In Böblingen verschwindet ein weiteres Traditionsunternehmen. Nach fast drei Jahrzehnten in der Geschäftsführung verkaufen die Inhaber an eine größere Firma.
Und schon wieder klingelt das Telefon. „Hän’ Se’s scho’ mitkriegt?“, fragt Erika Schnürer die Kundin am anderen Ende der Leitung. Offenbar ist das der Fall, denn das Gespräch dreht sich nur um ein Thema: Das Ende von Zeile Büroorganisation. „Man muss au’ loslasse’ könne’“, sagt die 64-Jährige und erzählt der Kundin, wie müde sie mittlerweile nach ihren Zehn-Stunden-Tagen sei, wie ungern sie derzeit die lange Hin- und Heimfahrt von Rottenburg im Dunklen mache, wie sie bald auf einem Elektroroller durch die Gegend flitzen wolle und wie sie und ihr Mann mit dem Gedanken spielen, sich vielleicht ein Wohnmobil zuzulegen.
Es hat sich herumgesprochen: In dem Bürofachgeschäft in der Böblinger Rudolf-Diesel-Straße gehen zum Ende des kommenden Monats endgültig die Lichter aus. Zuvor läuft ab dem 2. November ein rabattierter Abverkauf. Was danach noch im Lager und in den Regalen liegen bleibt, geht in den Bestand der Firma Köbele in Nagold über. Mit dem Verkauf an den mit rund 70 Beschäftigten um ein Vielfaches größeren Bürospezialisten habe man einen sehr guten Nachfolger gefunden. Davon ist das Ehepaar Erika und Hans-Werner Schnürer überzeugt.
Nicht alle Beschäftigten wechseln nach Nagold
Zwei Jahre lang sei man in Verhandlungen gewesen, bis der Verkauf des Traditionsunternehmens schließlich in trockenen Tüchern war. Besonders wichtig sei dem Ehepaar Schnürer dabei gewesen, dass alle sechs Mitarbeitenden ein Jobangebot bekommen. „Es gehen natürlich nicht alle mit nach Nagold“, sagt Erika Schnürer. Einige, wie etwa die im Verkauf tätige Victoria Geiger, haben sich eine neue Anstellung in der Nähe gesucht. „Wobei laut Arbeitsamt 100 Kilometer zum Arbeitsplatz durchaus zumutbar wären“, wie die Mitarbeiterin kopfschüttelnd erzählt.
Wieder klingelt das Telefon. Erika Schnürer muss rangehen. In der Zwischenzeit verrät ein Blick in die Regale, was dieses Geschäft über all die Jahre ausgemacht hat: Vom Bleistift bis zum Bürosessel gab und gibt es hier auf rund 300 Quadratmetern alles, was ein gut organisiertes Büro braucht. Die Ladenfläche macht dabei nur einen Teil des Geschäfts aus. Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt ist das Lager. Über den Büroartikellogistiker Soennecken vertreibt die Zeile GmbH mehr als 20 000 Artikel.
Beim Ladenverkauf wird wenig verdient
„80 Prozent unseres Umsatzes machen Firmenkunden aus“, sagt Erika Schnürer, als sie von ihrem Telefonat zurück ist. „Alleine im Raum Böblingen beliefern wir knapp 2000 Firmenkunden“, erzählt die Familienmutter, die vor Ort den Laden führt, während ihr 66-jähriger Mann die Geschäfte im Homeoffice regelt. Zum Kundenstamm zählen beziehungsweise zählten unter anderem das Böblinger Landratsamt mit seinen Schulen, die Städte Böblingen und Herrenberg, der Klinikverbund Südwest und bis zur Insolvenz des Unternehmens auch der Anlagenbauer Eisenmann. Da seien schon einige Umsätze zusammengekommen, sagt Erika Schnürer.
Anders sehe das beim Ladenverkauf aus, wo die Margen eher im homöopathischen Bereich lägen. Mit einem amüsierten Lächeln berichtet Schnürer, wie zuletzt eine Kundin sie 30 Minuten lang wegen der Kaufentscheidung für einen Filzstift in Beschlag genommen habe. Der Kaufpreis: 78 Cent.
Mehr als 70-Jährige Firmengeschichte
In den 70ern habe der Betrieb noch am meisten mit seiner Werkstatt und der Wartung von Büromaschinen verdient. Alte Adler- und IBM-Schreibmaschinen oder klobige Stenorette-Diktiergeräte aus den späten 50er- und frühen 60er-Jahren in den Regalen dokumentieren, wie das Unternehmen sich entwickelt hat.
Die Anfänge der mehr als 70-jährigen Firmengeschichte gehen zurück auf das Jahr 1950, als aus der Handelsschule Zeile die Paul Zeile KG als Vollsortimenter für Bürobedarf, Büromaschinen und Büromöbel hervorging. Nach dem Tod von Uli Zeile, der die Firma des Vaters übernommen hatte, kaufte das Ehepaar Schnürer den Betrieb und wandelte ihn im Jahr 1997 in die Zeile GmbH um. Hans-Werner Schnürer hatte hier seine Ausbildung zum Büromaschinenmechaniker gemacht und bereits 20 Jahre dort gearbeitet.
„Mach’sch mit?“, habe er seine Erika damals gefragt, ob sie mit ihm den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wolle. Er und die gelernte Augenoptikerin waren schon seit der Berufsschule ein Paar. Für einige Jahre betrieben Schnürers ein Ladengeschäft in der Sindelfinger Straße, gaben dieses aber als Konsequenz aus dem Umzug in die Rudolf-Diesel-Straße auf. Dieser erfolgte im Jahr 2000. „Wir wollten nicht doppelt Miete zahlen“, erklärt Erika Schnürer.
Dass heute keines ihrer drei Kinder den Betrieb übernehmen will, dafür hat Erika Schnürer Verständnis. „So viel schaffe’ und so viel Verantwortung – und des net bloß für sich selbst, sondern au’ für die Mitarbeiter“, sagt sie. Als Geschäftsinhaber habe man eben keine 40- sondern eher eine 60- bis 70-Stundenwoche. Was aber nicht heiße, dass am Ende mehr Verdienst hängen bleibe.
Beim Firmenchef haben sich 367 Urlaubstage angesammelt
Von Freizeit ganz zu schweigen. Ihr Mann habe über die Jahre 367 Urlaubstage angesammelt, sie selbst 172. Da gibt es einigen Nachholbedarf. Die angehende Ruheständlerin freue sich deshalb schon darauf, mit ihrem Mann „hoffentlich noch ein paar gute Jahre“ verbringen zu können. Man sei einfach „in der wunderbaren Situation“, ohne Schulden und Druck von außen das Geschäft in gute Hände übergeben zu können.
Leicht falle ihr der Abschied dennoch nicht. Schließlich habe sie den Job trotz aller Mühe gern gemacht. „Ich werde viele meiner Kunden sehr vermissen“, sagt sie deshalb – und läuft hinunter in den Laden. Denn dort warten ein paar davon schon auf sie.