Gehören längst zum Stadtbild: die orangefarbenen Radler Foto: dpa/Michael Kappeler

Der Lockdown hat das Geschäft von Lieferando in neue Sphären geschossen. Nun steht der Lieferservice in der Kritik, weil er sogenannte Schattenseiten von Restaurants ins Internet stellt, von denen die jeweiligen Betreiber oft überhaupt nichts wissen.

Stuttgart - Der Gastrolieferdienst Lieferando betreibt für mehr als 200 Stuttgarter Lokale eigene Websites samt Bestellfunktion, deutschlandweit sind es 50 000 Seiten. Das geht aus einer Liste hervor, die der Bayerische Rundfunk mithilfe des IT-Sicherheitsunternehmens Domaintools recherchiert und unserer Redaktion auszugsweise zur Verfügung gestellt hat. Die Seiten werden zusätzlich zu jenen betrieben, die die Lokale selbst ins Netz stellen. Darunter finden sich viele Pizzerien und Dönerläden, aber auch Burger- und Sushi-Restaurants sowie Imbisse und einige bekanntere Lokalitäten. Das Besondere an diesen Homepages: Von sieben von dieser Zeitung angerufenen Gastronomen wusste nur ein einziger von dieser Homepage. „Ich habe vor Kurzem davon erfahren“, sagt Jule Koch vom Jumy Kitchen in Untertürkheim, „und ich finde es furchtbar!“

Die Webseiten sind standardisiert

Die Recherche gibt einen interessanten Einblick in die Welt des Gastromarketings. Die von Lieferando erstellten Webseiten sind standardisiert. Im Titel steht der Name des Lokals, darunter ein Spruch wie „Einfach lecker!“ (Akeno), „Immer eine gute Idee!“ (Il Pomodoro) oder „Lecker, lecker!“ (Reiskorn) vor einem Symbolfoto. Dann folgt das Menü samt Bestellfunktion. Anders als die „echten“ Websites der Lokale, über die man meist bei den Restaurants direkt bestellt, verweisen die Seiten allerdings auf Lieferando.

Für solche Bestellungen erhält das Unternehmen Provision, meist 13 Prozent, auch wenn die Gastronomen wie etwa das Jumy Kitchen die Gerichte später sogar selbst ausliefern. Meist 30 Prozent sind es, wenn Lieferando die Lieferung übernimmt. Es hat also ein Interesse daran, dass Kunden möglichst viele Bestellungen über diese Websites tätigen und nicht bei den Lokalen direkt ordern. Lieferando bewirbt „seine“ Websites per Anzeige bei Google. Sie tauchen in der Suchmaschine also sehr oft ganz oben auf.

Es entsteht der Eindruck, dass man direkt beim Restaurant bestellt

Im Impressum sind jeweils die Restaurantbetreiber selbst genannt, nicht Lieferando oder die niederländische Mutterfirma. So kann der Eindruck entstehen, dass man direkt beim Restaurant bestellt. In der Praxis sei das aber kaum von Belang, findet der Lieferando-Sprecher Oliver Klug: „Vielmehr retten wir vielen Restaurants im Lockdown die Existenz. Und dazu tragen auch diese Seiten bei.“

Kleinen Pizzerien oder asiatischen Restaurants fehle oft das Alleinstellungsmerkmal, etliche hätten auch gar keine professionelle Website. Sie profitierten in Form höherer Umsätze von dem Marktplatz, den Lieferando bereitstelle. Auch deshalb entschieden sich viele für die von Lieferando erstellte Standardsite. Gezwungen werde niemand, auch werde dies bei einem Gespräch mitgeteilt.

Wirtin findet: „Das geht gar nicht“

Genau dies bestreitet Birgitt Grupp vom Paulaner in der Innenstadt. „Darauf hat uns definitiv niemand hingewiesen“, sagt die Wirtin. Dass Lieferando darauf verweist, dass die Möglichkeit, eine sogenannte Mini-Site zu erstellen, auch in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGBs) stehe, mache die Sache nicht besser. „Da liest doch kein Mensch alles durch.“ Dorit Münzer-Bock, die Chefin von der Speisekammer West, wusste von dieser zweiten Homepage auch nichts – und verweist auf ihren Vertrag, den sie noch mit Foodora abgeschlossen habe. Bei ihr wie im Paulaner bestellen die meisten Menschen noch telefonisch. Lieferando nehme also nur einen nachrangigen Anteil am Umsatz ein, „aber ich hätte von der Seite schon gerne gewusst“, sagt Dorit Münzer-Bock. Und Birgitt Grupp findet schlicht: „Das geht gar nicht!“

Für kleine Betriebe eine „super Plattform“

Beim Jumy Kitchen, das Burger und Pizza anbietet, ist die Sache anders. „Je jünger die Kundschaft ist, desto mehr geht doch heute über das Smartphone“, sagt Jule Koch. Sie lässt selbst ausliefern. Da würde sie schlicht 13 Prozent sparen, wenn die Menschen über die eigene Homepage und das Telefon bestellen würden. Aber von dieser Hoffnung hat sie sich verabschiedet. Die Leute würden in ihrem Segment mit Burgern und Pizza ihre Bestellungen heute nicht mehr telefonisch durchgeben. Als Realistin sagt sie auch: „Für einen Miniladen wie uns bietet Lieferando natürlich eine super Plattform.“

Pizzalieferdienste, Dönerläden oder asiatische Lokale erscheinen aus Sicht der Kunden oftmals austauschbar. So erklärt sich womöglich auch, dass diese Art von Lokalen wesentlich häufiger mit Lieferando kooperiert und die Standardwebsites akzeptiert als etablierte Restaurants.

Tendenziell verzichteten vor Ort bekannte Restaurants häufiger auf die Lieferando-Website, sagt der Unternehmenssprecher Oliver Klug. Aber ob man das selbst in die Hand nimmt oder es Lieferando erledigen lässt: Ohne professionelle Internetpräsenz und Lieferdienst geht es heute offenbar nicht mehr. Erst recht nicht im monatelangen Lockdown.

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