Für Karen Pfeiffer vom deutsch-englischen Musikduo „Karen & Paul Walker“ ist die Atmosphäre in der Palette etwas ganz Besonderes. Foto: /David Hiney

Die Musikerin Karen Pfeiffer hat Kulturbürgermeister Fabian Mayer schriftlich um Hilfe gebeten.

Bad Cannstatt - Aysen Ener, der Pächterin der Palette, steht das Wasser bis zum Hals. Der Betreiberin des Restaurants in der Brunnenstraße 19 wurden sowohl die November- als auch Dezemberhilfe verwehrt, sollte der Lockdown nicht in absehbarer Zeit enden, wird sie ihren kleinen Laden wohl aufgeben müssen (wir berichteten). „Seit der erneuten Zwangsschließung geht es bergab.“ Von ihrer Mini-Rente und einem Kleinkredit könne sie ihren Alltag gerade noch so bestreiten. Für die Kosten der Palette wie Pacht und Vorauszahlungen an Energieanbieter bleibe aber nichts übrig, so Ener, die sich jedoch gegen das drohende Aus stemmt. Gemeinsam mit einem Stammgast hat sie unter dem Motto „Rettet die Palette“ im Internet auf der Plattform Betterplace.org eine Spenden-Kampagne gestartet. Das dort ausgegebene Ziel ist, 9650 Euro zu sammeln.

790 Euro von 23 Spendern

„Ich habe mir meine monatlichen Fixkosten ausgerechnet, für Februar, März und April. Sie mal drei genommen und davon abgezogen, was ich durch Unterrichtstätigkeit und eiserne Sparmaßnahmen selbst stemmen könnte – eventuell.“ Bis zum Donnerstag, 28. Januar, sind 790 Euro von 23 Spendern und einige aufmunternde Kommentare zusammengekommen. „Aus Cannstatt – für Cannstatt“, schreibt beispielsweise ein Spender, der 30 Euro beigesteuert hat. Aysen Ener freut sich sehr über die Anteilnahme. „Auch, wenn nichts dabei herauskommen sollte, ist es schön zu sehen, dass sich mehrere Leute um den Fortbestand der Palette bemühen.“ Dazu zählen auch die Künstler, die vor der Corona-Krise regelmäßig in ihrem Kunstcafé aufgetreten sind. „Sie sind empört, planen Protestbriefe“ , so Ener, die nicht so richtig weiß, wo man sich noch beschweren könnte. „Von den Behörden höre ich nichts mehr. Da kommt kein Pieps und natürlich schon gar keine Hilfe.“

Gesellschaftlicher Knotenpunkt

Karen Pfeiffer vom deutsch-englischen Musikduo „Karen & Paul Walker“ hat sich mit einer ausführlichen und sehr emotionalen E-Mail bereits an Kulturbürgermeister Fabian Mayer gewandt. Sie kritisiert darin, dass der Pächterin die Hilfen verwehrt wurden. „Als externer Beobachter kann ich mir nicht vorstellen, dass Aysen Ener mit der Palette auch in ‚normalen’ Zeiten große Einkünfte verzeichnet.“ Aber das sei auch nicht der Grund, warum sie die Palette betreiben würde. „Sie bietet einen gesellschaftlichen Knotenpunkt im Herzen von Bad Cannstatt, ein Podium für regionale, nationale und internationale Künstler, einen Raum fürs Zusammenkommen, für Gespräche und politische und unpolitische Diskussionen, Raum für Tanz und Spiele, für Horizonterweiterung oder einfach nur Zuflucht – und ein offenes Ohr für jeden, der eines benötigt.“ Stammkunden wie Erstbesucher hätten ihr auf Konzerten ein ums andere Mal versichert, wie besonders die Atmosphäre sei. „So warm und offen“, betont Karen Pfeifer.

95 Prozent der Liveauftritte ausgefallen

Das Gleiche gelte für die Künstler. Der Empfang, die Liebe zum Detail mit der Aysen Ener den „Backstagebereich“ und alles andere ausstaffiert, sei einfach bemerkenswert. „Wir empfänden es als herben Verlust für die Cannstatter und Stuttgarter Kulturszene, die Palette zu verlieren. Als Künstler haben wir im vergangenen Jahr über 95 Prozent unserer Liveauftritte und Einkünfte verloren, wir können und wollen uns nicht leisten, dass, wenn das hier alles vorüber ist, auch unsere vergangenen und zukünftigen Auftrittsorte verschwunden sind“, so Pfeiffer, die den Kulturbürgermeister an ein Statement aus dem vergangenen Sommer erinnert. Er habe in einem Interview erklärt, dass die Stadt mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern wolle, dass Institutionen aufgeben müssen. In ihrer E-Mail bittet sie zudem Fabian Mayer sowohl als Bürgermeister als auch als Mensch dringend um Hilfe. „Was können wir, was können Sie tun, um die Palette zu retten und ihr Überleben langfristig zu sichern?“

Krüge vor dem Café

Aysen Ener hat trotz der prekären Situation ihren Kampfgeist, für ihre „kleine Kneipe um die Ecke, in der man essen und trinken, plaudern und lachen, Kulturelles genießen kann“ nicht verloren. Seit Montag hat die ehemalige Deutsch- und Englisch-Lehrerin, die unter anderem am Gottlieb-Daimler-Gymnasium Schülerinnen und Schüler unterrichtete, vor ihrem Laden einen Tisch mit Bierkrügen aufgestellt, die man für eine beliebige Spende erwerben kann. „Dazu muss man sich einfach einen Krug aussuchen und den Betrag in eine Kasse links am Eingang werfen.“ Wer mehr als acht Euro spendet, erhalte einen Getränkegutschein. „Für die Zeit nach der Wiedereröffnung. Hoffentlich.“

Die Spendenkampagne ist im Internet unter https://www.betterplace.me/rettet-die-palette zu finden.

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