Foto: Lichtgut/Julian Rettig - Lichtgut/Julian Rettig

Twenty One Pilots sind derzeit die vielleicht faszinierendste Liveband der Welt – dank grandioser Pop-Hymnen und eines visionären Showkonzepts.

StuttgartDie Musikvideos von Twenty One Pilots sind cineastische Freuden. Von „Stressed out“ mit einem ultracoolen Handshake bis hin zu „Ride“ mit seinem Wechsel zwischen Tag und Nacht – allesamt erfrischend. Im Video ihres Hits „Jumpsuit“ spielt ein brennender Ami-Schlitten eine Hauptrolle – der auch in der restlos ausverkauften Stuttgarter Schleyerhalle zu den harten Beats des gleichnamigen Openers lichterloh in Flammen steht. Die schweren Töne generieren nur Schlagzeug und Bass, mehr Instrumentales ist da am Anfang nicht: eine minimalistische, apokalyptische Performance zum Auftakt – und zu Beginn eine verstörende. Wegen vieler (Umzieh-)Pausen zwischen den Tracks und damit einigem Leerlauf. Verstörend auch, weil sehr viel Musik vom Band zugespielt wird.

Das Konzert selbst erscheint wie ein theatralischer Comic-Strip, absurd und bombastisch zugleich. Das Duo aus Columbus im US-Staat Ohio – Sänger Tyler Robert Joseph und Schlagzeuger Joshua William Dun, beide 30 Jahre alt – beginnt mit vermummten Gesichtern. Warum? Keine Ahnung. Später stehen die US-Boys als Endzeitgestalten mit Gasmasken auf der Bühne, noch später tragen sie gelbe Jackets, noch viel später ist Duns Oberkörper frei. Eine langsame Entblößung.

Sie dürfen alles und sind alles

Das gilt auch für die Musik. Der anfänglich skizzenhafte Soundmix fungiert lediglich als Einführung in die Fusion ihres originären Musikstils, der unkonventionelle Klangwelten und Lyrik verschmilzt. Die Mischung lässt sich – wie beim ominös-düsteren Rap-Stakkato „Levitate“ und dem folgenden „Fairly Local“ – in keine Genre-Schublade stecken: Hip-Hop, Pop, Rap, Indierock, Elektro, Disco – die Pilots dürfen alles und sind alles. Vermeintlich unvereinbar und in den ersten drei Songs changierend zwischen fade und betörend. Wundert das einen? Sie selbst nennen ihren Style Schizoid Pop.

Doch mit dem Mega-Hit „Stressed out“, der dem 2009 gegründeten Duo vor zwei Jahren einen Grammy einbrachte, beginnt die scheinbar wilde Beliebigkeit sich auf wundersame Weise zu einem stimmigen, enorm eingängigen Ganzen zu verschmelzen. Bereits bei „Heathens“, 2016 als Soundtrack zum Film „Suicide Squad“ genutzt und von Tyler Joseph selbst am Klavier begleitet, hängt die Arena an seinen Lippen. Bis zum Konzertende gleicht kein Song mehr dem anderen, typische Pop-Strukturen sucht man vergeblich. Und trotzdem schafft das Duo mit diesem ungewohnt experimentellen, teilweise brachialen Schwermetallsound etwas Einzigartiges. Der Sound saugt sich, auch dank teils komplizierter Rhythmen, regelrecht in den Körper. Das Konzert ist ein einziger Organismus: Die Musik ist Blut, das in Arterien und Venen zirkuliert, und Atemluft zugleich, die die Lungen aufbläht.

Die Fangemeinschaft, die sogenannte Skeleton Clique, wird regelrecht aufgepumpt. In Stuttgart bringen 13 000 singsüchtige und textsichere Anhänger wie beim wunderschönen „Cut my Lip“ die Halle zum Beben. Bei „Heathens“ und dem rasanten Ukulele-Knaller „We don´t believe what’s on TV“ wogt eine gigantische, händewerfende Welle durchs Rund. Wer’s nicht erlebt, wird es nicht glauben. Viele Fans sind gelb-schwarz gekleidet, um die Farbgebung des aktuellen, fünften Albums „Trench“ zu feiern. Und gleichzeitig feiern und goutieren sie ein Bombast-Spektakel mit Alleinstellungsmerkmal. Sie sind Zeugen einer neuen Konzertmachart. Gäbe es einen Oscar für Live-Entertainment – der gigantisch-energetische Multimedia-Overkill von Twenty One Pilots müsste ihn bekommen. Eine derart perfekt choreografierte Reizflutung inklusive Fackeln, Rauchgeysiren und Konfetti hat selten so gefangen genommen wie hier. Als hätte man skurrile Tim-Burton-Animationen mit durchgestyltem Sound und einer atemberaubenden Star-Wars-Laserlichtshow zu einem neonfarbenen Gesamtkunstwerk gekrönt. In seinem zirzensischen Bombast und seinem brillanten Spagat zwischen akrobatischem Spektakulum und melancholischer Betroffenheit stellt das zweistündige Konzert sogar Shows von Pink und Kiss in den Schatten. Doch Joshua und Tyler haben nicht nur die Fähigkeit, einen großen Raum einzunehmen, sondern das Exorbitante gleichzeitig intim zu machen. Etwa wenn sie auf der B-Bühne mitten in der Halle die neuen Stücke „Neon Gravestones“, „Bandito“ und „Pet Cheetah“ zelebrieren und ganz und gar unpeinlich US-Rap mit 80er-Jahre Synthie-Disco-Beats vermischen. Auch hier betören zusätzliche Lichtinstallationen, neben der „Gravestone“-Botschaft, am Leben zu bleiben. Die einnehmende Musik, das fantastische Bühnenbild und die Kombination aus Outfits und Bühnencharisma, besonders von Tyler Joseph, verleihen dem Konzert das Prädikat „besonders wertvoll“.

Singend auf der Tribüne

Gleich darauf sind sie wieder groß und prächtig. Hier Dun, der derartig manisch und verlockend auf sein prominent platziertes Drumkit eindrischt, dass der Riss in der Membran immer nur einen Bruchteil entfernt scheint. Einmal trommelt er, ganz nebenbei seinen durchtrainierten Astraloberkörper zur Schau stellend, auf einem Schlagzeugset, das auf einer Holzplatte von den Zuschauern getragen wird. Multiinstrumentalist Joseph wiederum wechselt vom basszupfenden Terroristen über den Ukulele-Crooner im Hawaihemd und mit überdimensionaler Sonnenbrille zum melancholischen Piano-Man. Rappend, rockend, schreiend und erzählend springt und tänzelt er wie ein Irrwisch über die Bühne. Wunderbare Melodien beherrscht er genauso wie schwindelerregende Rap-Rhythmen und waghalsige Kletterpartien auf Bühnentraversen. Er ist ein Musik-Zauberer, der sogar Sekunden nach seinem vermeintlichen Verschwinden hoch oben auf der Tribüne singend wieder auftaucht.

Am Ende – nach den Zugaben „Chlorine“ und „Leave the City“ – schließt sich der Kreis perfekt. Zu „Trees“ spielt Joseph ein kleines Keyboard, das auf dem abgewrackten und wieder in Brand gesetzten Auto steht. Es ist der Abschluss eines im wohlmeinenden Sinne absurden Konzerts, das mit dem Schlagen zweier auf Publikumshänden ruhender Basstrommeln und einem gelben Konfettiregen endet. Das explodierende Effekt-Gewitter geht auf die ekstatischen Fans und die grandiosen Performer gleichermaßen nieder.

Twenty One Pilots sind derzeit die vielleicht faszinierendste Liveband der Welt. Langweilig ist es keine Sekunde – dank einiger der fesselndsten Pop-Hymnen, die in den zurückliegenden Jahren das Licht der Welt erblickt haben, dank eines visionären Showkonzepts und nicht zuletzt dank einer unbändigen Leidenschaft ohne Berührungsängste. Kurzum: ein konzertantes Meisterwerk.

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