Förster Matthias Holzmann mit Redakteur Tom Hörner und Mountainbiker Benjamin Herré im Kräherwald (von links) Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Zwei-Meter-Regel, eine Baden-Württemberger Spezialität, ist vielen Mountainbikern ein Dorn im Auge. Ob und wie man sie legal umfahren kann, diskutieren Mountainbiker Benedikt Herré und Förster Matthias Holzmann im dritten Teil unserer Videoreihe.

Stuttgart - Es war nicht das erste Zusammentreffen von Matthias Holzmann und Benedikt Herré im Stuttgarter Wald. Als Holzmann, Chef der Abteilung Forsten und Service im Garten-, Friedhofs- und Forstamt, vor gut einem Jahr seinen Job bei der Stadt antrat und ihm zu Ohren kam, dass Stuttgarts Wälder coronabedingt von Menschenmassen heimgesucht werden, stiefelte er los – und stieß auf einem illegalen Trail auf einen Mountainbiker. „Sie wissen schon, dass Sie hier eigentlich nicht fahren dürfen?“, sagte Stuttgarts Oberförster zu dem Radler. „Ja, schon“, antwortete Benedikt Herré, Erster Vorstand von Mountainbike Stuttgart e. V.

An Artenvielfalt mangelt es in der Runde nicht

Seither sind sich die beiden Männer immer wieder begegnet – und haben Vertrauen zueinander gefasst. Vorzugsweise bei ­Online-Konferenzen, in denen es darum ging, ein Freizeitkonzept für Stuttgarts Forste zu erarbeiten, das in erster Linie eines soll: ein gedeihliches Miteinander von Mensch und Natur gewährleisten. Wobei es vor allem auch zwischen Mensch und Mensch hin und wieder ordentlich knarzt.

Förster Holzmann und Radler Herré waren bei diesen Treffen nicht allein, auf der Tagesordnungsliste der Sitzungen findet man an die 30 Namen von Umweltschützern, Stadträten, Behördenvertretern, Anrainern. An Artenvielfalt mangelte es an dem imaginären Runden Tisch nicht. „Wenn jedes Mal alle Interessenvertreter dabei gewesen wären, dann würden da wohl 80 Namen stehen“, erklärt Holzmann. Woraus man ersehen kann, dass das Erstellen eines Freizeitkonzepts für den Wald keine einfache Sache ist. Und es auf die Frage „Wem gehört eigentlich der Wald?“ keine simple Antwort gibt. Fuchs und Hase jedenfalls sind nicht die Einzigen, die einen Anspruch auf den Forst anmelden. Vor allem im Coronafrühjahr und -sommer 2020 wurde das deutlich, als die Menschen nicht verreisen konnten und die Wälder in und um Stuttgart an Wochenenden regelrecht überrannt wurden.

Rund 100 Kilometer inoffizielle Pfade

Erste Früchte der Zusammenkünfte konnte man bereits ernten, erzählen Herré und Holzmann bei unserem Interview. Im Vergleich zum Vorjahr, meint Förster Holzmann, gehe es in Stuttgarts Wäldern derzeit deutlich stressfreier zu, was nicht nur an dem bisher regenreichen Jahr liege. „Es ist gut, dass wir Schützer und Nutzer des Waldes an einen Tisch bekommen haben. So konnten wir die Situation entschärfen.“ An diesem Morgen, im Kräherwald unterhalb vom MTV-Sportplatz, soll es bei unserem Videointerview vor allem um die Anliegen der Mountainbiker gehen, die in Stuttgarts Wäldern nicht selten auf illegalen Pfaden unterwegs sind.

Es ist der dritte und letzte Teil unserer Videoreihe. Bisher trafen bei Gesprächen ein Autofahrer und ein Radler sowie ein Fußgänger und eine Radlerin zusammen.

Eine genaue Bestandsaufnahme hat Radler Herré noch nicht gemacht, schätzt aber, dass es auf Stuttgarter Gemarkung so um die 100 Kilometer inoffizielle Pfade abseits der offiziellen breiten Wege gibt. Dieser Wildwuchs ist selbst passionierten Geländefahrern zu viel, weshalb die Männer und Frauen von Mountainbike Stuttgart e. V. beispielsweise die Aktion „Bikerfrieden 2021“ ins Leben gerufen haben.

In professionell gemachten Erklärvideos, auf der Facebook-Seite von Mountainbike Stuttgart zu begutachten, erklärt Schriftführer Micha Och, wie man sich auf dicken Stollenreifen ordentlich durch die Botanik bewegt, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen. Ein Dorn im Auge ist den Mountainbikern nach wie vor die sogenannte Zwei-Meter-Regel, eine baden-württembergische Spezialität, die Radfahren auf schmalen Wegen im Wald grundsätzlich verbietet. Diese könne die Stadt zwar nicht aufheben, meint Abteilungsleiter Holzmann, „aber die untere Forstbehörde, die bei mir angesiedelt ist, kann Ausnahmen zulassen“. Davor müsse ein artenrechtliches Gutachten eingeholt werden. Damit sei derzeit eine Firma betraut, aber das gehe nicht von heute auf morgen. So müsse man etwa die nächste Brutzeit der Vögel abwarten, um abschätzen zu können, ob eine Strecke gewissen Arten gegen den Strich laufe. Hinzu kommt: „Auf über 90 Prozent des Stuttgarter Waldes liegt eine Naturschutzkulisse“, sagt Holzmann.

Wider die Zwei-Meter-Regel

Die ersten Trails werden 2023 legalisiert

Bis wann können Stuttgarts Mountainbiker mit legalen Trails rechnen? Nicht vor 2023, meinen Holzmann und Herré. „Das Freizeitkonzept wird Ende des Jahres stehen“, schätzt Holzmann. „Bis die Artenschutzgutachten da sind, wird es Mai, Juni 2022. Dann steigen wir in die Genehmigungsverfahren ein.“ Sollte alles wie geplant laufen, ist allerdings kaum zu erwarten, dass massenhaft illegale Pfade in legale umgemünzt und Stuttgarts Wälder von Mountainbike-Strecken nur so durchzogen werden. Derzeit habe man drei Trails von insgesamt 2,5 Kilometer Länge im Blick, sagt Förster Holzmann.

Können die Biker damit leben? „Wir verstehen das als Anfang, als Probelauf“, sagt Mountainbike-Vorstand Herré. „Es wir aus unserer Sicht nicht dabei bleiben. So ein Freizeitkonzept wird ja nicht in Beton gegossen.“

Im Schönbuch gibt es 100 Kilometer legale Strecken

Wem das nicht reicht, der könnte auf den Naturpark Schönbuch südlich von Stuttgart ausweichen, dem größten geschlossenen Waldgebiet Württembergs.

Dort sind für Mountainbiker inzwischen 100 Kilometer mit gelben Hinweistafeln ausgeschildert, knapp ein Viertel davon auf schmalen Trails.

Die 2,5 Kilometer wären immerhin mal ein Anfang. Und Benedikt Herré müsste sich nicht mehr den Hinweis anhören, dass er hier eigentlich nicht fahren dürfe.

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