Wie hier auf der Anlage des VfL Stuttgart wurden viele Sportplätze gesperrt. Nun sind Sportstätten unter bedingten Auflagen wieder geöffnet. Foto:  

Auch im Sport wurden seit Montag die Corona-Regeln gelockert. Vereine freuen sich, haben aber auch Fragen.

Bad Cannstatt - Graf Zahl, der rosa Vampir mit dem Monokel aus der Sesamstraße, hätte seine Freude an den neuen Corona-Verordnungen gehabt – im Speziellen mit den unterschiedlichen Inzidenzzahlen. Für Dominik Hermet, den Geschäftsführer des Sportkreises Stuttgart, ist der Stufenplan aber gleichbedeutend mit erhöhter Verweildauer am Telefon. Seit vergangenem Montag klingelt es unentwegt am Schreibtisch seines Arbeitsplatzes im dritten Stock des Haus des Sports. Vereinsvertreter aus den unterschiedlichen Sportarten sind am anderen Ende der Leitung, wollen wissen, was für sie in Sachen Sportbestimmungen gilt – was sie dürfen und was sie nicht dürfen und wie der Stufenplan an die Inzidenzzahl gekoppelt ist.

Generell herrsche bei den Vereinen Freude über Lockerungen und die Aussicht auf Sporttreiben, aber auch die Ungewissheit und Verwirrung, wie weit die Lockerungen gehen, weiß Hermet. Laut Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg (Inzidenzzahl zwischen 50 und 100) „ist beispielsweise der Betrieb von Sportanlagen und Sportstätten im Freien und geschlossenen Räumen (ohne Schwimmbäder) für den kontaktarmen Freizeit- und Amateurindividualsport mit maximal fünf Personen aus nicht mehr als zwei Haushalten erlaubt. Ein interessanter Aspekt, vor allem für Tennisvereine, die sich dann auch beim Sportkreis meldeten, und wissen wollten, ob sie ihre Hallen wieder aufmachen dürfen. Hermet meint „ja“. Auch der Württembergische Tennisverband (WTB), dessen gemeinsamer Eilantrag mit dem badischen Tennisbund zur Öffnung der Hallen für Freizeit- und Breitensport noch Ende vergangener Woche vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim abgewiesen wurde, bestätigt: „Das Spielen in der Halle ist unabhängig von der Anzahl der Plätze wieder erlaubt. Es dürfen sich aber nur zwei Haushalte, maximal fünf Personen, gleichzeitig in der Halle aufhalten“, sagt Julia Klassen, beim WTB für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. So lässt es der WTB auch auf seiner Homepage verlauten. Erlaubt ist das Indoorspielen bis zu einem Inzidenzwert von 100.

Darüber hinaus sieht die Verordnung bei einem Inzidenzwert bis 100 auch „kontaktarmen Sport in Gruppen von bis zu 20 Kindern bis einschließlich 14 Jahren im Freien“ vor. Doch was bedeutet kontaktarmer Sport, im ersten Lockdown stand noch der Begriff kontaktlos. Ein Passus, über den sich der Sportkreis-Geschäftsführer Hermet auch Gedanken gemacht hat. „Ein normales Fußballspiel ist sicherlich nicht kontaktarm. Wenn aber ein Kind, um einen Mitspieler, der nicht eingreift, dribbelt, könnte das kontaktarm bedeuten.“

Für die Wiederaufnahme des Fußball-Trainingsbetriebs im Aktivenbereich scheint die neue Kontaktregel mit zwei Haushalten nicht geeignet. Interessant werde es erst ab dem 22. März, sagt Harald Müller, der Spielausschussvorsitzende des Württembergischen Fußballverbandes (WFV) da könnte Kontaktsport im Freien wieder freigegeben werden. Die Betonung liegt aber auf könnte. Denn gleich mehrere Voraussetzungen müssten eintreffen: Die Inzidenzzahl zwei Wochen lang konstant zwischen 50 und 100 bleiben und gleichzeitig ein tagesaktueller Schnell- oder Selbsttest jedes Beteiligten vorliegen. „Wie Letzteres umzusetzen sein soll, weiß ich im Augenblick nicht“, sagt Müller. Nur eine von mehreren Hürden, die den Deadline-Day für die Wiederaufnahme des Punktspielbetriebs – den 9. Mai hat der WFV genannt – immer fraglicher erscheinen lassen, zumal den Klubs eine Vorbereitungszeit von drei Wochen eingeräumt wurde. Erschwerend kommen die unterschiedlichen Inzidenzzahlen in den verschiedenen Landkreisen hinzu. Diese werden gesondert betrachtet und dementsprechend kann es auch zu unterschiedlichen Lockerungen oder Verschärfungen der Maßnahmen in den einzelnen Regionen kommen. Beim Blick auf die Fußball-Verbandsliga, in der der SV Fellbach spielt, messen sich Vereine aus sage und schreibe 15 verschiedenen Landkreisen. Und die Zahlen unterscheiden sich deutlich: Von der Vorzeigestadt Tübingen mit 27,1 bis hin zu einem der Sorgenkinder Schwäbisch Hall mit 143,1 (beides Stand 8. März). Während also die TSG Tübingen auf dem besten Weg zur – auch – fußballerischen Normalität ist, darf der TSV Crailsheim im Kreis Schwäbisch Hall derzeit nicht einmal von der Rückkehr aufs Grün träumen. In der Landesliga, Staffel 2, wo sich unter anderem der SC Stammheim versucht, kommen erschwerend auch noch Mannschaften aus Bayern dazu. Schwierig, bei solch unterschiedlichen Voraussetzungen noch an einen geregelten Ligabetrieb mit Chancengleichheit zu glauben. Dementsprechend weiß auch Müller: „Wir möchten natürlich wieder Fußball spielen. Doch die Voraussetzungen sind nicht einfacher geworden.“ Zumal er mit Sorge „die wieder steigenden Infektionszahlen“ betrachtet.

Selbst im Fußball-Bezirk Stuttgart wird in drei Landkreisen gespielt und muss auf die Zahlen geachtet werden. Neben der Landeshauptstadt ist dies der Kreis Esslingen mit beispielsweise der Spvgg Stetten, dem TSV Plattenhardt und dem TSV Bernhausen. Der TSV Steinenbronn befindet sich zudem auf Böblinger Gemarkung.

Bei den Hockeyspielern des VfB Stuttgart hat man die Änder­ungen erfreut zur Kenntnis genommen – vor allem die Lockerungen für den Nachwuchs. „Wir gehen davon aus, dass wir ab dieser Woche ein Einzeltraining für Erwachsene und für die Kinder unter 14 Jahren ein kontaktloses Gruppentraining für 20 Kinder anbieten können. Noch fehlt uns aber die offizielle Freigabe der Kunstrasenanlage durch das Sportamt. Das erfolgt aber hoffentlich kurzfristig“, sagt VfB-Sportwart Andreas Höschele. Darüber hinaus würden derzeit die Terminabsprachen für die Wiederaufnahme der Feldrunde der Oberliga-Damen und -Männer ab Ende April laufen. „Das wäre dann fast identisch zum regulären Beginn.“ Durchaus möglich, denn der Stufenplan sieht ab dem 5. April „ein nahezu reguläres Training bei einer stabilen 7-Tage-Inzidenz von unter 100 vor“ .

Wie bei den meisten Klubs hat man auch beim TV Cannstatt auf die neuen Verordnungen reagiert. „Unter strengsten Hygienevorschriften wird der Verein so viel Sport als möglich anbieten“, sagt Geschäftsführer Benjamin Löwinger. Neben der Öffnung des vereinseigenen Fitnessstudios unter einem Nutzungskonzept analog zum Dezember, in dem die Sportlerinnen und Sportler online oder telefonisch ihren Termin für 50 Minuten Training buchen müssen, sei vor allem Bewegung für viele Kinder wieder möglich. „Die Kinder in unserer Kindersportschule erfahren dort eine umfassende Bewegungsausbildung, dies kann somit wieder angeboten werden – outdoor eben.“

In den Tennisvereinen laufen indes die Vorbereitungen auf die Freiluft-Saison, werden die Anlagen auf Vordermann gebracht. Vielerorts mit dem Ziel, schneller als in den Zeiten vor Corona den ersten Ball übers Netz fliegen zu lassen. „Im Freien darf man jeden Platz nutzen“, weiß Julia Klassen vom WTB. Bei einem Inzidenzwert von weniger als 50 dürfen sich laut Verordnung theoretisch gar zehn Personen auf einem Feld tummeln, zwischen 50 und 100 nicht mehr als fünf Personen aus maximal zwei Haushalten und darüber nur mit den Angehörigen des eigenen Haushalts und einer weiteren Person. Grundvoraussetzung für das Bespielen der Außenlage ist laut Bestimmungen, dass Toiletten, Umkleiden und Duschen nicht genutzt werden.

Fest steht bereits der Start der Freiluft-Tennissaison. Diese ist für das Wochenende 12./13. Juni terminiert. Geplant „sowohl mit Einzel und Doppel“, weiß Klassen.

Auch wenn die Verordnungen niedergeschrieben sind, wird bei Sportkreis-Geschäftsführer Dominik Hermet weiterhin das Telefon häufiger als sonst klingeln, zumal die Bestimmungen wieder Raum für Spekulationen und Interpretationen lassen. Dem Graf aus der Sesamstraße wär’s egal – er käme bei all den Zahlenspielen voll auf seine Kosten.

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