Neuer Chef, neuer Ton: Michael Leiters setzt bei Porsche auf harte Ansagen. Warum Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche einen radikalen Kurswechsel wagt – und was auf dem Spiel steht.
Wechseln Manager an die Spitze eines neuen Unternehmens, gestalten sie den Übergang sehr unterschiedlich. Die einen gehen behutsam mit dem Erbe des Vorgängers um, betonen Kontinuität und versuchen, Ängste vor radikalen Veränderungen zu nehmen. Andere setzen bewusst auf Brüche, wollen die Organisation aufrütteln – notfalls auch, indem sie Verunsicherung und Angst erzeugen.
Über Michael Leiters (54), der zum 1. Januar den gut zehn Jahre amtierenden Porsche-Chef Oliver Blume ablöste, lässt sich zumindest eines sagen: Er gehört nicht zur ersten Kategorie. Schon in den ersten vier Wochen sorgte er im Kreis der Führungskräfte für Irritationen – weniger wegen seiner schonungslosen Analyse der Lage, die viele teilen. Umso mehr aber wegen seines Stils.
Dass Leiters den langjährigen, hoch angesehenen Chefdesigner Michael Mauer Knall auf Fall vor die Tür setzte, wirkte auf manche, als wolle er mit der Ära Blume demonstrativ brechen – schließlich ist Mauer einer von Blumes engsten Vertrauten. Auch Leiters’ Ansage bei einer Zieleklausur des VW-Konzerns, man werde sich im kommenden Jahr nicht mehr in diesem Kreis treffen, wurde als wenig konstruktiv empfunden. Sie klang für manche wie die Ankündigung, dass bald Köpfe rollen werden – und zwar ihre eigenen.
Diese Episoden unterstreichen, wie grundverschieden Leiters und sein Vorgänger auftreten. Auch Blume setzt seinen Managern ambitionierte Ziele. Zugleich versucht er, diesen Druck kommunikativ abzufedern: Seine Sprache ist stark vom Sport geprägt, von Teamgeist, Gemeinsamkeit und Wettbewerb.
Warum also entschied sich der Porsche-Aufsichtsrat für einen Manager, der so anders tickt?
Leiters ist bei Porsche kein Unbekannter
Leiters ist in Zuffenhausen kein Unbekannter. Er war lange Jahre bei Porsche, unter anderem von 2003 bis 2006 als Assistent des damaligen Vorstandsvorsitzenden Wendelin Wiedeking, der Porsche über viele Jahre prägte und das Unternehmen vom Sanierungsfall zu einem der profitabelsten Autobauer der Welt machte. Wiedeking ließ keinen Stein auf dem anderen. Nun, da der Gewinn den roten Zahlen gefährlich nahe kommt, will sich Porsche offenbar auf diese Ära rückbesinnen.
Getroffen wurde die Entscheidung im Aufsichtsrat der Porsche AG, dessen Vorsitzender Wolfgang Porsche in der Öffentlichkeit oft als konzilianter Repräsentant seines Familienstamms wahrgenommen wird. Zu diesem Bild trägt nicht nur sein österreichischer Charme bei, sondern auch seine Rolle im jahrelangen Machtkampf um die Kontrolle des Volkswagen-Konzerns. Hier der sanft auftretende Wolfgang Porsche, der Wiedeking nach dessen Rauswurf öffentlich verabschiedete und mit tränenerstickter Stimme sagte: „Der Mythos Porsche lebt und wird niemals untergehen.“ Dort der gefürchtete Machtmensch Ferdinand Piëch mit stählernem Blick und maliziösem Lächeln, der mit wenigen Sätzen viele Karrieren beendete.
Das Bild vom zartbesaiteten Wolfgang Porsche täuscht
Doch das Bild vom zartbesaiteten Wolfgang Porsche, der harte Entscheidungen scheut, täuscht, sagt jemand, der ihn kennt. Es sage mehr über den starken Kontrast zu Piëch als über Porsche selbst. Er mag geduldiger sein, im Ton weicher – doch am Ende zählen auch für ihn Erfolg und Vermögensmehrung mehr als der persönliche Draht zu seinen angestellten Vorstandsvorsitzenden. Auch Wolfgang Porsche kann harte Schnitte setzen. Die Berufung von Leiters ist einer davon.
Mit wirtschaftlichem Erfolg konnte Blume nach einer jahrelangen Serie mit immer neuen Rekorden zuletzt nicht mehr dienen – trotz einer beispiellosen Modelloffensive, bei der er oft eine glückliche Hand bewies. Doch die wichtigsten Märkte – USA und China – entwickelten sich so, dass Porsche davon besonders betroffen ist.
Für die Eigentümerfamilien als Großaktionäre ist besonders schmerzhaft, dass der Kurs ihrer Porsche-Aktien in den vergangenen drei Jahren um mehr als 60 Prozent gefallen ist – und damit dreimal so tief wie der des Mercedes-Konzerns, der ebenfalls unter der Branchenkrise leidet.
Die Entscheidung für Leiters deutet darauf hin, dass bei Porsche nicht nur der Chef, sondern auch der Kurs gewechselt werden soll – und das auf radikale Weise. Schon die Berufung Wiedekings im September 1992 war ein radikaler Schritt. Er ersetzte damals den verzagt wirkenden Arno Bohn und baute den Konzern in kürzester Zeit um. Ganze Managementebenen verschwanden, Hauptabteilungsleiter verloren ihre Posten, die Fertigung wurde radikal verändert in einer Weise, die ebenfalls weniger Hierarchien benötigte. In seinen 17 Jahren an der Spitze stieg der Börsenwert von rund 300 Millionen auf zeitweise bis zu 25 Milliarden Euro. Die ersten Ansagen von Leiters erinnern stark an die ersten Wochen seines Lehrmeisters Wiedeking.
Wiedeking war mehr als nur ein Porsche-Chef
Wiedeking war allerdings mehr als nur ein Vorstandsvorsitzender. Er war die Galionsfigur des Unternehmens, nach außen wie nach innen. Als Vorstandsvorsitzender modernisierte er die Fertigung radikal, senkte Kosten und steigerte zugleich Qualität und Modellvielfalt. Gescheitert ist er nicht als Manager, sondern an seinem Versuch, den um ein Vielfaches größeren Volkswagen-Konzern zu übernehmen. Dieser Schritt machte Porsche zeitweise zum Spekulanten – und Wiedeking zum tragischen Helden.
Das wichtigste Ergebnis seiner Amtszeit aber lässt sich in keiner Excel-Tabelle ablesen: Wiedeking wurde zur Galionsfigur und gab den Beschäftigten nach Jahren der Krise den Stolz auf ihr Unternehmen zurück – nicht nur, weil die wirtschaftlichen Ergebnisse wieder stimmten, sondern auch, weil sie zu ihrem charismatischen Chef aufschauen und sich wieder mit Porsche identifizieren konnten.
Gerade jetzt, da das Unternehmen massiv unter Druck steht, würde ein neuer Wiedeking, der eine Aufbruchstimmung erzeugt und neue Kräfte freisetzt, Porsche nicht schaden. Davon, ob Leiters dies gelingt, wird für Porsche vieles abhängen.