Winfried Kretschmann in der Talkshow von Markus Lanz, die am späten Mittwochabend ausgestrahlt wurde. Foto: ZDF/Cornelia Lehmann

Erst Robert Habeck, dann Cem Özdemir – und jetzt Annalena Baerbock. Immer wieder hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann einen neuen Vorschlag für die Kanzlerkandidatur der Grünen. Obwohl seine Partei stets wenig angetan ist von Personaldebatten.

Stuttgart - Winfried Kretschmann hat es wieder getan. Erneut hat der Ministerpräsident ein Mitglied der Grünen-Führung für die Kanzlerkandidatur vorgeschlagen – obwohl die Begeisterung über seine Einlassungen bei der eigenen Partei in Berlin stets gering ist. Diesmal hat es die Covorsitzende Annalena Baerbock getroffen. „Ich habe sie erlebt bei uns auf dem politischen Aschermittwoch und dachte: wow“, berichtet Kretschmann bei „Markus Lanz“ (ZDF). „Ich war wirklich sehr angetan. In der Frau steckt einfach unglaublich viel drin, die hat Entwicklungspotenzial.“

Es gebe Menschen, die würden im Amt wachsen und welche, die scheitern – „oder was dazwischen“, führt der Regierungschef aus. „Ich hatte bei ihr nach dieser grandiosen Rede – sehr präzise, sehr klar, aber auch einnehmend – das Gefühl, die würde sich in so einem Amt entwickeln und stark werden.“ Auf Nachfrage des Moderators outet sich Kretschmann als Fan von Baerbock. „Ja. Kann man so sagen.“

Immer neue Personaldebatten dank Kretschmann

Diese neue Vorliebe hatte ein Vorspiel: Ende Oktober hatte er bei einer Show des Entertainers Harald Schmidt in Stuttgart Robert Habeck auf den Schild gehoben und den Covorsitzenden als seinen Favoriten für die Kanzlerkandidatur im nächsten Jahr benannt, ohne Baerbock zu erwähnen. Der Habeck sei ihm „rausgerutscht“, bekennt Kretschmann in der TV-Talkrunde.

Nach einer Welle von grünem Unmut ruderte er seinerzeit zurück – um schon Anfang Dezember den früheren Parteichef Cem Özdemir als kanzlerfähig einzustufen. Dies sei „auch nicht zufällig“ gewesen, fügt er nun an. Dabei ist es doch gerade die Strategie der Grünen, Personaldebatten so weit es geht unter dem Deckel zu halten.

Entschuldigen in Berlin? Das glaubt er nicht

Gut möglich, dass Kretschmann nun gegenüber Baerbock etwas gutmachen wollte. Den Vorhalt, dass er sich immer wieder entschuldigen müsse bei der Bundespartei und dass entsprechende Mails dort angeblich gesammelt würden, weist er aber zurück: „Entschuldigungen? Von mir – das glaube ich nicht. Ich beleidige ja nicht dauernd Leute.“

Nicht so sehr festlegen will sich der Schwabe im Führungsstreit der CDU. Friedrich Merz zum Beispiel hält er aus Grünen-Sicht keineswegs für die schwierigste Option unter den drei zur Verfügung stehenden Kandidaten. „Ein klar strukturiert denkender Mensch mit klaren Vorstellungen zu Europa“, lobt er den Konservativen. Armin Laschet wiederum, den Amtskollegen aus Nordrhein-Westfalen, schätze er „außerordentlich“. Und mit dem Umweltpolitiker Norbert Röttgen hat Kretschmann einst am Endlagersuchgesetz gearbeitet – auch über den könne er „nur Bestes“ sagen. „Das sind alles Kandidaten, mit denen wir geschirren können, wie man schwäbisch sagt.“

Keine Versprechungen für fünf Jahre

Klar scheint bei Kretschmann vor allem, dass für ihn praktisch nur ein Bündnis mit den Schwarzen in Frage kommt. „Ich bin kein Anhänger von Rot-Rot-Grün oder ähnlichen Konstellationen.“ Er glaube nicht, dass man mit der Linken eine Wirtschaftspolitik in seinem Sinne machen könne. Gleiches gelte für eine Außenpolitik, bei der Europa seine Verantwortung auch in internationalen Konflikten stärker annehme. „Es ist klar, dass ich andere Konstellationen bevorzuge.“

Zu der Frage, ob er nach der zweiten erhofften Wiederwahl 2021 die volle fünfjährige Legislaturperiode durchhalten werde, äußert sich der Ministerpräsident deutlich vorsichtiger als in den vergangenen Monaten. „Man muss gesund sein, man muss die Kraft und den Willen haben.“ Den Willen habe er jetzt – „ob ich den in drei Jahren noch habe, weiß man nicht“. Er wolle nicht Versprechungen machen, die er nachher nicht einhalten könne. „Das ist ein anstrengendes Amt – ob man das in jeder Situation machen möchte und machen kann, weiß man vorher nicht.“

Die Familie hat sowohl gewarnt als auch zugeraten

Monatelang habe er mit sich gerungen und „zum Schluss durchgerungen“, bis sein Entschluss, noch einmal anzutreten, feststand. Dann erzählt Kretschmann, wie seine Kinder reagiert hätten in dieser Zeit. Seine Tochter hätte gesagt: „Papa, es gibt genug alte Männer, die nicht aufhören können.“ Sein jüngster Sohn habe beigepflichtet: „Deine Enkel wollen dich jetzt und nicht später.“ Der ältere Sohn wiederum habe widersprochen: „Das wird deinen Alterungsprozess aufhalten, wenn du es noch mal machst.“ Und seine Frau Gerlinde habe „ganz überraschend“ gesagt: „Du machst es noch mal.“

An zwei Stellen des Gesprächs zeigt der 71-Jährige leichte Hänger: Einmal philosophiert er über die richtige Mitte in der Politik zwischen Übermaß und Mangel. „Das hat uns Aristoteles schon vor zweieinhalb Jahren auf den Weg gegeben.“ Woraufhin Markus Lanz schnell auf zweieinhalbtausend Jahre erhöht. Kurz zuvor muss sich Kretschmann bei seinen Ausführungen über notwendige europäische Projekte aushelfen lassen, als ihm der Name des europäischen Satellitennavigationssystems Galileo nicht gleich einfällt. „Bei Zukunftstechnologie wie der Künstlichen Intelligenz müssen wir einen eigenen europäischen Weg gehen“, mahnt Kretschmann dann wieder zukunftsgewandt – und textsicher.

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