Quelle: Unbekannt

Von Jan-Philipp Schütze

Majestätisch gleitet das Storchenmännchen mit ausgebreiteten Flügeln durch die Luft über dem Sonnenhof, dreht vor dem strahlend blauen Himmel anmutig seine Runden und landet schließlich mit einem Zweig im Schnabel bedächtig in seinem Nest. Das dort wartende Weibchen quittiert die Ankunft des frischen Nistmaterials mit lautstarkem Geklapper, das über das weitläufige Gehöft schallt. Hier auf dem Sonnenhof oberhalb von Mühlhausen scheint die Welt noch in Ordnung. Mit seinen vielen Tieren, seinem Hochseilgarten und seinem Hofcafé ist der Erlebnis-Bauernhof vor allem bei Familien ein beliebtes Ausflugsziel. Seit Kurzem ist das idyllische Kleinod am äußersten Rand der Landeshauptstadt um eine Attraktion reicher.

Vor fünf Tagen hat sich zum ersten Mal ein Storchenpaar auf dem Sonnenhof zum Nisten niedergelassen. Für Hofbesitzer Lutz Hörr ist damit ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen. Bereits vor fünf Jahren ist Hörr von einer pädagogischen Mitarbeiterin des Hofes auf die Aktivitäten des Vereins SOS Weißstorch aufmerksam gemacht worden. Der Verein, der im Südwesten mit mehreren Regionalgruppen vertreten ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Population der Tiere in bestimmten Gegenden gezielt wieder zu erhöhen. „Ich fand es eine schöne Vorstellung, dass Weißstörche auch bei uns wieder angesiedelt werden könnten“, erzählt Hörr. Mithilfe des Vereins ließ er deshalb auf den Dächern von drei Hofgebäuden hölzerne Wagenräder installieren. Anders als andere Vogelarten nisten Störche nicht einfach so in Bäumen, sondern brauchen ein gezieltes Nistangebot. Um den Störchen gute Rahmenbedingungen zu verschaffen, wurden auf dem Sonnenhof zudem ein Feuchtbiotop und ein künstlicher Bach angelegt. „Störche nisten nur dort, wo im Umkreis von fünf Kilometern ein ausreichendes Nahrungsangebot vorhanden ist“, weiß Hörr.

Schon in den vergangenen beiden Frühjahren hatte der Sonnenhof auf den umliegenden Feldern immer wieder Besuch von mehreren Störchen bekommen. Die Tiere legten aber lediglich auf dem Rückweg aus ihren Winterquartieren eine kurze Rast ein, ehe sie weiterflogen. Nun hat sich ein Storchenpaar entschieden, länger auf dem Hof zu bleiben. Die Wahl der beiden fiel auf den mittleren der drei Nistplätze auf dem Dach des Ross-Stalls, den sie nun wortwörtlich unter ihre Fittiche genommen haben. „Zuerst waren sie nur tagsüber zu sehen, seit zwei Nächten übernachten sie auch hier“, berichtet Hörr. Immer wieder machen sich die beiden Vögel auf, um Nistmaterial heranzuschaffen, auch die ersten Paarungsversuche sind bereits zu beobachten.

Sollte es tatsächlich Nachwuchs geben, wäre das eine kleine Sensation. In der Gegend und auch im angrenzenden Landkreis Ludwigsburg habe sich seit 60 Jahren kein Storchenpaar zum Brüten niedergelassen, so Hörr. Doch weil die Weißstorchpopulation in den vergangenen Jahren vor allem in Baden-Württemberg stark zugenommen habe, so Hörr, sei für die Tiere auch die Notwendigkeit gestiegen, sich neue Brutgebiete zu suchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Störche just den Sonnenhof als geeignetes Plätzchen auswählen, sei aber trotzdem gering gewesen. Umso mehr freut sich Hörr, dass es nun doch geklappt oder, besser gesagt, geklappert hat. „Für mich sind Störche ein Sinnbild der guten alten Zeit, einer heilen Welt“, sagt Hörr. Es sei faszinierend, wie viele Mythen sich um die Tiere ranken. Vielerorts gilt der Weißstorch als Glücksbringer, als Klapperstorch überbringt er der Legende nach die Babys. Das passe besonders schön, so Hörr, da auf dem Sonnenhof auch Hochzeiten gefeiert werden können. Möglicherweise bekommt das Storchenpaar schon bald Nachbarn. Hörr hat in der Umgebung des Hofes zuletzt drei weitere Störche beobachtet, darunter ein anderes Pärchen. Ob sie ebenfalls einen der verbliebenen Nistplätze beziehen, bleibt abzuwarten. Die Chancen, dass auch im nächsten Jahr wieder Störche den Sonnenhof ansteuern werden, stehen gut. Die Vögel, die mehr als 35 Jahre alt werden können, sind wahre Gewohnheitstiere. „Sie bleiben zwar nicht ihrem Partner, aber ihrem Nest treu“, sagt Hörr.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: