Zwischen Dauerbeschallung, günstigen Mieten und Müllproblemen: So leben Stuttgarter im Leonhardsviertel. Foto: privat, Tanja Simoncev, Theresa Schäfer, Gerrit Wohnsdorf

Zwischen Rotlicht und Ausgehmeile: Das Leonhardsviertel in Stuttgart ist ein Ort voller Kontraste. Wie lebt es sich dort wirklich? Vier ganz unterschiedliche Menschen berichten.

Zwischen Rotlicht- und Ausgehviertel, zwischen Drogen, Dreck und Authentizität, wo Bars auf Mutproben und echte Originale treffen – in diesem Spannungsfeld bewegt sich Stuttgarts Altstadt.

Was dabei manchmal übersehen wird: Im Leonhardsviertel mitten in der Stadt wird auch gewohnt. Aber wie lebt man dort, wo sich andere die Nächte um die Ohren schlagen und Liebe käuflich ist? Wie tolerant muss man sein?

Wir haben mit vier Menschen über ihr Zuhause in Stuttgarts zentralstem, aber auch zwielichtigstem Viertel gesprochen.

Die Künstlerin: Justyna Koeke liebt ihre 24-Quadratmeter-“Höhle“

Künstlerin Justyna Koeke lebt auf 24 Quadratmetern mitten im Leonhardsviertel. Foto: Tanja Simoncev

Wenn Justyna Koeke über ihre Wohnung im Leonhardsviertel spricht, leuchten ihre Augen. „Ich liebe diesen Ort, der für mich wie eine Höhle ist.“ 2020, während Corona, sei sie von Ludwigsburg in Stuttgarts Altstadt umgezogen.

Ein befreundeter Maler hat vor ihr dort gewohnt und sie habe ihn insgeheim immer ein bisschen um dieses Stadtjuwel in der Jakobstraße mit einer „wahnsinnig guten Anbindung“ beneidet. Der Freund zog weiter und sie in die 24-Quadratmeter-Wohnung, für die sie mittlerweile 330 Euro Miete monatlich zahlt. „Das ist für mich als Künstlerin natürlich toll.“

Früher Bordell, jetzt Wohnung: „Ich liebe diesen Ort, der für mich wie eine Höhle ist“

Koekes Nachbarn sind alleinstehende Männer – das Schöne: man bringe sich manchmal Frühstück vorbei. „Und wir alle leben hier in ganz kleinen Parzellen, die früher zu einem Bordell gehörten“, erzählt die Kostümbildnerin, die neben ihrer Selbstständigkeit auch an der Kunstakademie arbeitet.

Ihre Wohnung sei sehr minimalistisch eingerichtet, immer aufgeräumt, ein guter und ruhiger Ort zum Schlafen – mit einem Fenster zum Hof. „Da merkt man erst mal, wie wenig Platz und Dinge man eigentlich braucht“, betont die Künstlerin, die vorher Wohnen und Arbeiten unter einem Dach kombinierte. „Das war aber mit viel Chaos verbunden.“

Zwischen Armut, Ausbeutung und Authentizität – Leben im Leonhardsviertel

Als ihr Sohn auszog, um zu studieren, war für die alleinerziehende Mutter klar: „Ich will an dieser Situation etwas ändern.“ Und so zog es die 49-Jährige ins Leonhardsviertel über die Jakobstube. Ihr Atelier ist mittlerweile bei den Wagenhallen.

Die kreative Stuttgarterin findet es interessant, in einem Viertel zu wohnen, das noch sehr ursprünglich, aber eben auch, wie sie selbst sagt, authentisch ist: „Ich bevorzuge es, in einem echten, aufrichtigen Stadtviertel zu leben.“ Und doch geht auch an Koeke die Diskussion um das Rotlichtviertel nicht vorbei. „Ich bin eine große Gegnerin von käuflichem Sex.“

Aber unsicher oder unwohl fühle sie sich hier als Frau nie. Eher im Gegenteil. „Es gibt eine große Polizeipräsenz im Leonhardsviertel.“ Außerdem lasse sich die Künstlerin nicht so schnell einschüchtern und genieße lieber den Ausblick vom Züblinparkhaus – mit einer gewissen inneren und äußeren Distanz zum Geschehen in den belebten Gassen.

Der Bezirksvorsteher: Colyn Heinze ist sich bewusst, dass er zur Gentrifizierung des Viertels beiträgt

Der Degerlocher Bezirksvorsteher Colyn Heinze wollte zentral in Stuttgart wohnen. Foto: Gerrit Wohnsdorf

Wer den Namen Colyn Heinze hört, verortet diesen direkt in Degerloch. Er ist ja schließlich auch Degerlochs Bezirksvorsteher. „Nach 27 Jahren in Degerloch wohne ich seit über zwei Jahren im Leonhardsviertel – und das mittendrin“, sagt der Stuttgarter, der unter anderem auch in der Kulturszene im Kessel sehr engagiert ist – etwa bei Hotel Central oder Cinema Futuro.

Gentrifizierung im Leonhardsviertel: Ein bewusstes Dilemma

Das Haus, in dem er nun wohnt, sei mal ein Arbeiterhaus gewesen – mittlerweile super saniert. „Durch mein Wohnen dort trage ich zur Gentrifizierung bei, das ist mir bewusst.“ Aber der Stuttgarter Miet- und Wohnungsmarkt ist nun mal, wie er ist.

Das heißt zwar nicht, dass man nimmt, was man kriegen kann, aber wer in Mitte, Süd oder West sucht, freut sich eben über jemanden, der jemanden kennt, der was weiß.

„Man muss entweder extremes Glück oder eine Verbindung haben und ich hatte glücklicherweise eine Kombination aus beidem“, erinnert sich Heinze. Es habe sich so gut gefügt, sodass für den Bezirksvorsteher gleich klar war: „Ich gehe nicht weiter auf die Suche.“

„Wenn Stuttgarter Innenstadt, dann jetzt“ – Degerlocher Junge zieht ins Leonhardsviertel

Die Lage habe ihn direkt begeistert und der 29-Jährige wollte auch keine Kompromisse mehr eingehen. „Ich dachte mir damals: Wenn ich noch einmal in die Innenstadt ziehe – die meisten in meinem Alter ziehen ja eher aus der Stadt raus – dann jetzt.“

Und neben allem, was im Leonhardsviertel abgeht, sei es sonntagnachmittags am merkwürdigsten, dort unterwegs zu sein. „Wenn keine Bar und Kneipe offen ist, dann herrscht so eine komische Ruhe-nach-dem-Sturm-Stimmung“, findet der smarte Cineast.

Außerdem beobachtet Heinze das Wohnen im Leonhardsviertel aus mehreren Blickwinkeln und gibt zu bedenken: „Wenn die Prostitution aus der Altstadt ausgelagert wird, was passiert dann mit dem Viertel? Insbesondere in Anbetracht der jetzt schon kritischen Lage bei Lärmbeschwerden sehe ich wenig Chancen für neue Bars oder sogar Clubs.“

Der Musiker: Juma (Juan-Martín Cuesta Bustamante) vermisst das „harte Viertel“

Musiker Juan-Martín Cuesta Bustamante vermisst das Leonhardsviertel von früher. Foto: privat

„In Stuttgart lässt es sich bestens leben, wenn man weiß, wo man hingehen muss, um eine gute Zeit zu haben – im Leonhardsviertel ist das für mich die Holzmalerbar“, sagt Juan-Martín Cuesta Bustamante, bekannt als Juma. Der Salesmanager und leidenschaftliche Musiker lebt seit sechs Jahren in Stuttgarts Altstadt.

Die Wohnung habe der 33-Jährige damals durch Zufall gefunden. „Eine Freundin von mir hatte von meiner Suche nach einer neuen Bleibe erfahren und mir dann eine Wohnung bei ihr im Haus vermittelt.“

„Verliebt in die Idee: Leben im pulsierenden Leonhardsviertel“

Als Juma erfährt, dass sich die Wohnung im Leonhardsviertel befindet, war er direkt verliebt in die Idee, dort zu leben. „Das hat mich einfach gereizt, so mitten in der Stadt zu wohnen, mit vielen coolen Bars nebenan, im Suessholz war ich oft – das fand ich natürlich alles sehr spannend.“

Das Viertel sei „wirklich verrückt, schön und ganz schön dreckig – etwas ganz Eigenes“. Man wisse nie, was als nächstes passiert, so direkt vor der Haustür. „Und du weißt auch nie, ist das jetzt legal oder illegal?!“

Wer steht vor der Tür – Freund oder Freier?

Nach sechs Jahren sei nicht mehr alles im Viertel sein Ding. „Aber ich liebe meine Wohnung. Ich habe eine schöne, kleine Terrasse, viel Platz für mich, oben im Dachgeschoss. Sobald ich die Fenster zumache, bin ich ganz in meiner Welt.“

Und wenn der Musiker eines der Fenster nur ein bisschen öffnet, dann sei er mitten im Geschehen – das könne cool sein, aber auch nerven. „Aber genau das schätze ich und es inspiriert mich, Songs zu schreiben.“ Und wenn man nachts die Tür öffne, wisse man nie: Steht da jetzt ein Freund oder ein Freier?!

„Hype statt hartes Viertel“ – Authentizität im Leonhardsviertel schwindet

Das sei aber das kleinste Problem, findet Cuesta Bustamante. Vieles habe sich im Viertel verändert. „Das Publikum ist mittlerweile ein anderes, früher war es irgendwie echter.“ Es habe an Authentizität verloren, findet der kreative Stuttgarter: „Hype statt hartes Viertel, das finde ich nicht sehr attraktiv. Mal sehen, wie lange ich dort noch wohne“.

Der Vermieter: Manfred Hund gehört das Haus mit der Fou Fou-Bar

Wollte nie ein Haus im Rotlichtviertel – Vermieter Manfred Hund. Foto: Theresa Schäfer

„Ich will doch kein Haus im Rotlichtviertel.“ Das, sagt Manfred Hund, sei sein erster Gedanke gewesen, als die Stadt Stuttgart die Leonhardstraße 13 zum Kauf anbot. Aber seine Frau Ruth habe etwas in dem Wohnhaus in zentraler Lage im „Städtle“ gesehen. Also gab er ein Gebot ab.

Historisches Arbeiterhaus von Theodor Fischer saniert

Teuer war das Haus damals nicht, sagt der 74-jährige Diplomingenieur, der in Stuttgart über die Jahre zehn denkmalgeschützte Häuser saniert hat. Vor allem deshalb, weil es heruntergekommen und stark renovierungsbedürftig war. Aber die Substanz war gut. Der bekannte Architekt Theodor Fischer plante es als Wohnhaus für Arbeiter, erbaut wurde es 1905.

Hund sanierte von Grund auf. Zwischendurch, sagt er heute, habe er Sorge gehabt, niemand wolle einziehen, denn damals war das Viertel noch kein bisschen hipp, es regierte die Prostitution. Aber als er fertig war, rissen sich die Leute um die Wohnungen: „Natürlich fragten keine Familien mit zwei kleinen Kindern an. Dafür aber junge Paare, die mittendrin zentral wohnen wollten.“

Das war 2007. Ein paar Jahre später standen Steffen Witz und Marcel Henke in seinem Büro. Sie wollten im Erdgeschoss der „Leo 13“, wo lange der Antiquitätenladen von Sigrid Moore war, eine Bar aufmachen. Und zwar keinen Tabledanceschuppen, sondern eine Cocktailbar. Die Fou Fou-Bar wurde zum Vorzeigeprojekt im „Städtle“, von Rathausvertretern wie der Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle immer als Beispiel gebracht, wo es hingehen soll mit dem Leonhardsviertel.

Die Entwicklung weg vom Rotlicht-, hin zum Ausgeh- und In-Viertel hält Manfred Hund für ausgemacht. Auch wenn er selbst es kritisch sieht, dass das Gewerbe ganz raus soll aus der Altstadt. „Jede große Stadt hat ein Rotlichtviertel. Hier im Leonhardsviertel ist es klein und gut überschaubar. Wenn man es hier verdrängt, taucht es anderswo wieder auf.“ Drogenkonsum, sagt der 74-Jährige, sei das viel größere Problem.

Lärm und Kompromisse: Streit im Leonhardsviertel

Und das Thema Lärm, das immer wieder zu Streit im Leonhardsviertel führt? „Eine Mischnutzung führt immer zu Interessenskonflikten: Zum einen wollen wir, dass die Innenstädte auch bewohnt sind – andererseits kann man eine Bar nicht zwingen, um 22 Uhr zuzumachen.“ Sein Ziel sei immer gewesen, Kompromisse zu finden, mit denen alle Seiten leben können.

Dass das Leonhardsviertel über kurz oder lang gentrifiziert werden könnte, glaubt Manfred Hund nicht. „Die meisten Häuser gehören Privatleuten, die mal mehr, mal weniger Geld zum Sanieren haben. Hier fallen keine großen Immobilieninvestoren ein und machen ein Luxusviertel draus.“