die 78-jährige Cannstatterin hat schon beim ersten Lockdown im Frühjahr damit begonnen, mit ihrem Mann Hans Dieter Haller (83) auf dem Balkon immer um 18 Uhr für die Nachbarn zu musizieren. Mit einem ganz besonderen Instrument: einem Leierkasten. „Ich habe neun Wochen lang gespielt“, erzählt sie. Im März begannen sie damit, die Menschen in der Überkinger Straße zu erfreuen. Wie es dazu ganz genau kam, weiß sie nicht mehr. Eines Abends begann sie einfach.

Im Mittelpunkt dabei steht jedenfalls ihr Leierkasten. Und der hat seine eigene berührende Geschichte. Denn den hat sie von ihrer verstorbenen Freundin geerbt, erzählt Stefanie Haller. Der stand eigentlich bei ihnen einfach so im Keller. Gespielt hatte sie bislang damit so gut wie nicht. Und so wurde er in diesem Jahr zu neuem Leben erweckt. Eine andere Nachbarin mit einer Querflöte ließ sich ebenfalls vom Engagement der Hallers musikalisch beflügeln und spielte dann im Anschluss an die Leierkastenmusik auf ihrem Balkon mit ihrem Instrument. Im Sommer seien dann Familien im Hof gewesen und hätten sich an der Musik erfreut, erzählt Stefanie Haller.

Glücklcihe Nachbarn

Jetzt im Winter mit dem zweiten Lockdown natürlich nicht mehr. Da leben die Menschen zurückgezogen und kommen auf ihren Balkon, um zuzuhören. Im November hat sie wieder angefangen mit der Musik. Sie hat auch Weihnachtslieder, die sie auf dem Leierkasten spielen kann. Und das macht sie. Ihr Mann hilft ihr tatkräftig dabei. Sie wechseln sich ab beim Drehen der Drehorgel, die übrigens früher viel zur Weihnachtszeit im Einsatz war. „Meine verstorbene Freundin hat immer am Weihnachtsmarkt bei uns vor dem Haus damit gespielt“, erinnert sich Haller. Sie würde sich jetzt sicher sehr freuen, dass das Instrument, das wohl aus den 70er Jahren stammt, auf diese Weise neu zu Ehren und zum Einsatz kommt. Denn die Nachbarn nehmen die Musik sehr wohl wahr, freuen sich und klatschen. Nachbarn auf vielen Balkonen, weiß Haller. Auch die Querflötistin hat wieder zu spielen begonnen.

Als Dank für ihre musikalische Freude hat Haller kürzlich von den Nachbarn einen Weihnachtsstern als Pflanzengeschenk bekommen. Das hat sie sehr gefreut. Instrumente spielt Stefanie Haller eigentlich sonst nicht. „Wir haben im Bachchor gesungen bei meinem Schwiegersohn Jörg-Hannes Hahn“, sagt sie. Jetzt sind sie Leierkasten-Fans. Dreißig verschiedene Papierrollen haben sie für den Leierkasten und die Musik. Eine schöne Auswahl.

Überraschungskonzert

Und für Heiligabend haben sie sich etwas ganz Besonderes aufgehoben – Lieder, die sie noch nie gespielt haben. Das Überraschungskonzert beginnt an Heiligabend wieder, wie täglich, abends um sechs. Es dauert nicht lange. Nur ein paar Minuten. Doch Zeit genug, um den Menschen für ein paar Momente das Herz zu wärmen.

In der Sauerwasserstadt leben sie seit neun Jahren. Hans Dieter Haller ist zuvor Pfarrer in Kirchberg an der Jagst gewesen, bevor das Ehepaar nach Bad Cannstatt gezogen ist. „Wir kamen, weil unsere Tochter hier lebt“, sagt die gelernte Werklehrerin, die einst an Sonderschulen unterrichtet hat. Hallers haben drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne.

Mit der Pandemie kommt das Ehepaar gut zurecht. „Ich sehe es gelassen. Für mich ändert sich wenig“, sagt Hans Dieter Haller. Und zur Erklärung ergänzt er: „Ich bin schwerbehindert und habe einen Rollator.“ Auch seine Frau sagt: „Jetzt zum zweiten Mal nehme ich es eher hin“. Sie meint den Lockdown, das Herunterfahren des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft. Eines der vielen neuen Wörter, die in Zeiten dieser Pandemie in der Welt kursieren. Eines ist klar, mit ihrer Leierkastenmusik sorgen sie täglich dafür, dass kein Corona-Blues aufkommt. Und so spielen sie sich durch den Lockdown und überraschen die Nachbarn mit ihren Weihnachtsliedern.

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