Bei der Schau „Marvel – Universe of Super Heroes“ im Kölner Odysseum lassen Spider-Man, The Hulk und Co. die Muskeln spielen und erzählen die Erfolgsstory des Comicverlags.
Giftig-grün ragen die Muskelpakete des grimmigen Hulk aus einer mit Comics tapezierten Wand, als ob sich der Koloss gerade mit seiner Riesenfaust durchs Mauerwerk gehauen hätte. Das Ding, dieses bruddelig-versteinerte Ungetüm, das ein Viertel der Fantastischen Vier ist, lehnt derweil entspannt mit einer riesigen Kaffeetasse in der Pranke an einem Küchentisch. Im Halbdunkel lauert Spider-Man, auf einem Podest posiert The Black Panther, und von einer Parkbank grüßt lächelnd Ms. Marvel.
Ausbruch aus der Sprechblasenwelt
Im Kölner Odysseum, in dem schon die Dinosaurier aus „Jurassic Park“, der Pharao Ramses oder Harry Potter zu Hause waren, dürfen sich ein paar Monate die Heldinnen und Helden aus der Welt der Marvel-Comics breitmachen, bevor das Abenteuermuseum schließt und in eine Gesamtschule umgewandelt wird. Die Ausstellung „Marvel – Universe of Super Heroes“ erzählt dort noch bis zum 22. Juni die Geschichte des Verlags, der vor 86 Jahren gegründet wurde und der auch die Heimat von Thor, Captain Marvel und Daredevil, von den Guardians of the Galaxy, den Avengers und den X-Men ist, also all jener Comicstars, denen es längst in der Welt der Sprechblasen zu klein geworden ist und die sich nun im Kino austoben.
Zwischen Comic- und Filmwelt
Die Schau will Fans der Comics und der Filme gleichermaßen gerecht werden. Zu bestaunen gibt es neben Filmkostümen und -requisiten wie Thors Hammer Mjölnir oder Captain Americas Schild auch Original-Comic-Zeichnungen wie die erste Seite aus dem Heft „Fantastic Four Nr. 14“ aus dem Jahr 1963 von Jack Kirby und Dick Ayers. Man kann Selfies mit The Hulk, Ms. Marvel oder Spider-Man machen, sich in Doctor Stranges Spiegelkabinett die Sinne verwirren lassen oder mit Computerunterstützung Iron Mans Rüstung anlegen.
Zudem gibt es Sammlerkostbarkeiten zu sehen, wie eine Ausgabe des 1939 veröffentlichten Hefts „Marvel Comics #1“. Hitler hatte Europa gerade den Krieg erklärt, in den USA war man noch damit beschäftigt, sich von der Wirtschaftskrise zu erholen, als der Verlag, der damals Timely Publications hieß und später in Marvel umbenannt werden sollte, diesen Comic herausbrachte, der von bizarren Kreaturen erzählte, die die gesellschaftliche Realität nicht kümmerte. The Human Torch und The Sub-Mariner standen für die Elemente Feuer und Wasser – und taugten nicht wirklich zu Superhelden.
Marvels Superhelden sind irgendwie anders
Namor, der Sub-Mariner, besaß zwar übermenschliche Kräfte und konnte unter Wasser atmen. Sein erstes Abenteuer endet aber damit, dass er mit bloßen Händen ein Schiff an den Klippen zertrümmert und einige Taucher ermordet, weil er sie für Roboter hält. The Human Torch – also die menschliche Fackel – war dagegen tatsächlich ein amoklaufender, entflammter Roboter. Am ehesten noch an einen richtigen Superhelden erinnerte in der Premiere der Reihe „Marvel Comics“ ein kostümierter Verbrechensbekämpfer namens The Angel, der aber ohne Superkräfte auskommen musste.
Von Anfang an waren die Marvel-Helden irgendwie anders, hatten nichts gemein mit diesem Strahlemann im roten Cape, den der DC-Verlag ein Jahr zuvor erstmals durch Metropolis hatte fliegen lassen: Er sollte der erste und stärkste aller Comic-Superhelden sein und wurde deshalb schlicht Superman genannt.
Erst gegen Nazis, dann gegen Superschurken
Es sollte bis März 1941 dauern, bis Marvel Comicfans einen klassischen Helden lieferte, einen Patrioten, der für Amerika in den Krieg zog: Der zum Supersoldaten Captain America mutierte Steve Rogers lehrte mit Sternenbanner auf der Brust Nazis das Fürchten. „Wir werden dich Captain America nennen, Sohn! Denn genau wie du soll Amerika die Kraft und den Willen aufbringen, unsere Küsten zu schützen!“, schrieb Joe Simon in einer der Sprechblasen in „Captain America Comics #1“.
Captain America, der längst statt Nazis Superschurken jagt, ist zwar einer der dienstältesten Helden im Marvel-Universum. Doch in seinem ungebrochenen Heroismus ist er eine Ausnahmeerscheinung. Der Verlag, der seit 1962 Marvel Publishing heißt und inzwischen zum Disney-Konzern gehört, bevorzugt abseitige Charaktere und Außenseiter, Geschichten, in denen Gut und Böse nah beieinanderliegen, und Helden, deren Schwächen fast so groß sind wie ihre Superkräfte. Von der Verlagszentrale in Manhattan aus werden immer neue Comichelden in die Welt hinausgeschickt. Die heute berühmtesten stammen aus den 1960er Jahren – wie etwa Die Fantastischen Vier (1961), Spider-Man (1962), Hulk (1962), Thor (1962), die X-Men (1963), Iron Man (1963), Daredevil (1964) oder der Silver Surfer (1966).
Fast alle Superstars des Marvel-Universums hat sich Stan Lee (mit-)ausgedacht. Der Comicautor hatte 1941 als 19-Jähriger bei Marvel angefangen, war zunächst dafür verantwortlich, die Tintenfässchen der Zeichner zu füllen. In den 1960er Jahren bildete er dann mit den Zeichnern Jack Kirby und Steve Ditko das Marvel-Dreamteam, prägte die Marke nachhaltig.
Märchen für Erwachsene
„Comics sind für mich Märchen für Erwachsene“, hat Stan Lee (1922-2018) einmal gesagt. Kreativ war Lee, der bis zum Marvel-Geschäftsführer aufstieg, aber nicht nur beim Erfinden von Superhelden, sondern auch bei deren Vermarktung. Schon in den 1980ern begann er damit, TV- und Filmprojekte für Marvel zu vermitteln. Seit 1993 produzieren die Marvel Studios Fernseh- und Kinoableger der Comicstorys. Und Lee ließ es sich nicht nehmen, sich in den Verfilmungen stets kleine Gastauftritte zu sichern.
Obwohl die Kinofassungen der Marvel-Heldenstorys heute erfolgreicher sind als die Comics selbst, bilden sie nur bruchstückhaft das gigantische Universum der Fantasie ab, das vor 86 Jahren entstand und täglich weiter wächst. Die Kölner Ausstellung aber bietet die wunderbare Möglichkeit, beide Seiten des Marvel-Kosmos zu erkunden.
Marvel – Universe of Super Heroes. Ausstellung im Odysseum Köln bis zum 22. Juni